Wurzeln, Flügel, Nachtgesänge – Impressionen vom Evangelischen Kirchentag in Berlin 2017

Ich erwarte keine Antworten. Manchmal finde ich welche. Manchmal nicht. Vielmehr erhoffe ich mir von jedem Kirchentag Fragen. Immer wieder. Wenn das irgendwann aufhören würde – dieses sich selbst Hinterfragen, Fragliches erleben, neue Fragen entdecken und alte Fragen neu wecken –  dann würde ich nicht mehr hinfahren.

Diesmal sind mir beim Erleben der Tage vor allem 3 Fragen besonders wichtig geworden. Und die folgenden Impressionen, Momente und Gedanken vermitteln vielleicht einen Eindruck davon, warum das so ist:

Die Lieder: Was geschieht beim Singen und Lauschen, dass Menschen auf so unterschiedliche Weise davon berührt werden? 

Liederwerkstatt zum Kirchentag

Das gemeinsame Singen und das Hören auf Texte und Musik – beides gehört für mich elementar zum Kirchentag. Wo sonst lassen sich über mehrere Tage mit so vielen verschiedenen Menschen so viele Erfahrungen mit Liedern und Gesang sammeln? Eine Überraschung: Staunend erlebe ich, dass ein Lied als eingängiger und fröhlicher „Großgruppen-Ohrwurm“ empfunden werden kann und gleichzeitig für einen einzelnen Menschen – ganz langsam und für sich allein gesungen – eine völlig andere Farbe annimmt. Manchmal, so denke ich, wäre es gut, mehr Zurückhaltung zu üben bei schnellen Einschätzungen und Urteilen zu Liedern. Erstmal abwarten und lauschen: Ich traue Liedern ihren eigenen Weg zu, der oft überhaupt nicht vorhersehbar und schon gar nicht „machbar“ scheint, der sich weniger als Erfolg messen, sondern vielmehr auf ganz unterschiedliche Weise als Resonanz wahrnehmen lässt. Weiterlesen

Das besondere Bilderbuch: Die Wörter fliegen

Wörter fliegenEs gibt bereits eine ganze Reihe von Bilderbüchern zum Thema Demenz. Dies ist ein ganz Besonderes. Es begleitet die Geschichte und innige Beziehung zwischen Enkel und Großmutter über etwa 20 Jahre: Zuerst ist es die Großmutter, die der zweijährigen Pia die Welt der Wörter erschließt. Tisch, Fenster, Wind, Fliege, Schmetterling – so bekommen die Dinge der Umwelt ihre Namen, werden im gemeinsamen Erleben wahrgenommen und benannt, bieten Inspiration, die Sprache mehr und mehr zu verfeinern. Aber nach etwa 20 Jahren Lebensgeschichte mit Erinnerungen an Früher und gemeinsamer Freude am Heute ändert sich etwas. Der Großmutter gelingt es nicht mehr, die Wörter in gewohnter Weise mit der Umwelt zu verbinden. „Die Wörter fliegen mir davon“, fürchtet sie. Aber einige bleiben auch: „Ich hab dich lieb“ zum Beispiel. Enkelin Pia – inzwischen eine junge Frau – bleibt weiterhin ihre Vertraute. Am Ende nimmt sie die Großmutter in den Arm: „Mach dir keine Sorgen, Oma. Deine Wörter sind alle zu mir geflogen!“ Weiterlesen