Dürfen Menschen gegen Menschen sein?  Kinder entdecken Demokratie und Zukunftsfragen durch Geschichten

Ein Beitrag zum Demokratie-Schwerpunkt 2019 mit der Blogparade „Was bedeutet mir die Demokratie“ (Laufzeit: 30. April bis 28. Mai 2019), #DHMDemokratie 

von Susanne Brandt

Kinderfragen sind direkt und herausfordernd. So auch diese: „Dürfen Menschen gegen Menschen sein?“ Im Rahmen eines Projekts der Büchereizentrale Schleswig-Holstein in Kooperation mit den Bücherpiraten e.V. aus Lübeck zur Agenda 2030 wurden im Sommer 2018 solche Fragen von Kindern im Vor- und Grundschulalter gesammelt – und rund 80 sind dabei zusammen gekommen.

Was ausschlaggebend dafür war, ein Projekt zur Agenda 2030 bewusst mit den Fragen der Kinder zu beginnen – und nicht mit den Erklärungen der Erwachsenen – ist ein Bildungsverständnis zu Demokratie und Nachhaltigkeit, das dem entspricht, was Prof. Dr. Ute Stoltenberg, Leuphana Universität Lüneburg,  so formuliert: „Ziel einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist nicht ein Wissenskanon, sondern eine Persönlichkeit, die sich ermutigt und fähig fühlt, das eigene Leben mitzugestalten, und die über Wissen und Kompetenzen verfügt, dies im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu tun.“

Eben dazu gehört auch: Kindern die Chance geben, sich mit Fragen einzumischen, kreative Ausdrucksformen zu erproben und mit eigenen Fragen und Vorstellungen  eine ehrliche Auseinandersetzung anzustoßen.

Entsprechend offen ist  der Titel des Projekts formuliert: „Das weiße Blatt. Weltbilder und Bilderwelten zum Weiterdenken mit Kindern“.  Und gleich eine ganze Reihe von solchen „weißen Blättern“ gilt es nun mit den Ideen der Kinder zu füllen.

Der thematische Rahmen für die Gespräche mit Kindern, die dazu an vielen Orten bereits geführt worden sind, orientierte sich zunächst an den  5 Kernbotschaften der Agenda 2030:

  • People: Jeder Mensch ist wertvoll – was bedeutet das?
  • Peace: Was können wir zum Frieden beitragen?
  • Prosperity: Was brauchen Menschen, um sich wohlzufühlen?
  • Planet: Wie gehen wir mit den Schätzen der Erde um?
  • Partnership: Gemeinsam etwas bewegen – wie gelingt das?

Bald wurde an den Äußerungen der Kinder deutlich: Kinderfragen und kindliche Vorstellungen von einem guten Leben auf dieser Welt zeigen nicht nur, was Kinder wirklich bewegt. Sie helfen auch allen Erwachsenen, die eher abstrakt formulierten Ziele der Agenda 2030 auf die konkrete Handlungs- und Erfahrungsebene runterzubrechen. Denn die Kinder sprechen mit ihren Fragen Klartext – und wer da genau hinschaut und hinhört, findet so vielleicht einen neuen und anderen  Zugang zu den Möglichkeiten für nachhaltige Bildung und Mitgestaltung im Alltag – und zu Bilderbüchern, die diesen Prozess unterstützen können.

Seither setzen sich zahlreiche Kinder und Erwachsene in Bibliotheken an verschiedenen Orten mit diesem Thema auseinander, begleitet durch viele kreative Aktionen – und durch eine große Auswahl an Büchern, die Geschichten zu den Fragen der Kinder und den 17 Zielen erzählen.

Denn wie gesagt: Nicht die Vermittlung eines Wissenskanons zu den Fragen der Kinder ist der Schlüssel zur Mitgestaltung von Nachhaltigkeit. Wer könnte heute schon sicher sagen, welches Wissen die jetzt Fünfjährigen in 20 Jahren brauchen, um jene Probleme zu lösen, mit denen sie dann konfrontiert sein werden? Entscheidend sind vielmehr Motivation und Ermutigung zur Teilhabe und zum beständigen Weiterfragen. Nötig sind Vertrauen und Respekt für die Vielfalt an Lebensmöglichkeiten. Und besonders Geschichten zum aktiven Mitdenken können davon eine Menge vermitteln.

Informationen zum Projekt: https://www.biblio2030.de/buechereizentrale-schleswig-holstein-am-anfang-war-ein-weisses-blatt/

Ist das bereits gelebte Demokratie?

Im Jubiläumsmonat zu 70 Jahren Grundgesetz stellt sich allen Engagierten in diesem Projekt noch eine andere Frage: Was sagt die Agenda 2030 zur Demokratie?

Direkt nichts, so scheint es. Denn das Wort „Demokratie“ selbst taucht lediglich in der Resolution auf, mit der die Agenda 2030 verabschiedet wurde – dort, wo die Vereinten Nationen ihre Vision für die Zukunft beschreiben: „Eine Welt, in der Demokratie, gute Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit sowie ein förderliches Umfeld auf nationaler und internationaler Ebene unabdingbar für eine nachhaltige Entwicklung sind, darunter ein dauerhaftes und inklusives Wirtschaftswachstum, soziale Entwicklung, Umweltschutz und die Beseitigung von Armut und Hunger.“

Das Ziel 16 der Agenda 2030 bezieht sich dabei besonders deutlich auf demokratische Elemente, allerdings auch hier nur indirekt aus der Forderung  herzuleiten, eine friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz zu ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufzubauen.

Das meint konkret z.B. die Bekämpfung von Terrorismus und organisierter Kriminalität sowie das Gewähren von Zugang zu öffentlicher Information und der Schutz der Grundfreiheiten, wie sie in nationalen Rechtsvorschriften und völkerrechtlichen Vereinbarungen festgeschrieben sind.

Besonders im Blick auf eben diesen Artikel 16 betonte auch Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen von 2007 bis 2016, die wesentliche Bedeutung von Demokratie in diesem Zusammenhang und stellte insgesamt fest:

„Demokratische Prinzipien durchziehen die Agenda wie ein roter Faden, vom allgemeinen Zugang zu öffentlichen Gütern, Gesundheitsversorgung und Bildung über sichere Wohnorte bis hin zu menschenwürdigen Arbeitsmöglichkeiten für alle.“

Dabei kommt ein wichtiger Grundsatz der Agenda 2030 zum Ausdruck: Die 17 Ziele wirken in enger Verzahnung miteinander und unterstützen sich gegenseitig. Werden einzelne Ziele vernachlässigt, können auch andere dadurch in Gefahr geraten.  Nachhaltige Entwicklung strebt also die Umsetzung und Interaktion von allen Zielen gemeinsam an. Und das demokratische Prinzip als roter Faden spielt dabei offenbar eine entscheidende Rolle. Das ist ein hoher Anspruch im Blick auf weltweite Herausforderungen

Zehn Bilderbücher zum Mitdenken

Zurück zu den Kindern mit ihren Fragen und Bilderbuchgeschichten: Auch zum Artikel 16 und zu der damit eng verbundenen Ausgangsfrage „Dürfen Menschen gegen Menschen sein?“ werden in den beteiligten Bibliotheken nun gezielt Bilderbücher angeboten, die in ganz unterschiedlicher Weise um diese Frage kreisen.

Und folgende Auswahl von 10 Büchern aus diesem Spektrum kann sicher auch anderswo zum Lesen und Weiterdenken einladen:

 

Martins, Isabel Minhós / Bernardo P. Carvalho: Hier kommt keiner durch. Leipzig, 2016

Ein Soldat bewacht auf Befehl die rechte leere Buchseite. Keiner darf sie betreten außer der General, auch wenn immer mehr Menschen dicht gedrängt die Grenze überschreiten möchten. Da geschieht das Unerwartete: ein roter Ball hüpft auf die weiße Seite. Wie wird der Aufpasser reagieren? Ab 5.

 

Pintadera, Fran / Darné, Txell: Irgendein Berg. Wuppertal, 2018

Welch verheerende Wirkungen Rivalitäten haben können, zeigen die Collagen des spanischkatalanischen Autoren-Duos, denn wegen einer Kleinigkeit geraten die Bewohner zweier Dörfer in Streit und führen gegeneinander Krieg. Ab 5.

 

Gilani-Williams, Fawzia / Fedele, Chiara: Jaffa und Fatima – Schalom, Salam. Berlin, 2018

Jaffa und Fatma sind Freundinnen, die zusammenhalten, in guten wie in schlechten Tagen. Ein wunderschönes Bilderbuch über eine jüdisch-arabische Freundschaft zwischen 2 Frauen, das Toleranz und friedliches Miteinander der Religionen und Kulturen auf selbstverständliche Art thematisiert. Ab 5.

 

Frier, Raphaela: Malala. Für die Rechte der Mädchen. München, 2017

Biografisches Bilderbuch, das die Geschichte des Mädchens Malala nacherzählt, die auf ihrem Schulweg von den Taliban niedergeschossen und später die bis heute jüngste Friedensnobelpreisträgerin wurde. Mit ausdrucksstarken Illustrationen und Originalfotos.

 

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Toledo, Eymard: Onkel Flores. Basel, 2016

Onkel Flores näht Arbeitsanzüge für die Menschen in einer brasilianischen Fabrik. Doch eines Tages werden die Anzüge aus einem anderen Land geliefert. Flores hat keine Arbeit mehr, doch sein Neffe Edinho hat eine richtig gute Idee, die den Ort bunter werden lässt und Arbeit schafft – und auch für das seelische Wohl der Menschen ändert sich etwas…

 

 

Gruß, Karin / Tobias Krejtschi: Was würdest du tun? Bargteheide, 2016

Am Beispiel unterschiedlicher Alltagsszenen ergeben sich Diskussionsimpulse zu Fragen der Menschenwürde und Humanität. Ab 6  Jahre

 

Zeichnen für ein Europa. Bilder von 45 Illustratorinnen und Illustratoren. Mit einem Vorwort von Axel Scheffler. Weinheim, 2019

Die Bilder und Kurztexte – mal mehr, mal weniger direkt auf England in Abgrenzung zu Europa bezogen – spielen mit der Spannung zwischen Solidarität und Alleingang, zeigen Chancen gemeinschaftlichen Handelns auf und beschreiben die Gefahren von Isolation und dem sprichwörtlichen Sägen am eigenen Ast.

 

Chmielewska, Iwonna: Blumkas Tagebuch. Vom Leben in Janusz Korczaks Waisenhaus. Langenhagen, 2011

Wer etwas aus dem Leben und Wirken des polnischen Pädagogen Janusz Korczak und den Kindern seines Waisenhauses im Warschauer Ghetto erzählt, erzählt nicht vorrangig eine historische Geschichte, sondern vor allem eine bis heute aktuelle Geschichte über das unbeugsame Eintreten für Kinderrechte und Menschenwürde, Solidarität und Mitbestimmung.

 

Jeffers, Oliver: Hier sind wir. Zürich, 2018

Ein Vater erklärt seinem Sohn, einem winzigen Neuankömmling auf der Erde, wie viel es über die Erde, das Weltall und das Miteinander der  Menschen, Tiere und Pflanzen zu staunen gibt.

 

Klose, Petra: Agenda 2030. 17 Ziele für unsere Welt. Hamburg, 2018

Was können Menschen tun, damit es gerechter zugeht auf der Welt? Dieses Buch, das zusammen mit Experten entstanden ist, stellt Kindern ab Grundschulalter die Ziele vor und zeigt konkrete Vorschläge auf, an den Zielen im Alltag mitzuwirken.

 

Hier geht’s zu weiteren spannenden Beiträgen und Informationen der Blogparade:

Blogparade: Was bedeutet mir die Demokratie? #DHMDemokratie