“Ich werde schauen und ich werde erzählen”. Geschichten mit Kamishibai vermitteln – und von Janusz Korczak lernen, Teil 1

“Klopf, klopf –
die Tür, sie öffnet sich.
Ganz langsam kann das gehen.
Ist jemand da?
Wo führt sie hin?
Was gibt es dort zu sehen?”

Mit jeder Geschichte öffnet sich eine Tür. Das wird beim Erzählen von Kamishibai-Geschichten besonders deutlich und konkret erfahrbar. “Klopf, klopf” – mit diesem Signal können viele Geschichten ihren Anfang nehmen, vielleicht ganz neu vor den Augen der Betrachtenden entstehen. Denn was es hinter den Flügeltüren (oder auch zwischen Buchdeckeln) tatsächlich zu entdecken gibt  – das ist das Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, der bereits vorher stattgefunden hat und sich nun in Bildern und Sprache ausdrückt, nach Vergewisserung sucht, nach den Farben einer menschlichen Stimme und nach der Freiheit der menschlichen Vorstellungskraft.

Praxis-Material zum Download: Weitere Ideen für kleine Verse und Lieder:

Kurz-Handout zur Kopie

Besonderer Einstieg zur Einstimmung in biblische Geschichten

Die Tür öffnet sich….für “Josef und seine Brüder”, c Susanne Brandt

Was dabei geschieht, ist immer ein Wechselspiel, ein Dialog zwischen verschiedenen Gedanken und Assoziationen, Vorstellungen und Interpretationen. Ich spreche ungern im Singular von DER Vorstellung im Sinne einer Theateraufführung, weil dabei – zumindest vom Wort her – die Vorstellung der Betrachtenden nicht mit einbezogen scheint. Aber die ist ebenso mit im Spiel, wenn dialogisch erzählt wird.  Oder wenn mit einer Offenheit erzählt wird, die dem Gegenüber auch in der Stille des Zuhörens Zeit und Raum lässt, in Gedanken eine eigene Vorstellung zur Geschichte zu entwickeln – und das vielleicht andersartige Erzählen des anderen gleichzeitig zu respektieren.

Ein “Lehrmeister” für ein solches Verständnis des Erzählens ist für mich mal wieder der Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak – mit Impulsen wie die folgenden, die in einer Erzählsituation für beide Seiten gelten:

“Sei nicht böse, wenn ich anders erzähle, als du es möchtest.
Sei nicht böse, wenn ich es anders sage, als du es weißt.
Sei nicht böse, wenn ich sage: Ich weiß nicht.
Sei nicht böse, wenn ich frage: War es wirklich so?“ Weiterlesen

Am 9. November 2016: Martin Bubers “dialogisches Prinzip” – nötiger denn je!

Mahnmal Wiener Judenplatz, Foto: S. Brandt

Das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah auf dem Wiener Judenplatz zeigt die nach außen gedrehten Wände einer Bibliothek. Das Innere der Bücher, die für die große Zahl der Opfer und ihre Lebensgeschichte stehen, erscheint in dieser Form unzugänglich und verborgen. Die Flügeltüren, welche die Möglichkeit eines Kommens und Gehens andeuten, sind geschlossen. Die so sich von den Lesenden abwendende Bibliothek bringt die kulturelle Leerstelle zum Ausdruck, die durch den Völkermord an den europäischen Juden entstanden ist. Foto: Susanne Brandt

Die freie Zugänglichkeit und Vernetzung von Informationen nimmt weltweit immer größere Dimensionen an.  Oft werden die Chancen des digitalen Informationsaustausches in einer globalisierten Welt als ein Zuwachs an Bildung und Gerechtigkeit beschrieben.   Das mag in mancher Hinsicht auch so sein.

Aber unter welchen Bedingungen trägt ein Mehr an frei zugänglichen Informationen wirklich dazu bei, demokratische Prozesse transparenter, Entscheidungen begründeter, Würde und Menschenrechte selbstverständlicher und den Umgang miteinander respektvoller zu gestalten?

Das bleibt die entscheidende Frage. Vermutlich gelingt das nicht ohne geschärfte Achtsamkeit für die wachsenden Gefährdungen der politischen Kultur und der Menschenrechte, die sich allein durch “Informationen” offenbar nicht abwenden lassen.  Ein Hinterfragen scheint immer wieder geboten. Eine Rückbesinnung auf andere oder ergänzende Ansätze der Kommunikationsphilosophie kann einer kritischen Gegenwartsanalyse wichtige Impulse liefern.

Am heutigen 9. November gilt die Rückbesinnung und das Erinnern zahlreichen Menschen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Anstoß zu wichtigen kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Weiterentwicklungen gegeben haben und dann an der Fortsetzung ihrer Forschungen und Reformen gewaltsam gehindert worden sind. Weiterlesen

Zum Internationalen Kinderbuchtag: Bibliotheken als magische Orte

„Es war einmal eine … Bibliothek!“ –  so beginnt die Geschichte von der kleinen Luisa, erzählt von der brasilianischen Jugendbuchautorin Luciana Sandroni,  die sie eigens zum diesjährigen Internationale Kinderbuchtag 2016 für die Kinder der Welt verfasst hat. In Luciana Sandronis Botschaft kommen viele Märchenfiguren vor – aus Grimms und Andersens und aus brasilianischen Märchen. Sie alle wollen von Luisa mit nach Hause genommen werden. Und mit einem schweren Rucksack macht sich das Mädchen nach ihrem ersten Bibliotheksbesuch auf den Heimweg. „Bist du zu Hause?“, fragt die Mutter. „Wir sind zu Hause“, antwortet Luisa – und zeigt damit zugleich, dass man aus einer Bibliothek mehr „mitnehmen“ kann als das, was gedruckt zwischen den Buchdeckeln steht…

Aus der Janusz-Korczak-Kinderbücherei, Foto: Susanne Brandt

Aus der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei, Foto: Susanne Brandt

 

„Immer, wenn du ein Buch aus der Hand legst und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch sein angestrebtes Ziel erreicht.“ 

(Janusz Korczak)

 

 

Zum Weiterlesen aus der Welt der Bibliotheken als magische Orte für Kinderbücher: Weiterlesen

Zwischen Büchern geborgen – Impressionen aus der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei

BALI

Ein Buch, das Geschichten in sich trägt…

Seit wenigen Tagen steht ein „Buch“ der ganz besonderen Art auf meinem Schreibtisch –  handgefertigt und angenehm zu betasten aus weichem Holz. Zwischen den Seiten stecken Fotos und Karten, die Geschichten ahnen lassen, immer wieder anders, persönlich, nie so, dass damit zu viel preisgegeben wird: Bilder von lesenden Jugendlichen vor oder in der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Lilienthal bei Bremen.

Ich fühle mich dem Haus und der Arbeit, die dort durch die Begleitung von Marlies Winkelheide in geschützten Räumen für und mit Geschwistern von Menschen mit Behinderung möglich ist, seit längerem verbunden. Als Zeichen dieser Verbundenheit gehört nun dieses Buch zu den besonderen „Schätzen“ in meinem Arbeitszimmer. Die Jugendlichen einer Geschwistergruppe, für die dieser Ort von besonderer Bedeutung ist, haben es mir als Päckchen zukommen lassen, vielleicht als Symbol – so wie vieles, was dort mit Büchern und Dingen geschieht, über Symbole spricht, Sinn und Botschaften vermittelt für das, was manchmal schwer in eigene Worte zu fassen ist. Weiterlesen