Wurzeln, Flügel, Nachtgesänge – Impressionen vom Evangelischen Kirchentag in Berlin 2017

Ich erwarte keine Antworten. Manchmal finde ich welche. Manchmal nicht. Vielmehr erhoffe ich mir von jedem Kirchentag Fragen. Immer wieder. Wenn das irgendwann aufhören würde – dieses sich selbst Hinterfragen, Fragliches erleben, neue Fragen entdecken und alte Fragen neu wecken –  dann würde ich nicht mehr hinfahren.

Diesmal sind mir beim Erleben der Tage vor allem 3 Fragen besonders wichtig geworden. Und die folgenden Impressionen, Momente und Gedanken vermitteln vielleicht einen Eindruck davon, warum das so ist:

Die Lieder: Was geschieht beim Singen und Lauschen, dass Menschen auf so unterschiedliche Weise davon berührt werden? 

Liederwerkstatt zum Kirchentag

Das gemeinsame Singen und das Hören auf Texte und Musik – beides gehört für mich elementar zum Kirchentag. Wo sonst lassen sich über mehrere Tage mit so vielen verschiedenen Menschen so viele Erfahrungen mit Liedern und Gesang sammeln? Eine Überraschung: Staunend erlebe ich, dass ein Lied als eingängiger und fröhlicher „Großgruppen-Ohrwurm“ empfunden werden kann und gleichzeitig für einen einzelnen Menschen – ganz langsam und für sich allein gesungen – eine völlig andere Farbe annimmt. Manchmal, so denke ich, wäre es gut, mehr Zurückhaltung zu üben bei schnellen Einschätzungen und Urteilen zu Liedern. Erstmal abwarten und lauschen: Ich traue Liedern ihren eigenen Weg zu, der oft überhaupt nicht vorhersehbar und schon gar nicht „machbar“ scheint, der sich weniger als Erfolg messen, sondern vielmehr auf ganz unterschiedliche Weise als Resonanz wahrnehmen lässt. Weiterlesen

Weiter Himmel über dem Stadtrand. Etty Hillesum und die Freiheit der Poesie in einer verengten Welt

BALI

Weiter Himmel über dem Stadtrand / Foto: Susanne Brandt

Der 21. März trägt als internationaler Gedenktag eine doppelte Bedeutung: als „Welttag gegen Rassismus“ wie als „Welttag der Poesie“. Für mich ein Grund, an Etty Hillesum zu erinnern – und mit ihr und ihren Tagebuchaufzeichnungen  an die Freiheit der Poesie inmitten einer rassistisch verengten Welt:

Aus Ettys Tagebuch: „Sonne auf der Veranda, ein leichter Wind weht durch den Jasmin, und zugleich ist da die Gewissheit, dass ich das Leben als schön und lebenswert empfinde. (…) Jetzt will man anscheinend durchsetzen, dass Juden die Gemüseläden nicht mehr betreten dürfen, dass sie ihre Räder abliefern müssen, die Straßenbahn nicht mehr benutzen dürfen und abends nach 8 Uhr zu Hause sein müssen. Doch heute morgen genoss ich den weiten Himmel über dem Stadtrand und atmete die frische, nicht rationierte Luft. Auch über dem einzigen Weg, der uns verblieben ist, wölbt sich der ganze Himmel. Und dieser Himmel ist in mir ebenso weit gespannt wie über mir.“

Ihr Anliegen war es,  dem erlittenen Hass nicht mit verhärteten Worten zu begegnen, sondern die Seele vor eigenen Hassgefühlen zu bewahren:

„Das größte Problem unserer Zeit ist der große Hass gegen die Deutschen. Der vergiftet das eigene Gemüt (…) Das heißt nicht, das man gegenüber gewissen Strömungen gleichgültig ist, man nimmt Stellung, entrüstet sich zu gegebener Zeit über gewisse Dinge, man versucht Einsicht zu gewinnen. (…) Mir wird immer deutlicher (…)  dass jeder Funken Hass, den wir der Welt hinzufügen, sie nur noch unwirtlicher macht, als sie ohnehin schon ist.“

Mit Respekt und Staunen über alles, was Etty Hillesum sich inmitten von Rassismus, Hass und Verfolgung bewahren konnte, nimmt das folgende Lied poetische Bilder ihrer Tagebuchaufzeichnungen auf und formt sie zu Versen gegen das Vergessen:

Noch blüht mir der Jasmin

Ich bin ganz still, doch in mir rauscht die ganze Welt:
ein klarer Fluss, ein dunkler Wald mit vielen Sternen,
und meine Seele ist wie Bergkristall und Feuer,
kann kühl und schillernd sein und doch so zärtlich wärmen. Weiterlesen

Zum 9. November: Quelle und Klang – Lied nach Texten von Etty Hillesum

Quelle und Klang Liedseite

Um Klage, Lob und Dank in der Musik wie Theopoesie ganz verschiedener Menschen geht es bei der diesjährigen CS-Kantoreiwoche im Kloster Schöntal. Am Samstag kommt das Programm, das dort die kommenden Tage erarbeitet wird, bei einem Konzert mit kurzen Lesungen in Heilbronn unter dem Titel „Quelle und Klang“ öffentlich zur Aufführung.  Zu den thematischen Akzenten der Woche gehört auch die jüdische Studentin Etty Hillesum, die literarisch und biografisch im Mittelpunkt des Abendprogramms am Gedenktag 9. November stehen wird.

Als kleiner Eindruck dazu:

Neu erschienen ist vor einigen Wochen die Chor-CD „Quelle und Klang“ zu dem gleichnamigen Chornoten-Heft (beides erhältlich beim Verlag Singende Gemeinde, Wuppertal). In der Sammlung enthalten ist auch das gleichnamige Lied „Quelle und Klang bist du“, zu singen nach einer alten jüdischen Weise, das im Text Gedanken und Bilder aus dem Tagebuch von Etty Hillesum aufnimmt.

Zum Reinhören: 15 Quelle und Klang   Die Kleine Kantorei des Christlichen Sängerbundes

Hier der komplette Text mit Link zur trad. Melodie und zur Hörprobe: Quelle und Klang Liedseite

Erinnerung an Etty Hillesum zum Weltfriedenstag : Einfacher werden

Etty Hillesum und die Sehnsucht nach Frieden:
„Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Haß gegen die Mitmenschen, gleich welcher Rasse oder welchen Volkes, in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Haß mehr ist, sondern auf weite Sicht vielleicht sogar zu Liebe werden könnte“
(aus dem Tagebuch vom 20. Juni 1942)
  BALI
 „Man muß wieder wo einfach und wortlos werden wie das wachsende Korn oder der fallende Regen. Ausschließlich nur noch sein.“
(aus dem Tagebuch von Etty Hillesum)

 Einfacher werden

Für Etty Hillesum

Das wachsende Korn
und der fallende Regen
reden mir
wortlos
gut zu

dass ich getrost
all die großen Versprechen
vergessen kann

lernen möchte
vom Wasser
in allem

einfacher werde
ganz einfach
bin

Susanne Brandt

Über Etty Hillesum zum Weiterlesen: http://ehns.jimdo.com/

Mit der „Mausegitarre“ in den Sommer

LIED„Hütte, Zelt & Mauseloch“ – darum geht’s bei der nächsten Vorleseveranstaltung in der Stadtbibliothek Flensburg. Und dazu passt das seit 10 Jahren in vielen Kindergärten beheimatete Lied von allerlei Tieren, die hier oder dort Unterschlupf suchen: Wo fühlt sich die Maus zu Haus….? Diesmal freue ich mich besonders darauf, meine Ukuleleneue Ukulele zum Einsatz bringen zu können. Heute wurden die Griffe für die andere Saitenstimmung eingeübt – und Dienstag kann ich mich dann morgens mit federleichtem Gepäck zu Fuß auf den Weg in die Stadt machen. Weil sich die kleine „Mausegitarre“ wunderbar überall mit hinnehmen lässt. Feine Sache!

21.07.2015, 16.00 Uhr Hütte, Zelt & Mauseloch – wo man überall wohnen kann! Erzählt und gelesen von Susanne Brandt in der Stadtbibliothek Flensburg