#kulturtagebuch 1. Advent 2020: #Hoffnungsleuchten – mit Worten, Tönen, Bildern

#kulturtagebuch 1. Advent 2020: #Hoffnungsleuchten – mit Worten, Tönen, Bildern

Beim heutigen Morgenspaziergang an der Flensburger Förde habe ich es erlebt: dieses #hoffnungsleuchten. Es spiegelte sich im Wasser, strahlte auf für einen Moment, verschwand dann wieder hinter einer grauem Wolkenwand. Ein flüchtiges Glitzern. Helle Töne für die Augen. Unverfügbar eben.

An jedem Tag im November habe ich es erlebt: so ein #hoffnungsleuchten. Immer wieder anders. Manchmal früh morgens im Dunkeln auf dem Weg zur Arbeit. Manchmal beim Lesen in einem Buch. Manchmal beim Lauschen auf eine Musik, beim Singen oder im Gespräch mit anderen Menschen. Wenn ein leises “Fürchte dich nicht”, mal leichter, mal schwer in mir anklang. Bei einem Tee zu zweit. In einem Brief oder während eines Telefonates.  Nie habe ich es nur für mich allein erlebt. Denn das Leuchten geht ja mit Reflexion einher, mit Ausstrahlung auf etwas anderes oder von etwas außerhalb von mir, mit Resonanz in einer Begegnung, mit einer Wahrnehmung des ganz Anderen inmitten der Dunkelheit…

An jedem Tag im November habe ich darüber etwas geschrieben: im #kulturtagebuch. Ich habe das #kulturtagebuch am 1. November 2020 als eine Art Experiment begonnen. Mich treibt die aktuelle Situation der Kulturschaffenden um. Ich nutze vielfältige Möglichkeiten, mit denen ich Kulturschaffende in dieser Zeit unterstützen kann. Und ich hoffe, dass wir längerfristig aus der derzeitigen Situation lernen und für die Zukunft vielleicht andere Modelle der Gemeinwohlökonomie entwickeln, die insgesamt und auch für andere Berufsgruppen zu mehr Solidarität und Gerechtigkeit beitragen würden. Alles das sind Herausforderungen und Aufgaben, die nicht übers Knie zu brechen sind, weil sie ganz unterschiedlichen Lebenssituationen gerecht werden müssen. Und als solche auch dann wichtig bleiben, wenn sich die Konzerthäuser und Theater wieder mit Publikum füllen.

 

Wie berührt, bewegt und begleitet mich Kultur in dieser Zeit?

 

Zugleich wollte ich mit dem Experiment #kulturtagebuch noch etwas anderes herausfinden: Was bleibt? Was entsteht neu? Wie berührt, bewegt und begleitet mich Kultur in dieser Zeit – Tag für Tag? Was schöpfe ich aus Quellen der Vergangenheit? Auf welchen Wegen erreichen mich Töne, Bilder und Worte in der Gegenwart? Und was lösen sie aus – bei mir und bei anderen? Welche Stimmen nehme ich wahr – aus der Nähe und aus der Ferne? Nicht im Kino, nicht von der Bühne und auch nicht allein via YouTube, Zoom und in den Sozialen Netzen – sondern hier und heute in meiner Beziehung zur Welt, in einer Vielfalt von Ausdrucksformen und im Wechsel von Perspektiven, aus denen ich manches jetzt vielleicht ganz neu deuten und entdecken kann.

Darauf habe ich versucht, in besonderer Weise zu achten. Mitten im Alltag, der so ist wie er derzeit eben ist: mit seinen Begrenzungen wie mit seiner globalen Dimension, mit seinen Chancen, Freiräumen, menschlichen Beziehungen und Herausforderungen für kreative Lösungen.

 

Chancen im Ambivalenten suchen

 

Am Anfang dieses Vorhabens dachte ich: 30 x von kulturellen Erlebnissen, Begegnungen und Inspirationen in dieser Zeit schreiben? Das wird mühsam! Wo doch so viele Zeichen darauf hindeuten, dass es nun still werden könnte um die Kultur. Ich sehe die Sorgen und Gefahren, die derzeit von Kulturschaffenden artikuliert werden, und will sie absolut nicht klein reden oder widerlegen! Aber wie alles in dieser Zeit, lässt sich auch das Kulturleben derzeit nicht schwarz-weiß beschreiben. Auch hier ist die Chance und Entwicklung im Ambivalenten zu suchen: Denn neben der berechtigen Sorge um das Weiterleben der Kultur bleibt zugleich die Lebendigkeit der Kultur an jedem Tag neu und anders spürbar. In mancher Hinsicht sogar vitaler, ideenreicher und intensiver als bisher. Schließlich ist ein Dilemma, wie wir es derzeit erleben, immer auch eine Reibungsfläche, die Energien freisetzt und die Kreativität anfeuert.

Jetzt, am Ende des Monats ahne ich: Ja, so kann es sein. Für jede und jeden vermutlich ganz anders. Aber sie sind da, sie leuchten, verstummen und verblassen nicht: die Bilder und Worte, die Lieder und Klänge, die Ideen und kreativen Impulse, mit denen Kulturschaffende etwas in die Welt gegeben haben und weiterhin geben – auch und gerade jenseits der großen Bühnen und Events.

 

Durch Kommunikation anders denken und lernen – vor allem global

 

Und vor allem: Die Bilder und Worte, Lieder und Klänge haben die Kraft, unsere eigene kleine Echokammer zu öffnen. Von den ersten Tagen der Pandemie an habe ich festgestellt, wie wichtig es jetzt ist, das weltweite Geschehen auch als globale Herausforderung wahrzunehmen, in der unsere Stimmen, Sorgen und Entscheidungen hier in Deutschland lediglich Teil einer größeren Vielfalt sind, in der wir durch Kommunikation miteinander anders und weiter denken und lernen können. Deshalb spielt im #kulturtagebuch auch der Austausch mit Frauen in Ghana und Nicaragua eine wichtige Rolle – das Nahe und das Ferne.

Oft habe ich in den letzten Wochen an Chimamanda Ngozi Adichie gedacht und an die von ihr beschriebene “Gefahr einer einzigen Geschichte”.  Und ich habe dazu gelernt durch das, was Kübra Gümüsay  in ihrem Buch “Sprache und Sein” beschreibt oder in Interviews erläutert: zur Bedeutung einer offeneren Debattenkultur zum Beispiel,  in der uns Demut, öffentliches Zweifeln und Besonnenheit im Umgang mit noch nicht abschließend zu bewertenden Situationen mehr helfen als das Beharren auf einen Absolutheitsanspruch, wie wir es derzeit vor allem im Umfeld von Verschwörungsmythen und populistischen Welterklärungsmustern erleben. Wenn dort mit Hohn und Spott das vielfältige Engagement für Umsicht und Solidarität bewusst gefährdet wird und man mit einer erschreckenden Geschichtsvergessenheit selbst vor Vergleichen mit Diktaturen und Gewaltherrschaften nicht zurückschreckt, fallen die Türen für eine konstruktive Debattenkultur krachend zu. Und es wird schwer, sie wieder zu öffnen.

 

Kulturelles Erleben sensibilisiert die Sinne im Unverfügbaren

 

Denn auch dafür brauchen wir Kultur in ihrer ganzen Vielfalt: Sie bewahrt uns vor dem verengten Blick einer vermeintlich einzigen Wahrheit und lässt uns immer wieder neu und kritisch danach suchen und fragen, was unser Leben miteinander so reich und kostbar macht, dass wir  der fragilen Umsicht getrost mehr Chancen zutrauen dürfen, als wir heute vielleicht erkennen können.

Ich glaube, dass uns kulturelles Erleben und Schaffen dabei hilft, gerade im Unverfügbaren die Sinne für die wesentlichen Quellen des Lebendigen zu sensibilisieren, die mit kreativen und künstlerischen Mitteln immer wieder neu und anders Gestalt annehmen: in Worten und Bildern, Gedanken und Begegnungen, in Gesang und Klang.

Alles das war möglich in diesem November 2020: das Singen im Freien und menschliche Begegnungen, die oft tiefer reichen als flüchtige Kontakte. Die Freude am Musizieren und am Hören von Musik.  Das Eintauchen in Bücher und Geschichten. Besuche in Bibliotheken, Gespräche und Briefe, die inspirieren – auch über Grenzen hinweg. Das geduldige Zuhören und das Erzählen. Das Malen, Fotografieren und das Staunen vor der Schönheit der Kunst und der Natur. Ganz viel Bewegung – im Freien wie im Geiste! Und Dankbarkeit – nicht dafür, dass ich “durch Corona” so vieles intensiver als sonst entdecken und nutzen konnte, sondern dafür, dass mir Kulturschaffende nah und fern immer wieder die Augen und Ohren dafür öffnen. Mehr als 50 von ihnen sind mir in diesem Monat auf die eine oder andere Weise begegnet.

Für sie und mit ihnen habe ich dieses #kulturtagebuch geschrieben.

Also nochmal: Das #kulturtagebuch erzählt vom #hoffnungsleuchten – an jedem Tag im November. Und die Adventszeit wird nun weiterhin davon erzählen…

Manchmal, da ist es einziger Ton

 

Susanne Brandt (Gedanken zu Corona im November)

 

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