Ansehen statt Abschottung – zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge

Bild: Klaus Metje

Das Ansehen
wollten dir viele nehmen
Hagar, du Wanderin
wüstenweit vielen voraus

manchmal
drehst du dich um zu uns

sprichst mit den Augen
der so oft Verkannten
selten Genannten
Erstaunliches aus

Susanne Brandt

 

Text aus: Zugetextet.com, Nr.2 /2016 zum Thema “Flucht”

Jeweils am 3. Sonntag im Januar findet der Welttag der Migranten und Flüchtlinge statt. Dieser kirchliche Gedenktag wurde 1914 von Papst Benedikt XV. mit dem Dekret Ethnografica studia ausgerufen. Anlass war der Eindruck des Ersten Weltkrieges. Der Tag ist nicht mit dem seit 2001 jährlich stattfindenden Weltflüchtlingstag am 20. Juni zu verwechseln, der von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde.

“Mit Hagars Augen” – so der Titel des einleitenden Gedichtes zu diesem Tag  – steht für die Blicke, für die persönlichen Erfahrungen und Perspektiven vieler einzelner Menschen, die an den Grenzen, auf Fluchtwegen, in Lagern nah und fern und mitten in unserem Alltag mit ihren elementaren Lebensbedürfnissen auf Würde und Anerkennung hoffen. Weiterlesen

“Die Flucht” von Francesca Sanna: Bildersprache für das, was Menschen erzählen…

FluchtKinderbücher zum Thema Flucht gibt es inzwischen viele. Diesem ist deutlich anzumerken, dass es nicht auf die Schnelle eine wachsende Nachfrage bedienen will, sondern das sorgfältige Ergebnis eines langen Prozesses ist. Dem Buch sind über mehrere Jahre viele Gespräche mit Geflohenen voraus gegangen. Die junge Autorin hat den Menschen und ihren Geschichten sehr genau zugehört, hat ihre Gefühle und Sehnsüchte wirklich ernst genommen und dann das so Erfahrene als Studentin zum Thema ihrer Masterarbeit in Illustration gemacht. Weiterlesen

Eine Fluchtgeschichte: Marisha – das Mädchen aus dem Fass

Marisha

Manche Fluchtgeschichten sind uns in diesen Monaten wieder sehr nahe gerückt. Aber auch länger zurückliegende Erfahrungen gehören dazu und zeigen, was es bedeuten kann, wenn Menschen unter Verfolgung leiden und dann an der Landesgrenze zur erhofften Zuflucht abgewiesen werden:

Ein dunkles Fass war monatelang ihr Versteck. Hunger, Krankheit und Angst begleiteten das Leben des jüdischen Mädchens Marisha, bis sie 1948 endlich Haifa erreichte. Die letzte Station vor der ersehnte Überfahrt nach Eretz Israel war das Flüchtlingslager Pöppendorf zwischen Lübeck  und Travemünde (s. dazu die Dokumentation “Pöppendorf statt Palästina” 1999). Anstoß für die Autorin und Pädagogin Gabriele Hannemann, die Fluchtgeschichte der Marisha für Kinder ab Klasse 4 aufzuschreiben und so für den Unterricht zugänglich zu machen, war ein Besuch der inzwischen über 80jährigen Marisha (Malka) Rosenthal mit anderen Shoah-Überlebenden in Hamburg. Gabriele Hannemann erzählt in einer klaren poetischen Sprache in Ich-Form nach, was sie durch intensive Gespräche und Begegnungen über Marishas Flucht und Untertauchen erfahren hat. Einfühlsam illustriert von der israelischen Künstlerin I. Leitner und ergänzt um historische Fotos und Erläuterungen zu wichtigen Sachbegriffen ist das Buch ein ergreifendes Dokument mit einigen bislang selten beschriebenen Aspekten, das (nicht nur) in der Region Hamburg und Lübeck aufgrund der regionalgeschichtlichen Bezüge als Lektüre in den Schulunterricht ab Klasse 4 gehört.  Weiterlesen

Bilderbuch-Tipp: Am Tag, als Saída zu uns kam

aus: Am Tag, als Saida zu uns kam, Ill: Sonja Wimmer, Hammer Verl.

aus: Am Tag, als Saida zu uns kam, Ill: Sonja Wimmer, Hammer Verl.

Mit einem Koffer, aber ohne ein Wort kommt Saida in eine für sie fremde Welt. Immerhin ist sie dort nicht allein. Ein Mädchen möchte sich mit ihr anfreunden und hilft Saida dabei, nach den verlorengegangenen Wörtern zu suchen. Gemeinsam kommen sie nach und nach hinter das Geheimnis der ihnen jeweils fremden Sprachen und lernen voneinander: Alles, was sie um sich herum entdecken, wird nun mit Wörtern verbunden – in arabischer wie in deutscher Sprache. Beide spitzen die Ohren, hören auf den Klang der jeweils fremden Sprache, malen das Schriftbild dazu auf. Was sie sehen und spüren, riechen und schmecken verwandelt sich in eine Wörtermusik aus fremden und vertrauten Klängen. Am Ende bleibt ein Traum: Auf einem fliegenden Teppich wollen sie gemeinsam Saidas Heimat besuchen. Und keine Grenze soll sie daran hindern. Weiterlesen

Fluchtgeschichten in Weihnachtsgedichten. Entdeckungen in den Briefen des Lyrikers Arnim Juhre (1925-2015)

JuhreAuf meinem Schreibtisch liegen ein paar Bücher mit Weihnachtsgedichten. Was gleich beim ersten Hinschauen auffällt: Aus den Büchern schauen gefaltete Blätter hervor, die zwischen den Seiten liegen. Keine Lesezeichen, sondern Briefe. Der Verfasser der Bücher wie der Briefe ist Arnim Juhre. 90 Jahre alt wäre er im Dezember 2015 geworden. Aus diesem Anlass wurde 2015 eine Anthologie mit dem Titel „Geboren im Stall auf diesem Stern“ zusammengestellt, was er noch mit begleiten konnte. Die Adventszeit 2015 erlebte er nicht mehr. Er starb fast 90jährig im September 2015.

 

Jedes Jahr eine Weihnachtsgedicht als Brief – seit 1956

Dass Bücher mit Weihnachtsgedichten unter den Veröffentlichungen von Arnim Juhre einen auffallend breiten Raum einnehmen, hat einen Grund: IMG_0891Seit 1956 pflegt er die Gewohnheit, seinen Freundinnen und Freunden zu Weihnachten per Brief ein neues Gedicht zu schicken und mit diesem das aktuelle Weltgeschehen im Licht der Weihnachtsbotschaft zu bedenken. Über 50 Weihnachtsgedichte sind auf diese Weise entstanden, über 20 davon habe ich selbst seit Anfang der 1990er Jahre per Post von ihm erhalten, ältere in seinen Büchern nachgelesen. Und so auch von den Beweggründen für diese lange, niemals zum leeren Ritual gewordene Tradition erfahren. Er schreibt dazu: „Am Anfang war es Notwehr. Im November 1956, als die Diskrepanz zwischen biblischer Friedensbotschaft und akuter Kriegsgefahr mir schwer zu schaffen machte. Advent 1956 in Berlin…“
Aus dieser Situation heraus entstand damals die „Josephslegende“. Sie beginnt mit den Worten: Weiterlesen