Von Knotenschnüren und Bilderwelten – Erkundungen im Poetischen

Von Knotenschnüren und Bilderwelten – Erkundungen im Poetischen

Einmal im Jahr gönne ich mir eine Tagungswoche, um das intensiver tun und verfeinern zu können, was sonst in meinem Alltag oft nur zu den Randzeiten, beim Bahnfahren oder Laufen stattfinden kann: Erkundungen im Poetischen.

Ich tue das seit 30 Jahren im September und ich erlebe das nicht allein, sondern gemeinsam mit vielen vertrauten Menschen – und immer auch mit inspirierenden neuen Begegnungen.

Wenn möglich, verbinde ich die Tradition dieser Tagung mit Entdeckungen oder kulturellen Erlebnissen im Umfeld –  in diesem Jahr z.B. mit Konzerten und einem Besuch im Buch- und Schriftmuseum in Leipzig.

Die Tagungen haben Themen, zu denen wir uns gemeinsam verständigen und poetisch wie musikalisch austauschen – aber meistens läuft für mich noch ein persönlicher Faden mit, eine Frage, ein Erproben – eine Erkundung eben, die ich nicht allein Schreiben nennen möchte, obwohl es am Ende meistens auf ein Schreiben hinausläuft.

Denn Erkundungen im Poetischen sind mehr, sind Bewegung, Rhythmus, Musik, Naturerfahrung, Bilderreise… So auch in dieser Woche, in der sich das Laufen, Singen und poetische Schreiben abgewechselt haben – weil sie einander so sehr brauchen und helfen.

Am Ende bin ich dankbar für so viele gute Gespräche, Eindrücke, Wanderungen, Erfahrungen, Lieder – und für ein paar neue Texte natürlich auch.

Im Rückblick: ein Entlangtasten an jenen Knotenpunkten, die mich im mitlaufenden Faden diesmal besondere beschäftigt haben….

 

  1. Diversität und Gerechtigkeit drücken sich mehr in sprachlichen und gedanklichen Bildern als in Buchstaben aus

 

Sie stellt sich immer wieder – nicht nur in der Behördensprache, sondern auch bzw. umso deutlicher in der Poesie: die Gender-Frage. Weil es im Poetischen um jede Silbe, jeden Laut und insgesamt um Metrik und Rhythmik geht. Gender-Sternchen, Binnen-I, Unterstriche und Doppelpunkte sind in diesem Sinne nicht nur auf ihre Bedeutung hin zu befragen, sondern auch hinsichtlich ihrer Ästhetik, jener Farbe, Bewegung und Klangeigenschaft, mit der sie mehr ausdrücken als eine sprachliche Information oder Botschaft. Und da erweisen sich diverse Zeichen und alternativ lesbare Konstruktionen selten hilfreich – weder für die Ästhetik noch für die Aussagekraft und Bedeutung, die sich hier nicht durch starre Buchstabenkonstruktionen, sondern vielmehr durch Sprachklang und Bildsprache offenbaren wollen.

Wie also sprachliche Bilder finden, die vielfältiges Leben in allen seinen Facetten beschreiben und zu einem Denken in dieser Offenheit anregen?   

Ich wage zu behaupten, dass ein „Gendern in imaginären und sprachlichen Bildern“, also mit dem kritischen Bewusstsein für Stereotypien und verengten Vorstellungen auch der nicht-literarischen Sprache helfen könnte, ihre Verbissenheit und Gesetzlichkeit zu verlieren, die sich durch manche Gender-Regel verfestigt.
Meine Hoffnung wäre, dadurch das Organische, Spielerische, Lebendige und Kreative für den Sprachgebrauch zurückzugewinnen.

Wenzel sagte in seinem Konzert sinngemäß: Eine Sprache, die nicht zur Poesie taugt, wird zur Herrschaftssprache. Ich höre da: Wo einzelne Buchstaben und vorgeschriebene Konstruktionen über dem Lebendigen in einer Sprache herrschen, verliert diese an Freiheit, Offenheit und Beweglichkeit in der Ausgestaltung von Gedanken.

Deshalb also: Erzählt von Vielfalt und Gerechtigkeit in lebendigen Bildern – nicht in starren Buchstabenkonstruktionen!

 

2. Natur im Erzählen erfahrbar machen

 

Das leitet zu einem weiteren Knotenpunkt am Faden dieser Woche über: Das Buch- und Schriftmuseum Leipzig zeigt derzeit u.a. eine Sonderausstellung zu Judith Schalansky. Die mehrfach preisgekrönte Literatin und Buchkünstlerin ist zugleich Herausgeberin der Reihe Naturkunden beim Verlag Matthes & Seitz, die die gegenwärtige Verlagslandschaft inhaltlich wie gestalterisch in besonderer Weise  bereichert. Jeder Band ist gleichermaßen sorgfältig gestaltet, beim äußeren Erscheinungsbild wie in der sprachlichen Qualität, aber sehr individuell vom jeweiligen Thema her bestimmt. Dieses widmet sich jeweils einem Aspekt der Naturkunde im weitesten Sinne – eher lebendig als starr systematisch ausgelegt.

Naturkunde heißt hier: Die erzählenden Zugänge nehmen eine forschende Weltwahrnehmung auf, beschreiben also nicht nur die Oberflächen, den äußeren Schein, sondern durchdringen die Natur – dies nun aber auch nicht rein naturwissenschaftlich, sondern vielmehr auf der Spur von Lebensgeschichten, die sich darin offenbaren, vergleichbar dem Nature Writing also.

Judith Schalansky selbst und alle, die sie mit aufnimmt in dieser Reihe, führen uns diese besondere Kunst der literarischen Naturkunde vor Augen und lassen mich neu darüber nachdenken:

Was bedeutet das für Natur- und Umweltwissen, für die eigene Haltung zu Bildung für nachhaltige Entwicklung in Bibliotheken?

Wie lässt sich zwischen nüchternen naturwissenschaftlichen Informationen einerseits und moralisch und verkitscht ausgeschmückten Naturgeschichten andererseits – um die beiden deutlichsten Eckpunkte in der naturbezogenen Kinderliteratur zu nennen – ein solches Erzählen von Natur schon mit Kindern einüben und verbreiten, basierend auf forschendes und feines Wahrnehmen und geweitet für vielfältige Lebenserfahrungen und -zusammenhänge, für Kreativität, Emotionen und Deutungslust in und mit der Natur?

 

3. Sprache und Bewegung im Freien

 

Die eben gestellten Fragen zur Einstimmung in eine erzählende Naturkunde führen mich zu einem dritten Knotenpunkt dieser Tage: den Zusammenhang von Sprache und Bewegung. Was auch beinhaltet: Sprache und Rhythmus oder Erzählen und Poesie als eine Musik der Bilder, Wahrnehmungen und Erinnerungen. 

Bewegung ist hier also immer in mehrfacher Hinsicht zu verstehen: als körperliche Bewegungserfahrung mit ihren Auswirkungen auf den Rhythmus wie auf den Fortgang von Texten. Aber auch mit allem, was durch sprachliche Kommunikation zwischen Menschen in Bewegung kommt. Und: Wie sich verschiedene Sinneserfahrungen mit einem bewegten Erzählen verbinden.

Mir gehen dazu viele Gedanken durch den Kopf, während ich im Buch- und Schriftmuseum alte Knotenschnüre und Figurenketten betrachte, die noch vor der heutigen Schriftkultur als Erinnerungshilfen beim Erzählen zum Einsatz kamen. Ein Erzählen als Abfolge von Bildern und Symbolen, aus denen sich größere Zusammenhänge und Botschaften erschließen – das also erweist sich als jene grundlegende Kulturtechnik, die für das Verständnis von digitalen Symbolen, Bilderfolgen und Filmen nicht weniger wichtig ist.

Eine Praxis-Übung: Schau dir ganz unterschiedliche Knöpfe an, belege sie assoziativ mit Worten und Bedeutungen, die – in eine schlüssige Abfolge gebracht – eine Geschichte ergeben. Aufgereiht und mit Knoten an einer Schnur fixiert, ließe sich mit den Knöpfen eine solche Figurenkette basteln, die dann als Erzählhilfe zum Einsatz kommt und über das Tasten der Finger auch blind gelesen werden könnte. Einfach mal ausprobieren!

Um auch diesen Gedankenfaden wie eine Kette zu runden: Wir können nicht anders, als in Bildern zu imaginieren, zu fühlen, zu schreiben, zu sprechen – von Gedanken und Erlebnissen, von Werten, Emotionen und Erfahrungen, von der Natur, von Gott, von der Vielfalt des Lebendigen.
Das Buchstabensystem, das heute so untrennbar mit unserer Sprache verbunden ist,  erweist sich dabei als Abstraktion, unverzichtbar und höchst funktionsfähig, aber immer gestaltungs- und verbindungsbedürftig.
Es braucht die Rückübersetzung ins Bildhafte, die Gliederung durch Rhythmik und Bewegung, die Belebung und Erneuerung durch immer wieder neue Gedanken, Ideen und Geschichten.
Entscheidend sind nicht die Buchstaben für sich, entscheidend ist der Geist, der sie durchweht und die Bilder, die dabei zum Vorschein kommen.

Susanne Brandt

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