„Wann wird das Licht kommen, und wie?“. Nature Writing als Erfahrung mit dem Schöpferischen – ein Essay

„Wann wird das Licht kommen, und wie? Wird es sich als heller, sich ausbreitender Fleck am Nachthimmel zeigen? Oder wird es sich aufs Meer legen, ganz sanft? Wird ein Strich aus Licht plötzlich zum Horizont werden und das Meer vom Himmel trennen“ (aus: Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August. Verl. Berenberg)

Ein Tag am Meer, an dem es „nur“ darum geht, aufs Meer zu schauen. Das Buch von Jürgen Hosemann trägt den Titel „Das Meer am 31. August“.

Ist das Nature Writing? Was ist Nature Writing? Und worum geht es bei Nature Writing vom Meer?

Nature Writing – es ist kaum möglich, eine treffende deutsche Übersetzung dafür zu finden.
Schreiben über Natur? Dafür lassen sich in allen Jahrhunderten und in vielfältigen Formen Beispiele auch in der deutschen Literatur finden.

Allerdings: Das, was heute und in den letzten Jahren verstärkt auch in Deutschland bzw. in deutscher Übersetzung als Nature Writing bezeichnet wird, lässt sich am besten von seiner Prägung in der anglo-amerikansichen Literatur her beschreiben, wenn auch nicht ganz leicht und unstrittig definieren.

Ein Verlag, der dieser Literatur in Deutschland eine ganze Reihe und einen Preis widmet, ist Matthes & Seitz in Berlin mit seinen „Naturkunden“. Er findet für das Anliegen seines Literaturpreises und damit auch für sein Verständnis von Nature Writing folgende Worte:

„Der Preis knüpft an die vor allem in den USA und in Großbritannien ausgeprägte schriftstellerische Tradition des Nature Writing an, in der sich Autorinnen und Autoren mit der Wahrnehmung von Natur, mit dem praktischen Umgang mit dem Natürlichen, mit der Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur und mit der Geschichte der menschlichen Naturaneignung auseinandersetzen. Genreübergreifend findet dabei sowohl essayistisches als auch lyrisches und episches Schreiben Berücksichtigung. Die Thematisierung von ›Natur‹ schließt die Dialektik von äußerer und innerer Natur ebenso mit ein wie die Auflösung der Grenzen von Kultur und Natur, aber auch die Möglichkeiten oder Probleme des Schutzes von Naturerscheinungen und natürlichem Geschehen. Nature Writing spricht nicht von ›der Natur als solcher‹, sondern von der durch Menschen wahrgenommenen, erlebten und erkundeten Natur. Die leibliche Präsenz, die konkrete Tätigkeit des Erkundens und die Reflexion auf die gewonnenen Erkenntnisse werden in der Regel im Text fassbar.“

Die Formen und Möglichkeiten des Nature Writing beschäftigen mich persönlich schon lange in meinem Beruf als Lektorin und Bibliothekarin wie auch im eigenen Schreiben von Lyrik, Essays und Prosa – noch bevor die Diskussion um diese literarische Form in Deutschland so intensiv wie aktuell die Kultursendungen und -seiten der Medien beschäftigt hat. Auslöser für das aktuelle öffentliche Interesse waren Bestseller wie etwa „H wie Habicht“ von Helen Macdonald, aber auch die allgemeine Sorge und Suche in unserer Beziehung zur Natur und Umwelt.

Dass es in Deutschland offenbar schwerer fällt, hierzu auch eine literarische Form im Sinne des anglo-amerikanischen Nature Writings zu etablieren, mag – so vermuten einige – daran liegen, dass wir es so sehr gewohnt sind, in Sparten zu denken und zu ordnen: Journalistische Analyse, naturwissenschaftliche Genauigkeit, persönliche Empfindung und Haltung, poetische Ästhtik – wir neigen ja eher dazu, diese Bereiche voneinander abzugrenzen und nicht ineinander fließen zu lassen. Und eben das wir im Nature Writing aufgebrochen.

  • Nature Writing drückt eine Haltung der Verbundenheit mit der Welt aus, wie sie im kapitalistisch und technisch geprägten Alltag so ehre ausgeblendet wird: Naturwissenschaftliches verbindet sich mit Poesie, Journalistisches mit Selbstreflektion, Kultur und Natur durchdringen einander als Ausdruck von Lebendigkeit, die Grenzen verschwimmen und die Formen, die dabei entstehen passen in keine der gewohnten Schubladen oder eigenen sich für Konkurrenzkämpfe, die das eine gegen das andere ausspielen.

Anders bei dem, was wir in Deutschland vielleicht einer Naturbuchwelle zuordnen würden: Hier wird – typisch deutsch – erwartet, dass die Titel von Experten oder Experinnen geschrieben werden, also vom Imker, von der Försterin, vom Zoologen. Gern mischt sich das verlässliche Wissen dann noch mit dem Trendthema Achtsamkeit.

Nature Writing aber geht gern darüber hinaus, stellt Beziehungen her, lässt Raum für politische, kulturgeschichtliche oder ökologische Reflektionen zur beschriebenen Region, bei denen es nicht immer aufs Wohlfühlen hinausläuft. Man findet wenig Schwärmerisches im Nature Writing – und doch oft eine tiefe Liebe und Verbundenheit zur Natur. Und die tut bekanntlich manchmal auch weh.

Mit all dem tun Verlage, Bibliotheken und auch viele Lesende sich schwer, weil die herkömmlichen Kategorien und Erwartungen nicht mehr erfüllt werden, wie gewohnt passen und anwendbar sind.

Aber vielleicht ist es genau das, was uns auf eine heute so wichtige Fährte lockt:

  • Nature Writing lädt zum Um- und Neudenken ein. Nicht mit harten Fakten und Appellen, sondern durch Irritation, durch das Staunen und die überraschend andere Perspektive, in die wir mit hineingenommen werden – und die uns so neu und anders über unsere Beziehung zur Natur nachdenken lässt. Und damit auch unseren Umgang damit verändert.

Seit ich mich mit Nature Writing beschäftige, interessiert mich u.a. die Frage, in welcher Weise vom Meer erzählt wird. Das Schreiben am Meer und vom Meer gehört für mich ja ganz elementar zum Leben und Alltag. Weil ich seit über 30 Jahren in und für Bibliotheken in Küstenregionen arbeite, bin ich täglich mit Büchern zu Meeresthemen befasst. Und fast täglich zu Fuß an der Küste unterwegs.

Was mich beim näheren Hinschauen und Recherchieren dann allerdings überrascht hat: Es gibt eine große Fülle an Beispielen für Nature Writing, die sich mit dem Wald, mit der Wildnis an Land und ihren Tieren befasst. Die Beispiele zu Nature Writing vom Meer allerdings fallen eher überschaubar aus. Vielleicht, so wage ich zu vermuten, vielleicht liegt das daran, dass wir als Menschen so wenig und so selten in die wirkliche Tiefe der Meere vordringen können. Wir sind dem Wasser entwachsen, wir können darin schwimmen und tauchen, aber nicht in dauerhafter Lebensgemeinschaft mit den Tieren und Pflanzen der Meere leben. Immer bleibt eine Distanz, eine Zuschauerperspektive vom Ufer aus, wenn wir das Meer betrachten.

Das ist mit dem Wald und der Wildnis, die wir intensiv durchstreifen, darin wohnen und in enger Gemeinschaft mit Tieren und Pflanzen für lange Zeit leben können, anders und findet in der Literatur einen sehr vielfältigen Ausdruck zum Leben mit Vögeln und Insekten, Bäumen und Kräutern.

Und doch gibt es sie: Die Beispiele für Beschreibungen von Meeresphänomenen durch Nature Writing.

Dabei komme ich zurück auf die schone erwähnte Reihe der Naturkunden aus dem Matthes & Seitz Verlag. Kürzlich war der Reihe im Leipziger Buchmuseum eine ganze Ausstellung gewidmet, an der deutlich wurde, wie individuell in Größe, Form und Bildsprache jeder Band dieser Reihe gestaltet ist. Auch hier: kein Versuch, eine Regelmäßigkeit und Uniformität herzustellen, wo jeder Blick auf das Leben um uns herum eine Begegnung mit dem Unvorhersehbaren und Überraschenden bedeutet.

Erschienen ist in dieser Reihe auch ein kleiner Band über die „Korallen“ von Jutta Person, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin.

Jens Jessen, der das Korallen-Buch für die ZEIT rezensiert hat, fühlte sich traurig berührt beim Lesen von Jutta Persons historischer und kultureller Betrachtung. Ihm wird bewusst, dass die Tage der faszienierenden Meeresbewohner durch Überwärmung und Übersäuerung gezählt sind. Er wünscht dem poetischen und zugleich beunruhigenden Buch deshalb viele Leser, vor allem aber ihnen und sich selbst die nötige Energie, um der hier einmal mehr veranschaulichten Verarmung der Natur und des Menschen entgegenzuwirken, etwa durch Engagement, politischer und persönlicher Entscheidungen für mehr Klimaschutz.

  • Ist Nature Writing also nicht allein literarisch und naturwissenschaftlich, sondern in allem auch politisch?

Genau diese Frage wird im Kontext von Nature Writing immer wieder kontrovers diskutiert. Zumindest wird man hier keine nur harmlos und romantisch daherkommende Naturschilderungen finden. Mit sentimentaler und idealistischer Verklärung hat Nature Writing nichts zu tun. Vielmehr geht es um ein „in Beziehung kommen“, ein Erkennen von Zusammenhängen. Und es geht auch um die Erfahrungen und Traditionen, an die wir dabei in unterschiedlichen Sprachen und Ländern anknüpfen können.

So haben Autorinnen und Autoren aus dem angloamerikanischen Raum vielleicht leichter und unbeschwerter aus ihre Romantiktradition schöpfen können, um sie nun mit anderen Mustern weiterzuspinnen. In Deutschland fällt es schwer, sich beim Erinnern an Traditionen deutscher Naturdichtung unbefangen frei zu machen von Bildern einer Blut-und-Boden-Landschaft. Seit den Siebzigern bis heute geschieht das Erzählen von Natur hier also oft mit dem Bewusstsein für eine besondere politische Verantwortung: von der Umweltbewegung bis zum Anthropozän in einer von Menschenhand geformten und bedrohten Umwelt.

  • Andreas Rötzer, Verlagschef bei Matthes & Seitz, beschreibt die Anfänge seines Nature Writing Programms so: “Wir hatten ganz dringlich das Bedürfnis nach Archivbildung”, und meint damit das Anliegen zu bewahren, was zerstört wird. Eine wachsende Entfremdung von Natur kommt einem Bruch gleich – und wird begleitet von der Sehnsucht nach Ganzwerdung und Heilung.

Schnell kommt man dabei auf den Begriff der Heimat als die uns besonders vertraute Landschaft im Leben. Und auch da, fällt es uns wieder schwer, unbefangen zu schreiben und zu reden.

Heimat also als kostbaren Raum: nicht als Besitz, über den wir verfügen könnten, sondern als Erfahrung für Wandel und Veränderung. Nicht als Terretorium, um andere auszuschließen, sondern um zu erfahren, dass Natur sich allen Menschen mitteilt und entgrenzend wirkt – oder zumindest andere Grenzen setzt als wir sie politisch ziehen würden.

“Nature Writing” könnte deshalb auch ein wichtiges Format sein, um sich hineinzudenken in die Perspektiven von Schreibenden in verschiedenen Teilen der Welt, die sich und uns darin die Landschaften ihrer Heimat erschließen und von verschiedenen Küsten aus auf die Meere der Welt schauen.

Für mich hat das, was Jürgen Hosemann im eingangs zitierten Buch vom Meer erzählt, einiges mit dem zu tun, was die Philosophin Angelika Krebs so beschreibt:

„Die Natur erinnert uns daran, dass wir nicht die Macher unseres Lebens und unserer Welt sind. Wir müssen wegkommen von diesem Macher-Wahn. Vielmehr müssen wir versuchen, ein gutes Verhältnis zu dem zu finden, was einfach da ist. […] Es geht also um Demut, um Gelassenheit und auch um die Freude über das, was es alles gibt: zu staunen, sich zu wundern über die Vielfalt der Welt.“

Und sie überlegt weiter:

  • „Ich setze mich als Mensch in ein Verhältnis zu etwas anderem, das ich schätze, das ich nicht abgreife, sondern dem ich eine eigene Bedeutung zumesse und das ich daher auch bewahre.“ (Angelika Krebs, Philosophin, Basel 2021)

Auch Andreas Weber, Meeresbiologe und Philosoph, lotet sprachlich wie forschend solche Beziehungen und Verhältnisse zueinander aus, wenn er im Eingangskapitel seines Buches “Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution des Lebenswissenschaften” schreibt:

“Die Schöpferische Ökologie versteht den Haushalt der Natur nicht nur als Leistungsbilanz, sondern als Behausung empfindender Wesen. Ich habe diesem Blickwinkel auch meinen Stil angepasst. Ich schildere Natur nicht als Objekt der Forschung, sondern auch als Ort der Erfahrung. Ich schildere sie in meiner Erfahrung. Der Schöpfung ist nur mit dem Schöpferischen beizukommen; das Ausdrucksphänomen Leben verlangt nach weiterem Ausdruck. Denn schon die distanzierte Sprache der Wissenschaft – und auch die vermittelnde Sprache von Journalismus und populärer Literatur – schiebt eine Barriere zwischen uns und die Welt der übrigen Seelen.”

Immer wieder auf das Meer bezogen sucht er nach einer solchen Sprache und beginnt seine ausführlichen Schilderungen von Meereserfahrungen mit der Beschreibung des Wellenspiels:

„Im Anrollen und Verebben der Wellen liegen Anfang und Ende unserer Begegnung mit dem Meer. Der Saum der Brandung ist eine Grenze des Ersehnten. Seine flüchtige Linie übersetzt die Botschaft ins Erträgliche, die von dort draußen kommt: vom unbegehbaren, vom unergründlichen Körper der See.“

Im Staunen angesichts der schöpferischen Vielfalt kommt Andreas Weber zu der Überlegung, dass „Kunst nicht mehr das ist, was uns von der restlichen Natur unterscheidet, sondern vielmehr die Stimme der Natur in uns.“

Das Lauschen auf die Melodien, Rhythmen und Klänge der Natur, auf die „Stimme der Wesen, mit der sich die Welt singt“ zeigt bei diesem Kunstverständnis nicht nur eine Verbundenheit mit Poesie und Bildersprache, sondern auch mit Musik.

So unterschiedlich diese Annäherungen in einer Mischung aus philosophischen, naturwissenschaftlichen, essayistischen und literarischen Anteilen auch sein mögen – sie alle helfen dabei, zu verstehen, dass Nature Writing sich keiner dieser Schubladen klar zuordnen lässt, sich mit allen aber mit unterschiedlichen Akzenten befasst, um „Beziehungsgeschichten“ zu erzählen. Dabei klammern diese Beziehungsgeschichten Widersprüchlichkeiten, Brüche und all das Unverfügbare nicht aus, sondern integrieren das Verletzte, Bedrohte und Irritierende als wesentliche Erfahrungen des Schöpferischen in der Welt.

Auch das, was ich selbst aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen heraus als „Wildwuchsgeschichten“ bezeichne und in unterschiedlichen literarischen Formen zu fassen und zu gestalten versuche, hat viel mit einem solchen Beziehungsverständnis zu tun – und mit einer schöpferischen Kraft, die gerade in der Verbindung von mitunter gegensätzlichen oder zufällig entdeckten Phänomenen spürbar wird.

  • „Es ist die fraglose Gegenwart der Geschöpfe, die Unerschöpflichkeit verbürgt, und darin Hoffnung. Sie ist das, was nicht dem menschlichen Maß enstpricht und nicht seiner Macht gehorcht. Sie ist das Widersinnige, das Unplanbare. Sie ist das Wunder, eine Kostbarkeit umsonst zu erhalten, mit der man nicht im Traum rechnen konnte. Das Geschenk, das vom Himmel fällt, ohne dass ich es je verdient hätte.“ (Andreas Weber: „Alles fühlt“, S. 37)

So ist es am Meer. So ist es an den „Wasserpfaden“ wie Torsten Schäfer sie in seinem gleichnamigen Buch erkundet und beschreib. So ist es im Wald oder wo auch immer Menschen das noch für möglich halten. Ich glaube, dass Nature Writing von dieser Hoffnung lebt – und davon eine Menge zu verschenken hat.

Susanne Brandt

 

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Flensburg oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt