Bauhaus & Bäume – Gedanken auf Reisen in Thüringen

Reisen heißt: Begegnung mit wechselnden Deutungen und Perspektiven für das Lebendige in uns und um uns herum. Denn wenn wir reisen, kann das Unbekannte Wege finden, um bei uns anzukommen.

Meister Eckhart Tür, Erfurt / Foto: Susanne Brandt

Zwei Tage auf Entdeckungsreise in Thüringen: Wenn man ohne genauen Plan und ohne Reiseführer unterwegs ist, stößt man zuweilen auf überraschende Pfade und Querverbindungen – inspiriert durch das, was sich aus dem Augenblick ergibt…

Oder um es gleich in der Poesie des Erfurter Mystikers Meister Eckhart zu beschreiben: “Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das wichtigste Werk ist immer die Liebe.”

Begegnet ist mir in Thüringen vor allem die Frage nach der Schöpfung – in der Natur wie in dem, was davon in Kunst, Kultur, vor allem aber in den Menschen selbst lebendig und spürbar ist…

Erfurt / Foto: Susanne Brandt

In Erfurt nahm dieses Spüren mit einer Wanderung auf dem malerischen Lutherweg entlang der Gera seinen Anfang, führte direkt in die Altstadt und dort zu den Wirkstätten von Meister Eckhart wie auch zu der interaktiven Theateraufführung  “Adam und Eva” des Theaters Frau Seibt im Rahmen des Erfurter Theatersommers unter der Regie von Harald Richter.

Ich geriet also hinein in die Spannung zwischen zwei Deutungsweisen im Blick auf Schöpfung und Paradies, die als mittelalterliche Mystik auf der einen und spielerische Neuinszenierung auf der anderen Seite erst mal wenig Verbindendes vermuten ließen. Doch das änderte sich….

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Waldworte des Tages: Der tägliche Weg


Der tägliche Weg in der Frühe
am Ufer entlang,
wo die Schiffe sich sanft
aus dem Schlaf schaukeln,
ins Sonnenlicht blinzeln nach kurzer Nacht.

Vorbei an den alten Hafenschuppen:
das Blau für die Träume,
das Rot steckt in Herz und Gedanken
ein Feuerchen an.

Und schließlich durch das Johannisviertel,
wo rings um die Kirche die Gräser tanzen
mit Anmut und Würde, rosenverwandt,

aus wilden Wurzeln ins Freie gefunden,
vielleicht mit der Weite des Himmels verbunden –

der tägliche Weg

Susanne Brandt, Flensburg im Juli 2013

 

Mit den Füßen denken. Eine Philosophie des Gehens

Es gibt unzählige Bücher über das Pilgern. Es gibt Wanderführer zu allen Regionen der Welt mit genauen Wegbeschreibungen. Es gibt esoterisch angehauchte Inspirationen zum meditativen Gehen. Und es gibt diverse Fitness-Ratgeber zum sportlichen Walken. Aber Gehen als eine Denkweise und literarische Erfahrung, die sich weder als religiöse noch als sportliche Übung versteht? Dazu kenne ich bislang nur ein Buch, das dem “Geheimnis des aufrechten Ganges” mit einer überraschenden Fülle an literarischen und philosophischen Quellen von Nietzsche bis Gandhi wirklich nachspürt:  Die Essay-Sammlung “Unterwegs” (franz.: Marcher, une philosophie), klug und vielschichtig bedacht und poetisch entfaltet von dem französischen Philosophen Frédéric Gros (ISBN 978-3-570-50120-7).

So gibt der Autor beispielsweise mit Nietzsche zu bedenken:

“Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meer, da wo selbst die Wege nachdenklich werden.”

Was dieses Buch so besonders macht, ist die Abkehr vom Gehen als Zweck für irgendwas: Weiterlesen

„Auf freiem Fuß“ oder Die Wiederentdeckung des Alltagsspaziergangs

Unterwegs mit Fußspitzengefühl

Auf freiem Fuß“ hat die Autorin Stefanie Pütz ihren Ende März 2013 auf NDR Info gesendeten Hörfunkbeitrag über das Zufußgehen als Alltagskultur überschrieben und dabei ganz verschiedene Facetten des Themas ausgelotet: Geisteshaltung, Weltwahrnehmung, Kommunikation und Begegnung, Autonomie, Freiheit, Ökologie, Mobilität und Gesundheit – diese und andere Aspekte kommen in den Wortbeiträgen von Fußgängerinnen, in Zitaten aus der Literatur und Ausflügen in die Spaziergangswissenschaft zur Sprache. Dabei widmet sie sich besonders der Frage, welche Rolle das Zufußgehen speziell für Frauen seit dem 18. Jahrhundert spielte.

Gilt heute gemeinhin das Auto als Ausdruck von Freiheit und Unabhängigkeit, war es im 18. Jahrhundert durchaus eine Frage der Schuhmode, ob eine Frau durch das ungehinderte und selbstbestimmte Losgehen (auf lauftauglichen Absätzen!) Autonomie und Bewegungsfreiheit für sich gewinnen konnte.

Regelmäßige Fußgängerinnen, die sich nicht nur beim Wochenendspaziergang, sondern in der täglichen Fortbewegung zu Fuß durch den Alltag bewegen, beschreiben noch heute dieses besondere Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit: kein Takt des Fahrplans, keine Bindung an ein Fahrzeug (und sei es nur ein Fahrrad, das man fahrtüchtig halten, abstellen und anschließen muss), keine Abhängigkeit von Treibstoff (außer der eigenen Ernährung) hindert die Fußgängerin an der Fortbewegung, an der Bestimmung des eigenen Tempos, an spontanen Umwegen, Zäsuren oder Richtungsänderungen.

Vieles ginge besser wenn wir mehr gingen

Kleine Straßenrand-Entdeckung im Vorbeigehen - März 2013

Und damit nicht genug. Die beim Gehen veränderte Wahrnehmung wirkt sich aus auf die Geisteshaltung, Welterfahrung und Beziehung zu anderen Menschen. „Vieles ginge besser wenn wir mehr gingen“ – denn offenbar unterscheidet sich die Welt- und Selbstwahrnehmung beim Gehen deutlich vom Erleben beim Sitzen, Stehen oder Joggen im Freien. Und damit auch das Denken! Das drückt sich an vielen Stellen in der Literatur, vor allem in der Schilderung des „Flaneurs“ aus und ist längst zum Gegenstand der Wissenschaft geworden. So hat Gudrun König eine „Kulturgeschichte des Spaziergangs“ verfasst, die sich vor allem der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung des gemeinsamen Gehens widmet.

Nicht Notlösung sondern bewusste Lebenshaltung

Aber auch „Einzelgänger“ wissen die Besonnenheit des täglichen Gangs im Alltag zu schätzen. Man kann dabei die Straßen wie ein Buch lesen, Gedanken sortieren und neue Ideen buchstäblich „in Gang“ bringen. Kinder erwerben so nachweislich bessere Kompetenzen für die räumliche Orientierung und manches deutet darauf hin, dass die Chance der unmittelbaren Welterfahrung beim Gehen gerade durch die überwiegend sitzende und virtuelle Welt im Arbeitsalltag zunehmend erkannt wird und das Zufußgehen in Großstädten wie Berlin eine regelrechte Renaissance erlebt – nicht nur als Notlösung für Menschen ohne Auto, sondern als bewusste Entscheidung und Lebenshaltung!

Auf Schleichwegen durch die Stadt

Wer das auch verkehrspolitisch unterstützen möchte, kann sich beispielsweise im Verein Fuß e.V. engagieren und so dazu beitragen, den Fußgängern mehr Sicherheit und Beachtung im Straßenverkehr zu verschaffen.
Bleibt noch der gesundheitliche Aspekt: Auch wenn eine besondere Qualität im Zufußgehen gerade in der Entspanntheit und weniger im Ehrgeiz und Leistungsanreiz liegt, gelten mindestens 30 Minuten dynamisches Gehen täglich in seiner Regelmäßigkeit (bei Wind und Wetter) als gesundheitsfördernder als das gelegentliche Laufbandtraining im Fitnesscenter. Das klingt einfach und unspektakulär – scheint aber in der Praxis gar nicht so leicht umsetzbar zu sein: Frauen legen durchschnittlich 700 m pro Tag, Männer lediglich 200 m pro Tag auf ihren Alltagswegen zu Fuß zurück.

Es mag individuelle Gründe geben, die das alltägliche Zufußgehen erschweren oder verhindern. Zur Freiheit der Fußgängerinnen gehört auch, aus der persönlichen Entscheidung für die “Gangart im Schritttempo” keine Pflichtübung oder Heilslehre für sich und andere zu machen – wer dem Geheimnis von der Lust am Gehen auf die Spur kommen möchte, probiert es einfach aus. Der Hörfunk-Beitrag von Stefanie Pütz ist eine charmante und unaufdringliche Einladung dazu!

Zum Nachhören:
Die Spaziergängerin. Ein Hörfunkbeitrag von Stefanie Pütz, gesendet auf NDR Info, am Fr., 29.März 2013, 17.30-18.00 Uhr
http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/frauenforum/audio151883.html

Susanne Brandt

Mit eingeschaukeltem Herzen. Denken in Bewegung bei Milena Jesenska

Die “Waldworte”-Reihe zu sommerlichen Reise-Impressionen wird fortgesetzt mit Erinnerungen an die tschechische Journalistin Milena Jesenska (1896-1944), vor allem bekannt geworden durch Kafkas “Briefe an Milena”. Was weniger bekannt ist: Milena war eine leidenschaftliche Spaziergängerin und gewann viele ihrer Gedanken wie auch das eigene innere Gleichgewicht bei ausgedehnten Fußwegen durch die Stadt und über Land. In einem ihrer journalistischen Texte schrieb sie – selbst immer wieder mit Konflikten, Kummer und Widerständen konfrontiert – über die lindernde und ausgleichende Kraft der (Geh-)bewegung: “Noch zagt das Herz, es beginnt zu rasen, fließt über, beruhigt sich dann und wird schließlich eingeschaukelt, kann plötzlich wieder lachen“(Milena Jesenska, Der Weg zur Einfachheit, 1926).

In Vorbereitung auf eine geplante Pragreise im September habe ich diese Tage begonnen, die vielfach wohl im Gehen gebildeten und später niedergeschriebenen Briefe, Essays und Gedanken der engagierten Journalistin (neu) zu lesen – um dann buchstäblich auf den Spuren der Milena die Wege in und um Prag zu erkunden…    Eine faszinierende literarische Entdeckungsreise schon VOR der eigentlichen Reise – und wieder ein paar Fundstücke mehr für meine kleine Sammlung literarischer “Geh-danken” aus alter und neuer Zeit.