Melodien ohne Worte – Musik aus dem Liederbuch הבה נשירה (Hawa naschira) / Teil 3

Wie jedes Jahr im November trafen sich gestern in Flensburg wieder Juden, Christen und Muslime zum Friedensfühler, einer gemeinsamen Besinnung auf die friedliche Nachbarschaft der Religionen in der Stadt. Dabei besuchten wir einander, luden dazu ein, das Singen und Beten der verschiedenen Religionen kennen zu lernen und im Fremden vielleicht die gemeinsame Friedenssehnsucht zu entdecken.

Foto: Inke Raabe

Zu meinen Aufgaben gehörte es in diesem Jahr, nach den gesprochenen Worten in der Petri-Kirche Musik mit der Flöte erklingen zu lassen – und ich habe lange darüber nachgedacht, was in diesem Rahmen wohl passen könnte. Gefunden habe ich bei meinen Recherchen schließlich die “Melodien ohne Worte” aus dem jüdischen Liederbuch  „Auf! Lasst uns singen“ הבה נשירה (Hawa naschira). Genau genommen handelt es sich bei den Melodien um Niggunim, die eigentlich auf Silbe mit der Stimme gesungen werden. In ihnen wohnt, so die Erläuterung zu dieser Musik, “das Erhabene dicht neben dem Banalen”. Die einfachen Melodien finden also nur dann ihren eigentlichen Klang, wenn die in ihnen angelegte Spannung entfaltet und gehalten wird. In der ursprünglichen Praxis gehört das Tanzen dazu und in der innigen und tief empfundenen Verbindung von Stimme und Körper wird zugleich die Nähe zu Gott umso intensiver spürbar. Weiterlesen

“Seht die Bäume unter dem Himmel” – Singen mit dem Liederbuch הבה נשירה (Hawa naschira) / Teil 2

BALI

Frühlingsbäume am Strand

Kürzlich habe ich an dieser Stelle am Beispiel des Liedes “Frühlingsregen” einen Einblick in das Liederbuch  הבה נשירה (Hawa naschira) und damit in die Tradition des Singens an der Talmud-Tora-Schule gegeben. http://waldworte.eu/2016/03/28/fruehlingsregen-ein-nachdenken-ueber-das-singen-an-der-hamburger-talmud-tora-schule/

BALI

Strandbaum am Ostseebad

 

Daran möchte ich heute und in den folgenden Wochen nun weiter anknüpfen, um einzelne Beispiele aus dieser besonderen Liedersammlung wieder lebendig werden zu lassen. In behutsamen Übertragungen lassen sich ausgewählte Lieder daraus für die Singpraxis neu erschließen – wie etwa das folgende Beispiel, inspiriert von  der Tradition jüdischer Baumfestlieder: Seht die Bäume unter dem Himmel

 

 

Seht die Bäume unter dem HimmelIn den Erläuterungen dazu wird verwiesen auf verschiedene jüdische Festtraditionen im Jahreslauf der Natur. So wird im Frühjahr am 15. sch’wat bei Vollmond ein Neujahrsfest der Bäume gefeiert. Für dieses Naturfest gibt es keinerlei Bestimmungen, jedoch den Brauch, die Bäume und ihr Gedeihen zu segnen, Früchte zu essen und über das Schicksal der Bäume nachzudenken.

Zur Bedeutung der Bäume im Judentum: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/9522

 

Dieser Neufassung liegt ein Loblied auf die Bäume für eben dieses Fest zugrunde –  wahlweise leicht zu begleiten mit Ukulele oder Gitarre. Weiterlesen

„Frühlingsregen“ – ein Nachdenken über das Singen an der Hamburger Talmud-Tora-Schule

Liederbuch

Foto: Susanne Brandt

Ich denke zurück an die Talmud-Tora-Schule im Hamburger Grindelviertel. Immer wieder. Vor genau 30 Jahren habe ich dort am Fachbereich Bibliothekswesen, der damals im Gebäude der ehemals (und heute wieder) jüdischen Talmud-Tora-Schule untergebracht war, meine Diplomarbeit über Geschichte und Ausgabeformen von Kinderliederbüchern geschrieben. Leider wusste ich damals noch nicht, dass rund 50 Jahre zuvor – im Jahre 1935 – der Musiklehrer Joseph Jacobsen (1897-1943) an dieser Schule ein Liederbuch unter dem Titel „Auf! Lasst uns singen“ הבה נשירה (Hawa naschira) herausgebracht hatte, das nur für wenige Jahre zum gemeinsamen Singen von deutschen, hebräischen und jiddischen Liedern einladen konnte. Joseph Jacobsen war schon als Kind Anfang des 20. Jahrhunderts selbst an der Talmud-Tora-Schule unterrichtet worden.  Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurde Jacobsen zusammen mit dem gesamten Kollegium der Talmud-Tora-Schule verhaftet und elf Tage im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Danach floh er mit seiner Familie nach London, wo er wenige Jahre später nach schwerer Krankheit starb.

Rund 65 Jahre lang – bis zur kommentierten Neuausgabe 2001  –  blieb das von ihm herausgegebene Liederbuch als besonderes Musik- und Zeitdokument des gemeinsamen Singens und Spielens nur noch wenigen Menschen zugänglich. Die 1. Auflage war nach 1935 schnell vergriffen. Eine 2. Auflage konnte es nicht mehr geben… Weiterlesen