Verdichtete Stimmen in einer rissigen Welt

“Ein Gedicht kann Gedächtnis stiften und als tote Buchstaben vom lebendig sinnenden Denken zeugen” (Hannah Arendt, aus: “Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte, München 2015)

Wie und warum können Gedichte etwas bewirken? Hin und wieder stellt sich für mich diese Frage. Nicht, weil das Schreiben einen zuvor definierten Zweck bräuchte. Vielmehr steht vor dem Schreiben ein ungeplantes, ein absichtsloses Erleben, oft ein Erzählen – und beides formt sich dann in der Verdichtung. So ruhen Sinn und Anlass immer schon im Gedicht selbst.

Aber dann? Was kann mit und durch Worte geschehen, die dann als Gedicht in der Welt sind? Sicher sagen lässt sich das nie. Vermittelbar ist vielleicht eine erfahrene Stimmung, genauer gesagt: eine Resonanz auf die Stimmen, auf die Gestimmtheit der Welt. Vermittelbar ist vielleicht eine Bewegung, die in der Übertragung weiterwirkt: als Ermutigung, Irritation, Anstoß, Verwandlung. Vermittelbar sind Respekt und Würde in der Beziehung zu dem, was mir begegnet.

Von solchen Begegnungen lässt sich erzählen. Und wandelt sich ein solches Erzählen zum Gedicht, kann es als poetische Verdichtung vielleicht das Denken und Handeln berühren und wandeln.

Poetische Verdichtung als Resonanz auf die Stimmen der Welt

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Foto: c Johanniter / Brada

Viele Begegnungen und Erlebnisse, die ich in den vergangenen Monaten mit Geflohenen erfahren und teilen konnte, haben so den Weg in Gedichte gefunden. Sie erzählen von einem tiefen Respekt vor dem Mut, vor der Geduld und Friedenssehnsucht vieler Menschen.

Auf der Suche nach einer Sprache und Form, mit der sich davon etwas erzählen und beschreiben lässt, ohne die Vertraulichkeit des Erzählten zu verletzen, lassen sich in der poetischen Verdichtung besondere Möglichkeiten entdecken: Sie kann behutsam Einblicke geben, ohne bloßzustellen. Sie kann etwas von innen aufleuchten lassen, ohne es plakativ ins Licht zu setzen. Sie nimmt Kostbares und Einzigartiges in sich auf auf gibt davon etwas frei, ohne privat zu sprechen.
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Sonntags(ge)danken mit Walderdbeerenduft

IMG_1274Ein Sonntag –
Zeit, sich zu bedanken
für all die Walderdbeereranken,
die unsren Garten zart durchweben,
das Beet mit wildem Wuchs beleben,
ins Grüne rote Tupfen mischen
bis wir die Ernte fein auftischen
in edler Schale zum Dessert.
Es sind nicht viele – zugegeben –
jedoch: Sie duften umso mehr!

Susanne Brandt

Weiter Himmel über dem Stadtrand. Etty Hillesum und die Freiheit der Poesie in einer verengten Welt

BALI

Weiter Himmel über dem Stadtrand / Foto: Susanne Brandt

Der 21. März trägt als internationaler Gedenktag eine doppelte Bedeutung: als „Welttag gegen Rassismus“ wie als „Welttag der Poesie“. Für mich ein Grund, an Etty Hillesum zu erinnern – und mit ihr und ihren Tagebuchaufzeichnungen  an die Freiheit der Poesie inmitten einer rassistisch verengten Welt:

Aus Ettys Tagebuch: „Sonne auf der Veranda, ein leichter Wind weht durch den Jasmin, und zugleich ist da die Gewissheit, dass ich das Leben als schön und lebenswert empfinde. (…) Jetzt will man anscheinend durchsetzen, dass Juden die Gemüseläden nicht mehr betreten dürfen, dass sie ihre Räder abliefern müssen, die Straßenbahn nicht mehr benutzen dürfen und abends nach 8 Uhr zu Hause sein müssen. Doch heute morgen genoss ich den weiten Himmel über dem Stadtrand und atmete die frische, nicht rationierte Luft. Auch über dem einzigen Weg, der uns verblieben ist, wölbt sich der ganze Himmel. Und dieser Himmel ist in mir ebenso weit gespannt wie über mir.“

Ihr Anliegen war es,  dem erlittenen Hass nicht mit verhärteten Worten zu begegnen, sondern die Seele vor eigenen Hassgefühlen zu bewahren:

„Das größte Problem unserer Zeit ist der große Hass gegen die Deutschen. Der vergiftet das eigene Gemüt (…) Das heißt nicht, das man gegenüber gewissen Strömungen gleichgültig ist, man nimmt Stellung, entrüstet sich zu gegebener Zeit über gewisse Dinge, man versucht Einsicht zu gewinnen. (…) Mir wird immer deutlicher (…)  dass jeder Funken Hass, den wir der Welt hinzufügen, sie nur noch unwirtlicher macht, als sie ohnehin schon ist.“

Mit Respekt und Staunen über alles, was Etty Hillesum sich inmitten von Rassismus, Hass und Verfolgung bewahren konnte, nimmt das folgende Lied poetische Bilder ihrer Tagebuchaufzeichnungen auf und formt sie zu Versen gegen das Vergessen:

Noch blüht mir der Jasmin

Ich bin ganz still, doch in mir rauscht die ganze Welt:
ein klarer Fluss, ein dunkler Wald mit vielen Sternen,
und meine Seele ist wie Bergkristall und Feuer,
kann kühl und schillernd sein und doch so zärtlich wärmen. Weiterlesen

“Dieser eine, aus Syrien geflohen…” – vom Nachklang der Bilder beim Bahnfahren

Ich habe die Kommentare nicht gezählt, die ich nach der Kölner Silvesternacht im Netz gelesen habe. Für manche Impulse bin ich dankbar. Der Feinsinn, mit dem einige Autoren zurückhaltend geblieben sind bei der Benennung von Schuldigen, eher fragend und besonnen das beschreiben, was sich nicht auf den ersten Blick offenbart, hilft mir, genauer hinzusehen – statt schnell zu verstehen. Andere Berichte und Kommentare wiederum sind für mich Alarmsignale für eine wachsende Instrumentalisierung von Menschen und Themen, die diese Menschen existentiell betreffen – als wäre es legitim, ungehemmt die aufgewühlten Emotionen in der Bevölkerung nach Katastrophen und Schreckensszenarien des menschlichen Zusammenlebens auszunutzen, um damit gezielt bestimmte Haltungen und Meinungen zu schüren.

Blick aus dem fahrenden Zug

Blick aus dem fahrenden Zug

Meine Hoffnung ist, dass ein solcher Journalismus der Vereinnahmung und bewussten Bemächtigung keinen Nachklang behält, weil sein Getöse so platt daher kommt. Meine Hoffnung ist auch, dass andere Töne umso nachhaltiger wirken: die echten Dialoge im Wechsel von Erzählen und Zuhören, die erstaunlichen Facetten in den Stimmen von Menschen mit anderen Sprachen, die Geräusche in Bildern und Begegnungen, die manchmal nur mit wenigen Worten auskommen.

Vielleicht wie in dieser Geschichte: Neben dem Gleis

Auch Gedichte gehören zu dieser Tonlage, brauchen sie doch weder das große Publikum noch die dick aufgetragene Behauptung oder Prophezeiung. Sie sind in der Lage, dem feinen Klang von Begegnungen – wie in der o.a. Geschichte erzählt – auf ihre Weise nachzuspüren:

Wir standen am Bahngleis,
frierend
aus der Fahrplanroutine
herausgeworfen,
im Warten nie gut. Weiterlesen

Fluchtgeschichten in Weihnachtsgedichten. Entdeckungen in den Briefen des Lyrikers Arnim Juhre (1925-2015)

JuhreAuf meinem Schreibtisch liegen ein paar Bücher mit Weihnachtsgedichten. Was gleich beim ersten Hinschauen auffällt: Aus den Büchern schauen gefaltete Blätter hervor, die zwischen den Seiten liegen. Keine Lesezeichen, sondern Briefe. Der Verfasser der Bücher wie der Briefe ist Arnim Juhre. 90 Jahre alt wäre er im Dezember 2015 geworden. Aus diesem Anlass wurde 2015 eine Anthologie mit dem Titel „Geboren im Stall auf diesem Stern“ zusammengestellt, was er noch mit begleiten konnte. Die Adventszeit 2015 erlebte er nicht mehr. Er starb fast 90jährig im September 2015.

 

Jedes Jahr eine Weihnachtsgedicht als Brief – seit 1956

Dass Bücher mit Weihnachtsgedichten unter den Veröffentlichungen von Arnim Juhre einen auffallend breiten Raum einnehmen, hat einen Grund: IMG_0891Seit 1956 pflegt er die Gewohnheit, seinen Freundinnen und Freunden zu Weihnachten per Brief ein neues Gedicht zu schicken und mit diesem das aktuelle Weltgeschehen im Licht der Weihnachtsbotschaft zu bedenken. Über 50 Weihnachtsgedichte sind auf diese Weise entstanden, über 20 davon habe ich selbst seit Anfang der 1990er Jahre per Post von ihm erhalten, ältere in seinen Büchern nachgelesen. Und so auch von den Beweggründen für diese lange, niemals zum leeren Ritual gewordene Tradition erfahren. Er schreibt dazu: „Am Anfang war es Notwehr. Im November 1956, als die Diskrepanz zwischen biblischer Friedensbotschaft und akuter Kriegsgefahr mir schwer zu schaffen machte. Advent 1956 in Berlin…“
Aus dieser Situation heraus entstand damals die „Josephslegende“. Sie beginnt mit den Worten: Weiterlesen