Buch-Tipp: Von den tausendfachen Nuancen der Liebe

Foto: Susanne Brandt

Ich dachte schon, die Befreiungstheologie sei bei uns etwas in Vergessenheit geraten. Lange habe ich keine Neuerscheinung mehr dazu auf dem Schreibtisch gehabt. Aber jetzt: Huub Oosterhuis – der niederländische Theologe, der von Freiheit und Gerechtigkeit gleichermaßen singen und sprechen kann, der nicht trennt zwischen Poesie und Protest, zwischen Lied und Liebe in der Weise, wie wir miteinander und übereinander sprechen. Und als ich heute in seinem Buch las, dachte ich mir: Wie gut, dass in diesen Tagen der verbalen Entgleisungen in den Medien, der Relativierung von Menschenrecht und der schleichenden Gewöhnung an eine Sprache, die das Unrecht versucht zu banalisieren oder so zu versachlichen, bis es uns irgendwann vielleicht nicht mehr weh tut – wie gut, dass ein Buch uns gerade jetzt daran erinnert, dass es auch anders gehen kann. Keineswegs neu, nicht nach Aufmerksamkeit heischend, sondern einfach mit einem tiefen Vertrauen in das, was wir als Möglichkeiten in uns tragen:

„Unter Liebe verstehe ich: jene tausendfachen Nuancen von Freundlichkeit und Freundschaft, von Takt und Geduld, von bedächtigem Respekt und Erbarmen, von langer Treue und Spontanität, von Höflichkeit und Leidenschaft, von gutem Willen und Ergriffenheit, mit denen Menschen einander begegnen. Unter Liebe verstehe ich die Kraft des Denkens und der Intuition, die Weisheit und die Wissenschaft und alle Fantasie und Beharrlichkeit und allen Optimismus, mit denen die Erde aufgebaut wird, immer wieder neu, gegen alles Abreißen. Alles, was zum Guten ist, alles, was zu etwas mehr Gerechtigkeit und Frieden für etwas mehr Menschen führt, das nenne ich Liebe.“ (Huub Oosterhuis, aus: Alles für alle, Patmos Verl., 2018)
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Buch-Tipp des Tages: Wie wir durchs Leben gehen…

copyright: Verlag Kein & Aber

Niemand ist für dieses Buch zu alt. Oder zu jung? Schon Kinder ab 4 können sich in einzelnen Szenen wiederfinden. Und alle anderen auch! In 100 kleineren und größeren Lektionen geht es um Dinge, die Menschen im Laufe des Lebens lernen. Dabei kommt niemand um die großen Fragen des Lebens herum: Liebe und Tod, Freundschaft und Glück, Angst und Schmerz, Hoffnung und Träume.

Man kann sich Seite für Seite chronologisch durch das Buch bewegen – aber immer wieder auch zurückblättern. Man kann philosophieren, fantasieren und miteinander ins Gespräch kommen: über den ersten Purzelbaum oder die erste Tasse Kaffee, über die Angst, etwas zu verpassen oder die Zufriedenheit mit dem, was da ist. Schließlich geht es im hohen Alter um die Kostbarkeit einzelner Stunden, aber auch um den Schmerz,  Dinge zu verlernen. Und die Angst vor dem Tod? Vielleicht geht sie dann auch auf leisen Sohlen irgendwann davon. Weiterlesen

“Die Welt gleicht einer Hochzeit” – zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur

Anatolin Kaplan: Die Braut

Ein Zitat von Ester Rabin aus ihren “Schattenbildern”, ausgewählt anlässlich des Europäischen Tages der jüdischen Kultur:

„Die Liebe ist das einzige Erlebnis des Menschen, in dem er die Zerspaltenheit seines Ich wie die Brutalität der Welt vergessen kann, das einzige reine und ganz ungeteilte Glück, das ihm zu erreichen möglich ist. Dem Menschen, dem winzigen Hauch in der Vergänglichkeit, ist in der Liebe ein Blick in die Ewigkeit gestattet.“ (Ester Rabin, aus: Schattenbilder)

Diese und viele andere Texte laden zusammen mit Bildern des russischen Malers Anatoli Kaplan, gesammelt in dem schmalen Buch “Die Welt gleicht einer Hochzeit”, zu Entdeckungen ein – mit einer Auswahl von selten gezeigten Radierungen, Lithografien, Pastellen und Texten, die aus dem jüdischen Leben erzählen und anlässlich einer Ausstellung im Jahre 2001 in Papenburg zusammengestellt wurden.

Anatoli Kaplan (eigentlich: Tanchum Lewikowitsch Kaplan) wurde am 28. Dezember 1902 in Rogatschow geboren und ist aufgewachsen in der Welt und Kultur der Ostjuden. Manches in seinem Leben und Werk lässt an den etwas älteren Marc Chagall (1889 bis 1985) denken. Während Chagall jedoch bereits 1910 nach Frankreich übersiedelte, blieb Kaplan in seiner russischen Heimat, was es für ihn als Künstler offenbar schwer machte, eine breitere Bekanntheit zu erreichen. Der Anschluss an eine internationale Kunstszene war ihm weitgehend verschlossen und seine vielfach religiös geprägten Werke erfuhren in der früheren Sowjetunion kaum eine Würdigung durch Werk- oder Einzelausstellungen.

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Buchtipp des Tages: Die blaue Bank

Albert Asensio / àbac-Verlag ISBN: 978-84-947040-0-0

Warum auch dieses Buch für mich ein “Rucksack”-Buch ist? Weil es ein Buch ist, das man mit hinaus in die Welt nehmen möchte, das man am liebsten draußen in der Natur durchblättert, die Blicke dabei immer wieder schweifen lässt, um mit der geweckten Aufmerksamkeit die Dinge und Menschen um sich herum zu betrachten. Weil es ein Buch ist, dass zum Schauen, Lauschen und Spüren einlädt, zum Wahrnehmen, Verlieben, zur stillen Freude an der Vielfalt von ganz unterschiedlichen Begegnungen.

Denn um Begegnungen geht es bei dem, was um die “blaue Bank” herum geschieht, in vielen Variationen: zwischen Alt und Jung, zwischen Groß und Klein, zwischen Frau und Frau, zwischen Frau und Mann, zwischen Damals und Heute, zwischen Abschied und Neuanfang…

Kleine Nebenbemerkung: Nur ganz selten wird in einem Bilderbuch so selbstverständlich wie hier von der Liebe zwischen zwei Frauen als eine von vielen Möglichkeiten der Begegnung erzählt, ohne dass das als eine gewollte Botschaft irgendwie besonders betont wird. Es geschieht einfach – so natürlich, wie so vieles im Leben mit Ruhe und Aufmerksamkeit füreinander einfach geschehen kann. Weiterlesen