Zum Welttag der Poesie: Haiga – ein feines Zusammenspiel üben

Haiku – das mag vielen als poetische Form bekannt sein: kurz, konkret, gegenwärtig, einzigartig, mit Nachklang – ohne Reim und Überschrift.

Manches spricht dafür, sich dabei an den Silbenzahl 5 /7 / 5 als „Bauplan“ für die drei Zeilen zu orientieren. Manches spricht dafür, die jeweils einzigartige Schwingung von Poesie nicht vorrangig einer starren Regel unterzuordnen. Und wie so oft: Die Meinungen dazu sind unterschiedlich, lassen sich jeweils gut begründen – und ebenso gut in ihrer Vielfalt nebeneinander respektieren. 

Die Kunst der Verdichtung findet ihren jeweils eigenen Weg zwischen der gebundenen Form und der freien Variation.

Und was ist, wenn sich ein Haiku mit einem Bild verbindet? Dann entsteht etwas Neues: ein Haiga

Schon können die Diskussionen erneut beginnen: Welche Bildform ist erlaubt, um von einem „echten Haiga“ zu sprechen? Was ist mit digitalen Fotos? Was mit Haiku und Bild im Kontext von Nature Journaling? Was mit der Schriftgestaltung? Was muss zuerst da sein – Wort oder Bild?

Bei allen Antworten, die hier möglich sein könnten, hilft der Blick aufs Wesentliche: Wie gelingt ein feines Zusammenspiel in Beziehung zu dem, was in der jeweils gefundenen Form von der Welt aufleuchtet?

Denn genau darin zeigen Haiku wie auch Haiga ihre besondere Bedeutung – gerade auch zur Vertiefung von Naturwahrnehmungen: Sie nehmen das Konkrete in den Blick und öffnen ein Fenster, um darüber hinaus noch etwas anderes zu ahnen und zu entdecken. So fangen Veränderungen an.

Was zu einem solchen Zusammenspiel beitragen kann:

  • ein gutes Gespür für eine spannungsreiche Beziehung zwischen Text und Bild wie für die Einzigartigkeit jeder Verbindung
  • eine gewisse Knappheit, Konzentration und Leichtigkeit, mit der Bild und Text sich ergänzen, Leerstellen lassen, Mehrdeutigkeit statt Doppelung suchen – und gerade deshalb über sich hinaus weisen
  • die Stärke von Einfachheit und Reibung im feinen Verhältnis zueinander – weder platt & glatt noch gewollt kompliziert und bedeutungsschwanger

Ein Text gewinnt durch ein Bild nicht automatisch an Qualität und Stärke – und umgekehrt gilt das ebenso. Beide müssen auch für sich jeweils stimmig und eigenständig wirken, um in der Verbindung gemeinsam etwas Neues hervorbringen zu können. Es geht weder um eine sachliche Bilderklärung noch um eine schmückende Textillustration.

Es geht um etwas Drittes, das sich im Zusammenspiel entfaltet: Haiga eben…- eine Erfahrung mit dem Lebendigen.

Zum Weiterlesen: www.haiku-heute.de

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Flensburg oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt