Zärtliche Schleifen – von der Poesie des Alltags in den Kulturen der Welt

1. Norddeutschen Leseförderkongress der Bücherpiraten Lübeck, Illustration: Barbara Steinitz

Die vergangene Woche war bei mir stark geprägt von Begegnungen und Gesprächen  mit Menschen aus verschiedenen Ländern. Und von der Begegnung mit Geschichten, die nah und fern von prägenden Dingen des Alltags erzählen – von Nähmaschinen zum Beispiel…

In Lübeck hatten die engagierten “Bücherpiraten” zum 1. Norddeutschen Leseförderkongress unter dem Motto “Geschichten öffnen Welten” eingeladen. Es ging darum, sich gemeinsam auf eine Entdeckungsreise zu begeben durch die Welt der Geschichten, einzutauchen in die weltweite Poesie des Alltags – mit sinnlichen Erfahrungen, Bildern, Spielen, Geschichten, Erinnerungen. Denn Sprache geschieht nie isoliert, sondern immer verbunden, verwoben, eingebettet in das Handeln und Bewegen der Menschen. So galt es, der “Gefahr einer einzigen Geschichte” etwas entgegen zu setzen: Fantasie, Vielfalt, Neugier, Offenheit für das Ungewohnte – und die Lust an der Begegnung….

Wo aber findet man solche Geschichten, die mehr als eine Perspektive oder Vorstellung offenbaren? Zunächst vor allem im Erzählen der Menschen und in den manchmal nur “ganz nebenbei” beschriebenen Momenten der Erinnerung. Alles das können wir als etwas Einzigartiges und Wertvolles achten, miteinander teilen und sammeln, verbinden und lebendig halten – vielleicht in Bildern, Erzählungen oder Gedichten, die sich betrachten, deuten und lesen lassen. Ein Versuch…

Zärtliche Schleifen

Foto: Susanne Brandt

Mit der Hand
gab deine Mutter
dem Rad seinen Schwung
immer wieder,
dass die Nähmaschine im Rhythmus surrte,
im Rhythmus von Sorge und Mut.

Mit dem Mund
gab sie Worte
für all ihre Kinder,
viel Zeit blieb nie,

doch genug
für die kleinen zärtliche Schleifen
an jedem Namen,
wenn sie nach euch rief.

Immer noch
lebt die Stimme in dir,
lässt den Faden
nicht reißen.

Susanne Brandt Weiterlesen