Welche Worte tragen weiter? – Impressionen einer Herbstreise

In kleinen Etappen reisen – diesmal durch 4 Bundesländer: Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg. Da bleibt Zeit für die Entdeckungen am Rande, für das Anhalten, für genaues Hinschauen und Lauschen.

Orte für Worte – und das an jeder Station anders. Oder auch mit erstaunlichen roten Fäden, die sich überraschend zeigen und Verbindendes ahnen lassen. Reisen – das heißt immer wieder: Die Nützlichkeit des Alltags unterbrechen und entdecken was es heißt “sich zu verdanken”. Musik und Poesie, Landschaften, Bücher, Gespräche – sie gehören als Reisebegleiterinnen dazu.

Neuruppin 

Vor den Toren der Stadt: ein Dorf, ein alter Vierseithof, der nun Vielseithof heißt – weil die neuen Bewohner hier viele Seiten der Kunst und des Lebens zum Leuchten bringen: in sorgfältiger Handarbeit gedruckte Buchseiten und die darauf gedruckte Poesie in all ihren Erscheinungsformen.

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auf dem Vielseithof der Edition Bodoni / Foto: S. Brandt

An diesem Abend: ein Konzert mit dem Liederpoeten Wenzel: “Wenn wir warten” –  so wird mit der Stimme eines stillen Beobachters und Reisenden gesungen. Die Texte sind an verschiedenen Orten Europas entstanden. Sie stellen Fragen, meiden laute Bekenntnisse und Parolen. Zu leise für das Unrecht, das es diese Tage anzuprangern gilt? Vielleicht. Oder vielleicht auch nicht. Denn kann das Brüllen mehr bewirken als das beharrliche Beobachten, Beschreiben und Nachfragen? Bringen einfache Antworten und Schuldzuweisungen mehr ans Licht als Lieder, die Menschen im aufrechten Gang stärken und im Herzen wärmen, dass sie die Lust behalten am Lebendigen? Und den Mut, großmütig davon etwas weiterzugeben? Ohne die Pose der Sieger? Eines seiner Lieder heißt: “Halte dich von den Siegern fern.”

“Welche Worte tragen weiter, / wenn sie sanfter sind und leiser, / welche Sehnsucht stimmt mich heiter, / welche Trauer macht mich weiser.” (aus Wenzel: Welches Lied soll ich jetzt singen) Weiterlesen

Rosentage

Aus der Fülle geschöpft

So eine Kraft:
der Widerstand der Rosen,
wenn sie mit Dornen ihre Schönheit zeigen,
sich elegant zum Staub der Straße neigen,
einfach ranken in der Stadt,
mutig entfalten, was zart begonnen hat.

Aus der Fülle geschöpft –
so viel Leben!

So ein Geschenk:
der Duft am frühen Morgen.
Nur für Sekunden, im Vorübergehen
ist da ein unverhofftes Blütenwehen,
Was verwandelt dieser Duft?
Nur für Sekunden: ein Flüstern in der Luft.

Aus der Fülle geschöpft –
so viel Leben!

So rot wie Glut:
das Kleid an kühlen Mauern.
Noch flirten Knospen mit der Morgensonne,
bald schwimmen Blätter in der Regentonne.
Ist der Weg auch noch so weit –
an solchen Tagen, da lasse ich mir Zeit.

Aus der Fülle geschöpft –
so viel Leben!

Susanne Brandt

The World is made of Stories – Bilderbuch einer Skandinavienreise

Rundreiseroute:
Über Hirtshals – Langesund nach Oslo, von dort quer durch Värmland/Mittelschweden zum Schärengarten südlich von Stockholm und am Vätternsee entlang zurück durch Smaland und Skane zur südlichen Westküste nach Trelleborg.

“The World is made of Stories” – gleich zu Beginn unserer Rundreise sind mir die Gedanken des Astrup Fearnley zu seiner Sammlung für Moderne Kunst in Oslo begegnet und nicht wieder aus dem Sinn gegangen. Ist das so, habe ich mich gefragt. Und: Gilt das nur als Erfahrung auf Wegen durch die Welt der Kunst oder auch für die Wege, die wir als Reisende durch die Welt der Landschaften und der Orte mit ihren Menschen und Gedanken unternehmen?

Was er damit meint, beschreibt Fearnley sinngemäß übersetzt so:

A. Fearnley Museum Oslo, Foto: Susanne Brandt

Niemand kann die ganze Welt allein überblicken, wahrnehmen oder fassen. Wir alle lernen über die Welt durch andere, durch verschiedene Arten von Geschichten, die von den Medien oder von Einzelpersonen erzählt werden. Die Ausstellung “Die Welt ist aus Geschichten gemacht” ist eine Konstellation von erzählerischen Werken, die private und öffentliche Geschichten erzählen. Viele Geschichten bilden zusammen eine mehrschichtige Erzählung, die sich auf verschiedene Zeiten, und Orte und Aspekte bezieht und durch verschiedene Stimmen und Ausdrucksmittel beschrieben wird, hier etwas sichtbar machen und dort neue Fragen aufwerfen.” Weiterlesen