Ein Lied von Freiheit und Glück – das Bilderbuch “Ellington”

c Peter Hammer Verlag / Ill: Ingrid Godon

„Ellington aber erfand ein wunderbares Lied über die Freiheit und das Glück“. In diesem Satz am Ende des Bilderbuches klingt vieles an, was den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht: Musik und Fantasie, die Suche nach Glück und die Entdeckung der Freiheit. Dazu muss man wissen: Ellington ist ein Enterich. Und die, die sich über das Lied freuen soll, das ist Frau Treuherz, eine Klavierlehrerin. Die glaubte lange, mit dem geretteten Vogel in ihrer Wohnung auch ihr eigens Glück retten zu können. Und auf skurrilen Umwegen geht diese Sehnsucht auch in Erfüllung – nur ganz anders als erwartet. Weiterlesen

Mit den Füßen denken. Eine Philosophie des Gehens

Es gibt unzählige Bücher über das Pilgern. Es gibt Wanderführer zu allen Regionen der Welt mit genauen Wegbeschreibungen. Es gibt esoterisch angehauchte Inspirationen zum meditativen Gehen. Und es gibt diverse Fitness-Ratgeber zum sportlichen Walken. Aber Gehen als eine Denkweise und literarische Erfahrung, die sich weder als religiöse noch als sportliche Übung versteht? Dazu kenne ich bislang nur ein Buch, das dem “Geheimnis des aufrechten Ganges” mit einer überraschenden Fülle an literarischen und philosophischen Quellen von Nietzsche bis Gandhi wirklich nachspürt:  Die Essay-Sammlung “Unterwegs” (franz.: Marcher, une philosophie), klug und vielschichtig bedacht und poetisch entfaltet von dem französischen Philosophen Frédéric Gros (ISBN 978-3-570-50120-7).

So gibt der Autor beispielsweise mit Nietzsche zu bedenken:

“Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meer, da wo selbst die Wege nachdenklich werden.”

Was dieses Buch so besonders macht, ist die Abkehr vom Gehen als Zweck für irgendwas: Weiterlesen

Waldworte des Tages: Segelschiffe

Segelschiffe

Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch
Und über sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
mit Herrenblick in die Ferne.

Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand
Wie trunkene Schmetterlinge.
Aber sie tragen von Land zu Land
Fürsorglich wertvolle Dinge.

Wie das im Wind liegt und sich wiegt,
Tauwebüberspannt durch die Wogen,
Da ist eine Kunst, die friedlich siegt,
Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.

Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. –
Natur gewordene Planken
Sind Segelschiffe. – Ihr Anblick erhellt
Und weitet unsre Gedanken.

Joachim Ringelnatz (1932)

„Auf freiem Fuß“ oder Die Wiederentdeckung des Alltagsspaziergangs

Unterwegs mit Fußspitzengefühl

Auf freiem Fuß“ hat die Autorin Stefanie Pütz ihren Ende März 2013 auf NDR Info gesendeten Hörfunkbeitrag über das Zufußgehen als Alltagskultur überschrieben und dabei ganz verschiedene Facetten des Themas ausgelotet: Geisteshaltung, Weltwahrnehmung, Kommunikation und Begegnung, Autonomie, Freiheit, Ökologie, Mobilität und Gesundheit – diese und andere Aspekte kommen in den Wortbeiträgen von Fußgängerinnen, in Zitaten aus der Literatur und Ausflügen in die Spaziergangswissenschaft zur Sprache. Dabei widmet sie sich besonders der Frage, welche Rolle das Zufußgehen speziell für Frauen seit dem 18. Jahrhundert spielte.

Gilt heute gemeinhin das Auto als Ausdruck von Freiheit und Unabhängigkeit, war es im 18. Jahrhundert durchaus eine Frage der Schuhmode, ob eine Frau durch das ungehinderte und selbstbestimmte Losgehen (auf lauftauglichen Absätzen!) Autonomie und Bewegungsfreiheit für sich gewinnen konnte.

Regelmäßige Fußgängerinnen, die sich nicht nur beim Wochenendspaziergang, sondern in der täglichen Fortbewegung zu Fuß durch den Alltag bewegen, beschreiben noch heute dieses besondere Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit: kein Takt des Fahrplans, keine Bindung an ein Fahrzeug (und sei es nur ein Fahrrad, das man fahrtüchtig halten, abstellen und anschließen muss), keine Abhängigkeit von Treibstoff (außer der eigenen Ernährung) hindert die Fußgängerin an der Fortbewegung, an der Bestimmung des eigenen Tempos, an spontanen Umwegen, Zäsuren oder Richtungsänderungen.

Vieles ginge besser wenn wir mehr gingen

Kleine Straßenrand-Entdeckung im Vorbeigehen - März 2013

Und damit nicht genug. Die beim Gehen veränderte Wahrnehmung wirkt sich aus auf die Geisteshaltung, Welterfahrung und Beziehung zu anderen Menschen. „Vieles ginge besser wenn wir mehr gingen“ – denn offenbar unterscheidet sich die Welt- und Selbstwahrnehmung beim Gehen deutlich vom Erleben beim Sitzen, Stehen oder Joggen im Freien. Und damit auch das Denken! Das drückt sich an vielen Stellen in der Literatur, vor allem in der Schilderung des „Flaneurs“ aus und ist längst zum Gegenstand der Wissenschaft geworden. So hat Gudrun König eine „Kulturgeschichte des Spaziergangs“ verfasst, die sich vor allem der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung des gemeinsamen Gehens widmet.

Nicht Notlösung sondern bewusste Lebenshaltung

Aber auch „Einzelgänger“ wissen die Besonnenheit des täglichen Gangs im Alltag zu schätzen. Man kann dabei die Straßen wie ein Buch lesen, Gedanken sortieren und neue Ideen buchstäblich „in Gang“ bringen. Kinder erwerben so nachweislich bessere Kompetenzen für die räumliche Orientierung und manches deutet darauf hin, dass die Chance der unmittelbaren Welterfahrung beim Gehen gerade durch die überwiegend sitzende und virtuelle Welt im Arbeitsalltag zunehmend erkannt wird und das Zufußgehen in Großstädten wie Berlin eine regelrechte Renaissance erlebt – nicht nur als Notlösung für Menschen ohne Auto, sondern als bewusste Entscheidung und Lebenshaltung!

Auf Schleichwegen durch die Stadt

Wer das auch verkehrspolitisch unterstützen möchte, kann sich beispielsweise im Verein Fuß e.V. engagieren und so dazu beitragen, den Fußgängern mehr Sicherheit und Beachtung im Straßenverkehr zu verschaffen.
Bleibt noch der gesundheitliche Aspekt: Auch wenn eine besondere Qualität im Zufußgehen gerade in der Entspanntheit und weniger im Ehrgeiz und Leistungsanreiz liegt, gelten mindestens 30 Minuten dynamisches Gehen täglich in seiner Regelmäßigkeit (bei Wind und Wetter) als gesundheitsfördernder als das gelegentliche Laufbandtraining im Fitnesscenter. Das klingt einfach und unspektakulär – scheint aber in der Praxis gar nicht so leicht umsetzbar zu sein: Frauen legen durchschnittlich 700 m pro Tag, Männer lediglich 200 m pro Tag auf ihren Alltagswegen zu Fuß zurück.

Es mag individuelle Gründe geben, die das alltägliche Zufußgehen erschweren oder verhindern. Zur Freiheit der Fußgängerinnen gehört auch, aus der persönlichen Entscheidung für die “Gangart im Schritttempo” keine Pflichtübung oder Heilslehre für sich und andere zu machen – wer dem Geheimnis von der Lust am Gehen auf die Spur kommen möchte, probiert es einfach aus. Der Hörfunk-Beitrag von Stefanie Pütz ist eine charmante und unaufdringliche Einladung dazu!

Zum Nachhören:
Die Spaziergängerin. Ein Hörfunkbeitrag von Stefanie Pütz, gesendet auf NDR Info, am Fr., 29.März 2013, 17.30-18.00 Uhr
http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/frauenforum/audio151883.html

Susanne Brandt

Waldworte des Tages: Herze, wag’s auch du

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
“Er kam, er kam ja immer noch”,
Die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: “Es ist erst März
Und März ist noch nicht Mai.”

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.

Theodor Fontane

Gedanken zur Holzskulptur aus einem alten Ulmenstamm von Antje Scherdin (geb. 1968) im Skulpturenpark am Ostseebad:

“Wind ließ ihn zuerst nach Osten wachsen,
später richtete er sich auf, eine Astknolle nach West gerichtet.

Die Figur steckte schon in seinen Jahresringen
– ein sich aus ihm heraus stemmender, mit ihm dennoch weiterverwachsener Mensch.

Den Kopf vor Anstrengung nach unten gerichtet, die Arme wie zum
Absprung angespannt, die Ellbogen himmelwärts weisend.
Im Rücken die schon vorher gewachsene Wirbelsäule aufgegriffen.

Das Neue trägt noch das Alte in sich, so wie das Alte dem neuen Raum läßt”

(Quelle: http://www.rotelaterne.rsftg.de/artists/astoeck/frameset1.htm)