„Streit!“ – Faire Debattenkultur ist Thema der Ökumenischen Friedensdekade 2017

„Streit!“ Kurz und knackig kommt das Schwerpunktthema der diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade (12.-22. November 2017) daher, zu dem jetzt umfangreiche Materialien, Texte und Impulse für Aktionen vor Ort hier erhältlich sind: www.friedensdekade.de

Wie aber gehen Streit und Frieden zusammen? Frieden erstreiten? Hat da nicht schon die Gewalt einen Fuß in der Tür? Die Texte, Impulse und Hintergrundinformationen im Materialpaket der diesjährigen Friedensdekade zu Themen wie Abrüstung, Nationalismus, Populismus, Menschenrechte, Migration u.v.m. liefern eine Fülle von Gesprächsstoff und Anregungen zur persönlichen Auseinandersetzung, um für sich und mit anderen faire Wege für Widerstand, Solidarität, Meinungsfreiheit und nötige Debatten zu genau diesen Fragen und Themen zu gehen.

aus dem Materialheft zur Ökumenischen Friedensdekade 2017

„Es gilt klar Position zu beziehen, Partei zu ergreifen für die Opfer, die Schwächeren und die Menschenrechte. Und zugleich sollten wir uns fragen, was wir selbst dazu beitragen, dass Rechtspopulismus und Gewalt solchen Einfluss in Deutschland gewinnen konnten: Wann haben wir geschwiegen, wenn andere zu Unrecht beschimpft, herabgewürdigt wurden? Wann haben wir denen die öffentliche „Bühne“ überlassen, die zu Gewalt gegenüber Fremden auffordern? Wann haben wir weggeschaut, wenn das Asylrecht erneut verschärft oder der militärische Schutz der EU-Außengrenzen verstärkt wurde? Das Motto der diesjährigen Ökumenischen FriedensDekade „Streit!“ fordert auf, meinungsbildend in die öffentliche Debatte einzugreifen.[…] „

aus: Impulstext von Jan Gildemeister und Vorstand AGDF/ Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, http://www.friedensdekade.de/impulse/

 

Warum ich gerne durchs Land reise…

Ich sitze im Zug und schaue aus dem Fenster. Ich bin unterwegs zu Seminaren im Westen und im Osten Deutschlands, bei denen ich Menschen, die sich haupt- und ehrenamtlich in Bibliotheken engagieren, etwas von meiner Freude an einer lebendigen Vielfalt weitergeben möchte. Es geht um  vielfältige Geschichten und Bilder, die wir in Bibliotheken miteinander erleben und gestalten können. Durch Seminarreisen im gesamten Bundesgebiet habe ich bereits viele Menschen kennen gelernt, die eine Menge zu dieser Vielfalt beitragen und weiterhin daran mitwirken werden. Was sie genau tun und möglich machen? Zum Beispiel Brücken bauen durch das gemeinsame Entdecken von Bildern. Oder etwas „zur Sprache bringen“ durch Geschichten. Oder einfach Gastfreundschaft üben in einladenden Räumen. Oder Alltag teilen im Dialog von Mensch zu Mensch. Oder aufeinander hören beim Singen und Klingen… Weiterlesen

Welche Worte tragen weiter? – Impressionen einer Herbstreise

In kleinen Etappen reisen – diesmal durch 4 Bundesländer: Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg. Da bleibt Zeit für die Entdeckungen am Rande, für das Anhalten, für genaues Hinschauen und Lauschen.

Orte für Worte – und das an jeder Station anders. Oder auch mit erstaunlichen roten Fäden, die sich überraschend zeigen und Verbindendes ahnen lassen. Reisen – das heißt immer wieder: Die Nützlichkeit des Alltags unterbrechen und entdecken was es heißt „sich zu verdanken“. Musik und Poesie, Landschaften, Bücher, Gespräche – sie gehören als Reisebegleiterinnen dazu.

Neuruppin 

Vor den Toren der Stadt: ein Dorf, ein alter Vierseithof, der nun Vielseithof heißt – weil die neuen Bewohner hier viele Seiten der Kunst und des Lebens zum Leuchten bringen: in sorgfältiger Handarbeit gedruckte Buchseiten und die darauf gedruckte Poesie in all ihren Erscheinungsformen.

https://bodoni.org

auf dem Vielseithof der Edition Bodoni / Foto: S. Brandt

An diesem Abend: ein Konzert mit dem Liederpoeten Wenzel: „Wenn wir warten“ –  so wird mit der Stimme eines stillen Beobachters und Reisenden gesungen. Die Texte sind an verschiedenen Orten Europas entstanden. Sie stellen Fragen, meiden laute Bekenntnisse und Parolen. Zu leise für das Unrecht, das es diese Tage anzuprangern gilt? Vielleicht. Oder vielleicht auch nicht. Denn kann das Brüllen mehr bewirken als das beharrliche Beobachten, Beschreiben und Nachfragen? Bringen einfache Antworten und Schuldzuweisungen mehr ans Licht als Lieder, die Menschen im aufrechten Gang stärken und im Herzen wärmen, dass sie die Lust behalten am Lebendigen? Und den Mut, großmütig davon etwas weiterzugeben? Ohne die Pose der Sieger? Eines seiner Lieder heißt: „Halte dich von den Siegern fern.“

„Welche Worte tragen weiter, / wenn sie sanfter sind und leiser, / welche Sehnsucht stimmt mich heiter, / welche Trauer macht mich weiser.“ (aus Wenzel: Welches Lied soll ich jetzt singen) Weiterlesen

„Die Welt gleicht einer Hochzeit“ – zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur

Anatolin Kaplan: Die Braut

Ein Zitat von Ester Rabin aus ihren „Schattenbildern“, ausgewählt anlässlich des Europäischen Tages der jüdischen Kultur:

„Die Liebe ist das einzige Erlebnis des Menschen, in dem er die Zerspaltenheit seines Ich wie die Brutalität der Welt vergessen kann, das einzige reine und ganz ungeteilte Glück, das ihm zu erreichen möglich ist. Dem Menschen, dem winzigen Hauch in der Vergänglichkeit, ist in der Liebe ein Blick in die Ewigkeit gestattet.“ (Ester Rabin, aus: Schattenbilder)

Diese und viele andere Texte laden zusammen mit Bildern des russischen Malers Anatoli Kaplan, gesammelt in dem schmalen Buch „Die Welt gleicht einer Hochzeit“, zu Entdeckungen ein – mit einer Auswahl von selten gezeigten Radierungen, Lithografien, Pastellen und Texten, die aus dem jüdischen Leben erzählen und anlässlich einer Ausstellung im Jahre 2001 in Papenburg zusammengestellt wurden.

Anatoli Kaplan (eigentlich: Tanchum Lewikowitsch Kaplan) wurde am 28. Dezember 1902 in Rogatschow geboren und ist aufgewachsen in der Welt und Kultur der Ostjuden. Manches in seinem Leben und Werk lässt an den etwas älteren Marc Chagall (1889 bis 1985) denken. Während Chagall jedoch bereits 1910 nach Frankreich übersiedelte, blieb Kaplan in seiner russischen Heimat, was es für ihn als Künstler offenbar schwer machte, eine breitere Bekanntheit zu erreichen. Der Anschluss an eine internationale Kunstszene war ihm weitgehend verschlossen und seine vielfach religiös geprägten Werke erfuhren in der früheren Sowjetunion kaum eine Würdigung durch Werk- oder Einzelausstellungen.

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Sonntagsmomente: Von Angesicht zu Angesicht – gegen die Gewalt im Mittelmeer

„Ich lebe am Meer. Unzählige Male habe ich Zeichen in den Sand gemalt, die von der nächsten Welle überspült und unkenntlich gemacht worden sind. Ein Spiel im Rhythmus der Gezeiten.

Mit diesem Gesicht aber ist es anders!

Susanne Brandt: One face – one moment

Nur wenige Sekunden, dann waren auch seine Konturen fortgespült. Ich stand daneben und konnte das nicht verhindern. Kein Spiel – wenn ich daran denke, dass das für unzählige Menschen grausame Realität ist: auf der Flucht vom Meer fortgespült zu werden. Oder: Nicht verhindern zu können, das Menschen ertrinken oder es vielleicht doch zu können, aber mit Gewalt am Helfen gehindert zu werden.

Ein vergängliches Gesicht, in den Sand gemalt – eine hilflose Geste. Nein, auch eine Geste des Aufbegehrens GEGEN die Hilflosigkeit und FÜR das Leben! Weil lebensrettende Hilfe mitten auf dem Meer manchmal die einzige Chance ist, um Menschenrechte zu wahren. Weil diese Hilfe unterstützt und vor Angriffen und Behinderung geschützt werden muss! Weil es um jeden einzelnen Menschen geht – tausendfach. Niemals geht es um eine gesichtslose Masse, sondern immer um eine große Zahl von Menschen mit persönlichen Lebensgeschichten, die jedes Gesicht prägen.“ /  Susanne Brandt

Der Hintergrund: Kunst im Angesicht des Todes

38.000 Menschen sind seit dem Jahr 2000 gestorben, als sie die europäische Seegrenze überqueren wollten – aus der Not geflohen mit der Hoffnung auf Sicherheit, Würde und Gerechtigkeit.

38.000 Bilder mit Gesichtern – damit regt das Kunstprojekt Mediterranean Faces  ein Nachdenken über dieses Sterben an: bei denen, die mit einem Bild dazu beitragen wie bei denen, die sich mit diesen Bildern die unvorstellbar große Zahl an Einzelschicksalen vergegenwärtigen können. Weiterlesen