Das große Tischtuch. Eine persische Weisheitsgeschichte

fladenbrotWeit draußen in der Steppe gibt es ein Dorf, da kommen die Menschen gut miteinander aus. Sie arbeiten zusammen. Und sie sitzen auch in der Pause beieinander und stärken sich. Jeder Arbeiter hat dafür ein kleines Tuch dabei. Brot und Käse für eine Tag sind in das Tuch gewickelt. In der Pause breitet jeder vor sich sein Tuch aus und isst von seinem Brot und seinem Käse.

Eines Tages kommt ein Krieger vorbei. Er sieht die Arbeiter dort sitzen und essen, wie sie es gewohnt sind. Dem Krieger aber gefällt das nicht.  Er schimpft: „Was sitzt ihr da und esst wie die Katzen, jeder für sich? Ich will euch sagen, wie Menschen essen müssen: Sie sitzen alle zusammen und essen als Gemeinschaft um ein großes Tuch herum.“ Einer der Arbeiter antwortet: „Wir haben unsere Gründe für diese Sitte. Und wir wollen auch weiterhin so miteinander essen. Darum bitte ich  dich: Lass uns in Frieden so weiter essen und dränge uns nicht, es anders zu tun.“ Weiterlesen

Fluchtgeschichten in Weihnachtsgedichten. Entdeckungen in den Briefen des Lyrikers Arnim Juhre (1925-2015)

JuhreAuf meinem Schreibtisch liegen ein paar Bücher mit Weihnachtsgedichten. Was gleich beim ersten Hinschauen auffällt: Aus den Büchern schauen gefaltete Blätter hervor, die zwischen den Seiten liegen. Keine Lesezeichen, sondern Briefe. Der Verfasser der Bücher wie der Briefe ist Arnim Juhre. 90 Jahre alt wäre er heute geworden. Aus diesem Anlass sollte heute in Wuppertal seine neuste Weihnachtsanthologie mit dem Titel „Geboren im Stall auf diesem Stern“ präsentiert werden. Das geschieht auch – aber es geschieht nun im Rahmen einer Gedenkveranstaltung für den Ende September verstorbenen Autor.

Jedes Jahr eine Weihnachtsgedicht als Brief – seit 1956

Dass Bücher mit Weihnachtsgedichten unter den Veröffentlichungen von Arnim Juhre einen auffallend breiten Raum einnehmen, hat einen Grund: IMG_0891Seit 1956 pflegt er die Gewohnheit, seinen Freundinnen und Freunden zu Weihnachten per Brief ein neues Gedicht zu schicken und mit diesem das aktuelle Weltgeschehen im Licht der Weihnachtsbotschaft zu bedenken. Über 50 Weihnachtsgedichte sind auf diese Weise entstanden, über 20 davon habe ich selbst seit Anfang der 1990er Jahre per Post von ihm erhalten, ältere in seinen Büchern nachgelesen. Und so auch von den Beweggründen für diese lange, niemals zum leeren Ritual gewordene Tradition erfahren. Er schreibt dazu: „Am Anfang war es Notwehr. Im November 1956, als die Diskrepanz zwischen biblischer Friedensbotschaft und akuter Kriegsgefahr mir schwer zu schaffen machte. Advent 1956 in Berlin…“
Aus dieser Situation heraus entstand damals die „Josephslegende“. Sie beginnt mit den Worten: Weiterlesen

Erinnerung an Etty Hillesum zum Weltfriedenstag : Einfacher werden

Etty Hillesum und die Sehnsucht nach Frieden:
„Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Haß gegen die Mitmenschen, gleich welcher Rasse oder welchen Volkes, in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Haß mehr ist, sondern auf weite Sicht vielleicht sogar zu Liebe werden könnte“
(aus dem Tagebuch vom 20. Juni 1942)
  BALI
 „Man muß wieder wo einfach und wortlos werden wie das wachsende Korn oder der fallende Regen. Ausschließlich nur noch sein.“
(aus dem Tagebuch von Etty Hillesum)

 Einfacher werden

Für Etty Hillesum

Das wachsende Korn
und der fallende Regen
reden mir
wortlos
gut zu

dass ich getrost
all die großen Versprechen
vergessen kann

lernen möchte
vom Wasser
in allem

einfacher werde
ganz einfach
bin

Susanne Brandt

Über Etty Hillesum zum Weiterlesen: http://ehns.jimdo.com/

Sonntagsmomente: Und eines Tages…

Advent, Weihnachten, Neujahr, Dreikönige…die Feiertage liegen hinter uns und ich habe den stürmischen Nachmittag zuhause dazu genutzt, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Ein großer Stapel an Briefen und Karten hatte sich da die letzten Wochen angesammelt – viele sehr berührende und persönliche Grüße von nah und fern. Jedes Teil habe ich mir heute nochmal in aller Ruhe vorgenommen,  diesem oder jenem einen Platz in meinem Zimmer gegeben. Die drei weisen Männer auf Wanderschaft zum Beispiel, die stehen jetzt leuchtend rot gleich neben meinem Arbeitsplatz.

Und eines Tages (von Kindern der Grundschule Völlen)

Sie werden dort wohl ein ganzes Jahr lang bleiben – und zugleich in meinen Gedanken hin und her spazieren. Mit einem dicken Brief von den Kindern der Grundschule Völlen in Ostfriesland fanden sie den Weg hierher – Zeichen einer Verbundenheit, die sich in der Zeit von 2000 bis 2010 durch gemeinsame Buchprojekte entwickelt hatte und bis heute auf die eine oder andere Weise weiterlebt. Das kreative Drucken von eigenen Texten und ganzen Büchern mit beweglichen Lettern gehörte dazu…und gehört weiterhin zur ästhetischen und sozialen Bildungsarbeit dieser außergewöhlichen Schule. Daran lasse ich mich gern immer wieder erinnern.

Wichtig ist mir die Karte als Impuls in meinem täglichen Blickfeld auch deshalb, weil sie zugleich Ruhe und Unterwegssein zum Ausdruck bringt: Die Drei scheinen es nicht eilig zu haben. Auch wird hier offenbar Zukünftiges und Gegenwärtiges gleichermaßen mit eingeschlossen in die ruhige Gewissheit: „Und eines Tages sind sie am Ziel“. Weiterlesen