Zum 4. Advent: „Und das habt zum Zeichen…“

Aufbruch, mutige Freude, Zeit für Geschichten – mit jeder Adventswoche habe ich in diesem Jahr versucht, dem Besonderen dieser Zeit auf die Spur zu kommen. Was mir dabei geholfen hat: mit verfeinerter Aufmerksamkeit durch die Stadt gehen, besser zuhören, wenn Menschen erzählen, sich einfach mal Zeit lassen, um über das Entdeckte nachzudenken…

Flensburger Altstadt, Foto: Susanne Brandt

Nun – vor dem 4. Advent – ein viertes Stichwort, das mir dabei wichtig geworden ist: Zeichen

Wer morgen die Weihnachtsgeschichte nach Lukas liest oder hört, wird auch die Botschaft des Engels wieder hören: „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“  Was also anfangen mit solchen und vielen anderen Zeichen, die uns in unzähligen Zusammenhängen des Alltags, vor allem aber auch in religiös geprägten Zeiten begegnen?

Zeichen wollen etwas ausdrücken, tragen damit Chance und Gefährdung zugleich in sich: Sie erinnern und sie werden missbraucht und umgedeutet, verflacht und benutzt für Zwecke, die das Zeichen von seiner ursprünglichen Bedeutung lösen und so vielleicht irreparabel schädigen. Das lässt sich nicht immer verhindern. Das lässt sich wahrnehmen, bedenken und kritisch hinterfragen, wenn wir Zeichen sehen und nutzen. Es gibt nicht nur gute Zeichen. Es gibt auch Zeichen, die Menschen verletzen, erniedrigen, ausgrenzen. Zeichen zu deuten und zu verwenden heißt also immer auch: sich seiner Verantwortung bewusst zu sein bei dem, was durch Zeichen zum Ausdruck gebracht und weitergegeben wird.

Zeichen sind mit Gedächtnis verbunden. Sie lassen sich nur deuten, wenn wir uns erinnern, wenn wir sie in Verbindung sehen zu Erfahrungen. Also lasse ich mich erinnern…

Drei Momentaufnahmen – drei Entdeckungen  –  drei Impressionen:

Schrift ist Gedächtnis – und Bibliotheken schenken Raum und Stille dafür

In Rendsburg haben sich der Schriftsteller und Journalist Feridun Zaimoglu, Regierungschef Daniel Günther und Landesbischof Gerhard Ulrich diese Tage  zu einem Gespräch getroffen. Es ging um Reformation und Religionen.

Foto: Susanne Brandt

Es  ging um die Frage nach unserem Umgang mit Kultur und Erinnerung. Und es ging um die elementare  Zeichensprache unserer kulturellen Verständigung, um die Schrift. Was Feridun Zaimoglu dazu – und damit zugleich zu Bibliotheken – gesagt hat, wurde zwei Tage später von Dieter Schulz in der shz wie folgt wiedergegeben: „Schrift ist Gedächtnis…Es ist ein Kunststück, die stillen Orte, an denen man nicht rumgrölt zu bewahren…solche Orte des Gedächtnisses sind Bibliotheken oder Buchhandlungen“. In der aktuellen Debatte um die Rolle von Bibliotheken passt eine solche Aussage nicht zum Trend, wirkt wie ein Stolperstein, stört ein bisschen. Vielleicht gehört es zum Kunststück, kreativ mit dieser Spannung umzugehen und die Bedeutung von Schriftzeichen mal wieder anders in den Blick zu nehmen.

Wechselndes Licht begleitet das Warten – Kerzen und Mond als Wegzeichen

Vom Licht begleitet/ aus: Franziskus und die erste Weihnachtskrippe

Wir treffen uns zum Tee im Dämmerlicht des Nachmittags: Er hat Erinnerungen an seine Kindheit in Afghanistan dabei, ich meine Erinnerungen an adventliche Kinderjahre in Norddeutschland. Bevor der Tee eingeschenkt wird, zünde ich die Lichter am Adventskranz an, erzähle von der Bedeutung, die damit verbunden ist. Er erzählt mir vom Wandel des Mondlichtes, der im Monat Ramadan Tag für Tag beobachtet wird. Was uns beiden vertraut ist: die Veränderungen des Lichtes als Wegzeichen beim Warten und Wandern durch besondere Zeiten. Und wir wissen: Zur gleichen Zeit, da wir hier gemeinsam Tee trinken, den Adventskranz betrachten und über den Mond sprechen, wird in der Nachbarschaft auf dem Museumsberg das Licht am großen Chanukka-Leuchter angezündet.

 

Die Mesusa am Türpfosten –  mit Vertrauen einen Raum betreten

aus: Die Welt gleicht einer Hochzeit

Mitten in der Flensburger Innenstadt nehme ich eine Tür wahr, die am Rahmen ein besonderes Zeichen trägt: eine schmale milchig-transparente Kapsel , leicht schräg befestigt, mit Gold verziert und offenbar mit einem Schriftstück im Innern gefüllt. Eine Mesusa. Sie kennzeichnet ein jüdisches Haus bzw. eine Arbeitsstätte, in diesem Fall eine Arztpraxis. Und mit dem inneliegenden Pergament, beschrieben mit dem Schma Jisrael, das die Einzigartigkeit Gottes deklariert, ist sie ein deutliches Zeichen der Erinnerung mitten im Alltag und kennzeichnet den Raum hinter dieser Tür als einen Ort , an dem es Menschen etwas bedeutet, sich an Gott erinnern zu lassen – mit jedem Schritt über die Türschwelle. In Flensburg werden viele Menschen, die an dem Zeichen vorbei gehen, wenn sie die Arztpraxis betreten, vermutlich nicht mit der jüdischen Bedeutung der Mesusa vertraut sein, sie vielleicht gar nicht bemerken oder nicht als solche erkennen. Mir persönlich bedeutet dieses Zeichen etwas: Es lässt mich daran denken, dass in diesen Räumen Frauen arbeiten, die nicht nur ihr medizinisches Fachwissen einbringen, sondern auch ihre spirituellen Erfahrungen. Ich glaube, dass hier Frauen arbeiten, die um ihre guten Möglichkeiten wie um ihre Grenzen als Menschen wissen. Sie tun das in einer großen Offenheit und schöpfen dabei aus dem Schatz von verschiedenen Religionen. Die Mesusa ist ein Zeichen dafür – für mich eines, das Vertrauen zueinander stiftet und an die Kraft erinnert, die von behüteten menschlichen Begegnungen ausgehen kann.

Foto: S. Brandt

Schrift, Licht und Mesusa als Erinnerungszeichen im Alltag – es sind nicht allein die klassischen Zeichen der vorweihnachtlichen Zeit, die mir gerade in diesen Tagen etwas zu sagen haben. Vielmehr sind es solche Zeichen die sagen: Lass dich nicht blenden und ermüden von der Dauerberieselung und den Dekorationen, die das Zeichenhafte eher überlagern als sichtbar machen. Bleibe wach und neugierig für die stillen Zeichen an den Türen und in den Häusern. Advent – das ist eine  Zeit, in der wir das Entdecken und Deuten von Zeichen neu einüben können, in der wir uns einfach mal erinnern lassen. Und diesen Schatz dann mitnehmen ins neue Jahr.

Susanne Brandt