Ein Spaziergang mit Hans Christian Andersen als Adventskalender

“Oft, wenn ich durch die Straßen der Stadt gehe, kommt es mir vor, als ginge ich durch eine große Bibliothek; die Häuser sind die Bücherregale, jede Etage ein Brett mit Büchern. Hier steht eine Alltagsgeschichte, dort eine gute alte Komödie…” (aus H.C. Andersen: Tante Zahnweh)

Das Bild des “Stadtspaziergängers” Hans Christian Andersens, der hinter den Fenstern und Türen der Häuser Geschichten zu entdecken meint und mitunter das Gefühl hat, durch eine große Bibliothek zu wandern, ist eine poetische Einladung dazu, die täglichen Wege durch die winterlichen Straßen mit anderen Augen zu sehen – und eine schöne Anregung für einen “etwas anderen” Adventskalender:

Foto: S. Brandt

Benötigt wird für diese kleine Bastelarbeit kaum mehr als ein altes ausrangiertes Buch mit möglichst festen Buchseiten (ich habe ein ausrangiertes Bibliotheksexemplar vom “Fundvogel”, erschienen 1979 und illustriert von Sabine Friedrichson einer solchen Verwandlung unterzogen) und die Pappe eines DIN A 3 Zeichenblocks. In etwa 2 Stunden Bastelarbeit entsteht daraus eine “Bücherstadt”, hinter deren Fenstern immer wieder neue Geschichten und Gedichte zu entdecken sind. Das lässt sich mit 24 Klappen gut als Adventskalender gestalten, ist dann im neuen Jahr aber weiterhin als immerwährende Quelle für Erzählphantasien zu verwenden. Ideal dafür ist die Präsentation der “Bücherstadt” in einem Kamishibai-Erzähltheater. Dann können die Fenster bequem auf- und zugeklappt werden. Und die Bilder, die dahinter erscheinen, geben immer wieder neue Impulse zum Singen, Erzählen, Dichten, Weiterspinnen… Weiterlesen

Mit den Füßen denken. Eine Philosophie des Gehens

Es gibt unzählige Bücher über das Pilgern. Es gibt Wanderführer zu allen Regionen der Welt mit genauen Wegbeschreibungen. Es gibt esoterisch angehauchte Inspirationen zum meditativen Gehen. Und es gibt diverse Fitness-Ratgeber zum sportlichen Walken. Aber Gehen als eine Denkweise und literarische Erfahrung, die sich weder als religiöse noch als sportliche Übung versteht? Dazu kenne ich bislang nur ein Buch, das dem “Geheimnis des aufrechten Ganges” mit einer überraschenden Fülle an literarischen und philosophischen Quellen von Nietzsche bis Gandhi wirklich nachspürt:  Die Essay-Sammlung “Unterwegs” (franz.: Marcher, une philosophie), klug und vielschichtig bedacht und poetisch entfaltet von dem französischen Philosophen Frédéric Gros (ISBN 978-3-570-50120-7).

So gibt der Autor beispielsweise mit Nietzsche zu bedenken:

“Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meer, da wo selbst die Wege nachdenklich werden.”

Was dieses Buch so besonders macht, ist die Abkehr vom Gehen als Zweck für irgendwas: Weiterlesen

“Der Strand ist die Schwelle, wo sich die Dinge stoßen.”

Den Weg zum Atelier des Malers Otto Niemeyer-Holstein (geb. 1896 in Kiel, gest. 1984 in Lüttenort/Usedom) in Lüttenort auf Usedom zwischen Koserow und Zempin sucht man am besten zu Fuß entlang der Wasserkante. Hier, wo sich die Insel zwischen Achterwasser und Ostsee zu einem dünnen Streifen Land verengt, weitet sich der Blick und das Denken angesichts des erhaltenen Künstlerrefugiums mit Galerie, Atelierräumen und einem geradezu verwunschen wirkenden Garten.

Skulptur im Garten von Otto Niemeyer-Holstein, Foto: S. Brandt

Zur eigentümlichen Atmosphäre dieses Ortes tragen besonders die zwischen Wasserläufen, Hecken und alten Stauden verborgenen Skulpturen von verschiedenen Künstlerfreunden bei, die an jene Zeiten erinnern, zu denen dieser Ort vor allem Rückzug bot, der Begegnung und der Inspiration diente – und als Tor zum nahe gelegenen Strand, der damals wohl noch nicht durch eine so stark befahrene Bäderstraße vom Grundstück getrennt lag.

Strand bei Ückeritz am Morgen, Foto: S.Brandt

„Der Strand ist die Schwelle, wo sich die Dinge stoßen“, beschrieb Otto Niemeyer-Holstein in dem 1982 gedrehten Dokumentarfilm „…und der Strand ist meine große Geliebte“ seine innige Beziehung zum Meer. Wo die Elemente aufeinander treffen, sich aneinander reiben, sich miteinander verändern und formen, fand er eine unerschöpfliche Quelle für seine Kunst und ein Gleichnis für das Leben und das Schöne in der Welt, das gerade dort spannend ist, wo etwas nicht im gleichförmigen Ebenmaß verläuft, sondern sich immer wieder bricht.

Uferzone am Achterwasser, Foto: S. Brandt

Die Uferzone am Meer erzählt bis heute davon – keineswegs nur mit großen Wellenbrechern, die am sanft anmutenden Ostseestrand eher selten sind, sondern vielmehr durch die stetigen kleinen Bewegungen. Der etwa 8 km lange Weg am Strand zwischen Ückeritz und Zempin gehört zu den eher stillen, naturbelassenen Abschnitten der Insel und eignet sich als solcher gut, um fern der touristischen Hochburgen den leisen Begegnungen von Wasser und Land im Gehen nachzuspüren.

Skulptur im Garten von Otto Niemeyer-Holstein, Foto: S. Brandt

Wer am Ende von hier den Pfad nach Lüttenort hinter der störenden Hauptstraße findet, wird mit der Ruhe des verwunschenen Gartens und seinen steinernen wie lebendigen Gästen belohnt – und ahnt, dass das Refugium, ganz im Sinne des Künstlers, bis heute ein Ort der Begegnung von Menschen und Gedanken geblieben ist.
Weitere Informationen: http://www.atelier-otto-niemeyer-holstein.de/content/biografie

Susanne Brandt, Mai 2013

Stadtspaziergänge durch Hamburg – Kirchentags-Impressionen auf Seitenwegen

Kirchentag – für manche ein großes Event, ein Straßenfest der Religionen, Nationen und Generationen, ein fröhliches, mitunter auch frustrierendes Bad in der Menge, eine Tankstelle für geistige und geistliche Impulse….

Vermutlich liegt eine der Stärken dieser Laienbewegung in der Freiheit, Kirchentag immer wieder anders zu begehen – buchstäblich zu begehen bei inspirierenden Spaziergängen durch eine wunderschöne Stadt zum Beispiel!

Im Labyrinth der Themen und Treffpunkte habe ich mir in diesem Jahr drei eher stille (Seiten-)Wege gesucht, auf denen ich die Stadt und das, was sie durch ihre Menschen zu erzählen weiß, besser als bisher kennen gelernt habe…

…auf der Spur von Liedern , ihren „Eltern“ und all jenen, die sie singen (oder auch nicht)
…entlang der Elbe und mit Stationen an so manchen unentdeckten Ecken der Stadt, die was zu erzählen haben
…mit Respekt und Staunen für andere Religionen. Weiterlesen

„Auf freiem Fuß“ oder Die Wiederentdeckung des Alltagsspaziergangs

Unterwegs mit Fußspitzengefühl

Auf freiem Fuß“ hat die Autorin Stefanie Pütz ihren Ende März 2013 auf NDR Info gesendeten Hörfunkbeitrag über das Zufußgehen als Alltagskultur überschrieben und dabei ganz verschiedene Facetten des Themas ausgelotet: Geisteshaltung, Weltwahrnehmung, Kommunikation und Begegnung, Autonomie, Freiheit, Ökologie, Mobilität und Gesundheit – diese und andere Aspekte kommen in den Wortbeiträgen von Fußgängerinnen, in Zitaten aus der Literatur und Ausflügen in die Spaziergangswissenschaft zur Sprache. Dabei widmet sie sich besonders der Frage, welche Rolle das Zufußgehen speziell für Frauen seit dem 18. Jahrhundert spielte.

Gilt heute gemeinhin das Auto als Ausdruck von Freiheit und Unabhängigkeit, war es im 18. Jahrhundert durchaus eine Frage der Schuhmode, ob eine Frau durch das ungehinderte und selbstbestimmte Losgehen (auf lauftauglichen Absätzen!) Autonomie und Bewegungsfreiheit für sich gewinnen konnte.

Regelmäßige Fußgängerinnen, die sich nicht nur beim Wochenendspaziergang, sondern in der täglichen Fortbewegung zu Fuß durch den Alltag bewegen, beschreiben noch heute dieses besondere Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit: kein Takt des Fahrplans, keine Bindung an ein Fahrzeug (und sei es nur ein Fahrrad, das man fahrtüchtig halten, abstellen und anschließen muss), keine Abhängigkeit von Treibstoff (außer der eigenen Ernährung) hindert die Fußgängerin an der Fortbewegung, an der Bestimmung des eigenen Tempos, an spontanen Umwegen, Zäsuren oder Richtungsänderungen.

Vieles ginge besser wenn wir mehr gingen

Kleine Straßenrand-Entdeckung im Vorbeigehen - März 2013

Und damit nicht genug. Die beim Gehen veränderte Wahrnehmung wirkt sich aus auf die Geisteshaltung, Welterfahrung und Beziehung zu anderen Menschen. „Vieles ginge besser wenn wir mehr gingen“ – denn offenbar unterscheidet sich die Welt- und Selbstwahrnehmung beim Gehen deutlich vom Erleben beim Sitzen, Stehen oder Joggen im Freien. Und damit auch das Denken! Das drückt sich an vielen Stellen in der Literatur, vor allem in der Schilderung des „Flaneurs“ aus und ist längst zum Gegenstand der Wissenschaft geworden. So hat Gudrun König eine „Kulturgeschichte des Spaziergangs“ verfasst, die sich vor allem der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung des gemeinsamen Gehens widmet.

Nicht Notlösung sondern bewusste Lebenshaltung

Aber auch „Einzelgänger“ wissen die Besonnenheit des täglichen Gangs im Alltag zu schätzen. Man kann dabei die Straßen wie ein Buch lesen, Gedanken sortieren und neue Ideen buchstäblich „in Gang“ bringen. Kinder erwerben so nachweislich bessere Kompetenzen für die räumliche Orientierung und manches deutet darauf hin, dass die Chance der unmittelbaren Welterfahrung beim Gehen gerade durch die überwiegend sitzende und virtuelle Welt im Arbeitsalltag zunehmend erkannt wird und das Zufußgehen in Großstädten wie Berlin eine regelrechte Renaissance erlebt – nicht nur als Notlösung für Menschen ohne Auto, sondern als bewusste Entscheidung und Lebenshaltung!

Auf Schleichwegen durch die Stadt

Wer das auch verkehrspolitisch unterstützen möchte, kann sich beispielsweise im Verein Fuß e.V. engagieren und so dazu beitragen, den Fußgängern mehr Sicherheit und Beachtung im Straßenverkehr zu verschaffen.
Bleibt noch der gesundheitliche Aspekt: Auch wenn eine besondere Qualität im Zufußgehen gerade in der Entspanntheit und weniger im Ehrgeiz und Leistungsanreiz liegt, gelten mindestens 30 Minuten dynamisches Gehen täglich in seiner Regelmäßigkeit (bei Wind und Wetter) als gesundheitsfördernder als das gelegentliche Laufbandtraining im Fitnesscenter. Das klingt einfach und unspektakulär – scheint aber in der Praxis gar nicht so leicht umsetzbar zu sein: Frauen legen durchschnittlich 700 m pro Tag, Männer lediglich 200 m pro Tag auf ihren Alltagswegen zu Fuß zurück.

Es mag individuelle Gründe geben, die das alltägliche Zufußgehen erschweren oder verhindern. Zur Freiheit der Fußgängerinnen gehört auch, aus der persönlichen Entscheidung für die “Gangart im Schritttempo” keine Pflichtübung oder Heilslehre für sich und andere zu machen – wer dem Geheimnis von der Lust am Gehen auf die Spur kommen möchte, probiert es einfach aus. Der Hörfunk-Beitrag von Stefanie Pütz ist eine charmante und unaufdringliche Einladung dazu!

Zum Nachhören:
Die Spaziergängerin. Ein Hörfunkbeitrag von Stefanie Pütz, gesendet auf NDR Info, am Fr., 29.März 2013, 17.30-18.00 Uhr
http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/frauenforum/audio151883.html

Susanne Brandt