Alltagsentdeckungen: Dem Wunder die Hand hinhalten

Neben den “Sonntagsmomenten”, die in diesem Blog in einer eigenen Kategorie zu finden sind, sollen hier ab und zu auch “Alltagsentdeckungen” Raum finden – jene oft nur kleinen, aber manchmal lange nachklingenden Begegnungen und Begebenheiten “am Rande” oder mittendrin im Getriebe der Arbeitswoche. Wie z.B. das unverhoffte gemeinsame Nachdenken über Poesie, wie ich es vor ein paar Tagen erleben konnte:

Foto und Rechte: Elke Riedel, www.elrie-art.de

Gemeinsam über Poesie nachdenken – eigentlich sollte es darum an diesem Nachmittag gar nicht gehen. Wohl aber um Sprache. Ja, das ist jede Woche etwas, was uns verbindet, was uns inzwischen mehr verbindet als trennt, auch wenn wir uns in verschiedenen Sprachen zuhause fühlen: er als Afghane im Persischen und ich im Deutschen. Eigentlich geht es jedes Mal um das Vertrautwerden mit der deutschen Sprache. Aber über das Deutschlernen nach Lektionen sind wir längst hinaus. Inzwischen geht es immer öfter um Feinheiten, um das, was unsere Sprachen auch emotional auszudrücken vermögen, was im Klang von Namen mitschwingt oder wie Eltern ihren Kindern die Welt erklären. Wie sich Distanz oder Nähe durch Sprache ausdrücken lässt oder mit welchen Wendungen Bilder beschrieben werden, ohne die vermutlich keine Sprache auskommt. Weiterlesen

Rosentage

Aus der Fülle geschöpft

So eine Kraft:
der Widerstand der Rosen,
wenn sie mit Dornen ihre Schönheit zeigen,
sich elegant zum Staub der Straße neigen,
einfach ranken in der Stadt,
mutig entfalten, was zart begonnen hat.

Aus der Fülle geschöpft –
so viel Leben!

So ein Geschenk:
der Duft am frühen Morgen.
Nur für Sekunden, im Vorübergehen
ist da ein unverhofftes Blütenwehen,
Was verwandelt dieser Duft?
Nur für Sekunden: ein Flüstern in der Luft.

Aus der Fülle geschöpft –
so viel Leben!

So rot wie Glut:
das Kleid an kühlen Mauern.
Noch flirten Knospen mit der Morgensonne,
bald schwimmen Blätter in der Regentonne.
Ist der Weg auch noch so weit –
an solchen Tagen, da lasse ich mir Zeit.

Aus der Fülle geschöpft –
so viel Leben!

Susanne Brandt

“Die bunten Häuser lauschen in den Tag”. Ostböhmische Impressionen

Foto: Susanne Brandt

Plastik Olbrama Zoubka in Hradec Kralove Foto: Susanne Brandt

Hradec Králové (Königsgrätz) in Ostböhmen ist etwas Besonderes: Jung ist die Stadt durch die vielen Studierenden, die sich nicht nur auf dem neuen Campus tummeln, sondern z.B. ebenso mitten auf dem Markt im Neuen Adalbertinum ein und aus gehen und den ganzen Tag den Klang ihrer Instrumente aus den Musikzimmern über den Hof wehen lassen. Schon der Dichter Karel Capek hat hinter diesen Mauern gelernt.

Und das Leben in diesem ehemaligen Jesuiten-Kolleg reicht noch sehr viel weiter zurück: Alt ist die Stadt durch ihre lange Geschichte, die sich vor allem an der Baukunst aus verschiedenen Epochen ablesen lässt. Sie spricht durch viele kleine Details, die sich den Betrachtenden zeigen, wenn sie langsam und aufmerksam durch die Stadt gehen, vielleicht zwischendurch an einem der vielen Plätze und grünen Winkel für einen Moment verweilen. Denn dazu lädt diese kleine Perle an der Elbe ein: Halte inne und schau genau hin! Auch die Frau mit den goldenen Haaren vor dem Theater wird dann nicht verborgen bleiben. Weiterlesen

Waldworte des Tages: Hier wohnt die Zeit

Schnecke in St. Nikolai, Wismar / Foto: Susanne Brandt

Schnecke in St. Nikolai, Wismar / Foto: Susanne Brandt

Hier wohnt die Zeit.

Es zieht sich eine Spur
ganz langsam
Stein für Stein
durch diese Weite.

Der Raum erschließt sich neu
von jeder Seite.

Und jeder Orgelton
wird groß und streckt sich aus,
verwandelt sanft die Schritte
durch das Haus

bis manche innehalten,
ungeplant,
in Bildern lesen,
anders als geahnt.

Und ohne Eile
wird die Seele weit.

Hier wohnt die Zeit.

Susanne Brandt, Wismar 2016

Verdichtete Stimmen in einer rissigen Welt

“Ein Gedicht kann Gedächtnis stiften und als tote Buchstaben vom lebendig sinnenden Denken zeugen” (Hannah Arendt, aus: “Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte, München 2015)

Wie und warum können Gedichte etwas bewirken? Hin und wieder stellt sich für mich diese Frage. Nicht, weil das Schreiben einen zuvor definierten Zweck bräuchte. Vielmehr steht vor dem Schreiben ein ungeplantes, ein absichtsloses Erleben, oft ein Erzählen – und beides formt sich dann in der Verdichtung. So ruhen Sinn und Anlass immer schon im Gedicht selbst.

Aber dann? Was kann mit und durch Worte geschehen, die dann als Gedicht in der Welt sind? Sicher sagen lässt sich das nie. Vermittelbar ist vielleicht eine erfahrene Stimmung, genauer gesagt: eine Resonanz auf die Stimmen, auf die Gestimmtheit der Welt. Vermittelbar ist vielleicht eine Bewegung, die in der Übertragung weiterwirkt: als Ermutigung, Irritation, Anstoß, Verwandlung. Vermittelbar sind Respekt und Würde in der Beziehung zu dem, was mir begegnet.

Von solchen Begegnungen lässt sich erzählen. Und wandelt sich ein solches Erzählen zum Gedicht, kann es als poetische Verdichtung vielleicht das Denken und Handeln berühren und wandeln.

Poetische Verdichtung als Resonanz auf die Stimmen der Welt

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Foto: c Johanniter / Brada

Viele Begegnungen und Erlebnisse, die ich in den vergangenen Monaten mit Geflohenen erfahren und teilen konnte, haben so den Weg in Gedichte gefunden. Sie erzählen von einem tiefen Respekt vor dem Mut, vor der Geduld und Friedenssehnsucht vieler Menschen.

Auf der Suche nach einer Sprache und Form, mit der sich davon etwas erzählen und beschreiben lässt, ohne die Vertraulichkeit des Erzählten zu verletzen, lassen sich in der poetischen Verdichtung besondere Möglichkeiten entdecken: Sie kann behutsam Einblicke geben, ohne bloßzustellen. Sie kann etwas von innen aufleuchten lassen, ohne es plakativ ins Licht zu setzen. Sie nimmt Kostbares und Einzigartiges in sich auf auf gibt davon etwas frei, ohne privat zu sprechen.
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