Sonntagsmomente: Verwurzelung – ein Essay

Sprache lebt von Bildern. Genauer gesagt: Ihre Lebendigkeit offenbart sich durch verschiedene Blickwinkel und Hintergründe beim Denken und Deuten von Worten. Mit einem dieser Worte ist mir das kürzlich mal wieder neu bewusst geworden: Verwurzelung. Wer dabei zunächst an Stillstand und Sicherheit denkt, wird schnell merken: Verwurzelung hat eher mit Beweglichkeit und Beziehungen zu tun. Und auch mit Gefährdung. Das Wort begegnete mir in den letzten Wochen gleich drei mal auf unterschiedliche Weise. Ein guter Grund, um genauer hinzuschauen.

Verwurzelung als Bedürfnis der menschlichen Seele (Simone Weil)   

Zunächst im Urlaub beim Besuch einer Ausstellung der Friedensbibliothek in einem Text von Simone Weil – dort war zu lesen (was heute nicht ganz leicht zu verstehen ist ohne den Kontext jener Zeit, in der Simone Weil von der „Verwurzelung“ quasi als ihr Vermächtnis schrieb):

Zitat Simone Weil / Ausstellung Friedensbibliothek

„Die Verwurzelung ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. Es zählt zu denen, die sich nur sehr schwer definieren lassen. Der Mensch hat eine Wurzel durch seinen wirklichen, aktiven und natürlichen Anteil am Dasein eines Gemeinwesens, in dem gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Vorahnungen der Zukunft am Leben erhalten werden (…) Der Austausch von Einflüssen zwischen sehr verschiedenen Lebensräumen ist nicht weniger unentbehrlich als die Verwurzelung in der natürlichen Umgebung. Aber ein bestimmter Lebensraum darf einen äußeren Einfluss nicht als Beitrag empfangen, sondern als einen Antrieb zur intensiveren Gestaltung seines eigenen Lebens.“

Auszug aus: Simone Weil: »Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber.« Aus dem Französischen von ­Marianne Schneider, © diaphanes, Zürich 2011 (erstmals 1949 posthum)

Weiterlesen

Immer wieder den Blickwechsel wagen. Gedanken zum Welttag der humanitären Hilfe 2016

Humanitäre Hilfe

Menschen bewegen  / Foto: namentlich nicht bekannter Fotograf, Hamburg 1980er Jahre

Keine Frage: Humanitäre Hilfe ist in vielen Situationen das einzige, was das Leben von Menschen retten und ihrer Würde einen gewissen Schutz bieten kann. Helfende, die dafür bis an die Grenzen ihrer Kraft gehen, geben etwas weiter, was sich nach keinem Maß beziffern und vergleichen lässt.

Eine Frage, die wir uns als Zuschauende stellen müssen, wenn wir jeden Tag durch die Medien von der Not in Krisengebieten erfahren: Was sehen wir da wirklich? Warum gehen Bilder von toten und verletzten Kindern um die Welt, bei denen vermutlich niemand sein Einverständnis dafür geben konnte, dass alle Welt sie so sieht? Brauchen wir solche Bilder, um uns das Leid zu vergegenwärtigen? Um uns vorstellen zu können, wie wichtig die humanitäre Hilfe dort aktuell ist?  Weiterlesen