Hooger Halligsommer: Kein Wetter für Tauben

Foto: Susanne Brandt

Unruhige Zeiten im Juni des Jahres 2018. Das alte Bild der Arche als Zufluchtsort scheint an den Küsten Europas zu zerschellen. Und die Taube, die einst von ihrem Ausflug zum rettenden Land zurückgekehrt ist mit dem Zweig im Schnabel als Zeichen des Friedens – sie müsste heute wohl lange suchen, um landen zu dürfen. Oder: Um sich willkommen zu fühlen und Menschen zu finden, die am Meer unbeirrt Ausschau halten nach Frieden und Verbundenheit.

Mit seiner Blogparade (Laufzeit: 20. Juni bis 25. Juli 2018) lädt das Deutsche Historische Museum anlässlich der Ausstellung „Europa und das Meer“ unter dem Hashtag ‪#DHMMeer dazu ein, in Blogbeiträgen persönliche Beziehungen zum Meer in ihrer ganzen Vielfalt zu beschreiben. Geographisch gesehen ist Europa ein maritimer Kontinent: Keiner der anderen Erdteile hat mehr Berührungspunkte mit dem Meer gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße. Wie also erleben wir diese Berührung mit dem Meer – und wie werden wir der Verantwortung gerecht, die sich daraus ergibt? Weiterlesen

Wo Frieden von innen her Kreise zieht. Denkanstöße der afghanischen Friedensforscherin Heela Nadschibullah

Von innen nach außen / S. Brandt

Immer wieder taucht in kontroversen Diskussionen um Flucht und Fluchtursachen der Gedanke auf, ob nicht die Flucht von Menschen nach Europa im Blick auf die Not im Herkunftsland ein eher unsolidarischer Akt wäre. Die Frage bzw. Unterstellung, die dabei oft im Raum steht, lautet: Trägt die Abwanderung von Menschen nicht erst dazu bei, dass ein Wiederaufbau nach dem Krieg und letztendlich die Bekämpfung von Fluchtursachen so wenig Aussicht auf Erfolg haben?

Auf mich wirkt eine solche Argumentation von Europäern anmaßend und überheblich, geschieht sie doch aus einer vergleichsweise komfortablen Lebenssituation heraus. Wie weit reicht unser Einfühlungsvermögen für die Beweggründe, seelischen Verletzungen und Bedürfnisse, mit denen Menschen aus Krisengebieten zu uns kommen, wirklich an die Realität heran? Und was sollte uns  überhaupt das Recht geben, darüber zu befinden, ob und wie andere Menschen sich für ihr Land einzusetzen haben?

Woher nimmt der Frieden seine Kraft?

Zu den Fragen, die mich in diesem Kontext bewegen, gehören auch folgende: Wie kann es Menschen, zum Beispiel in Afghanistan, von denen manche in ihrem Leben nie wirklichen Frieden erlebt haben, aktuell gelingen, unter derart  unsicheren und verstörenden Lebensbedingungen an der Schaffung von Frieden mitzuwirken? Woher nehmen sie die Kraft dafür? Und woher die Ruhe und Vergewisserung für ihr eigenes Leben, aus der heraus sie anderen Menschen überhaupt erst Sicherheit und Geborgenheit vermitteln können?

S. Brandt

Eine, die ihre Kinderjahre in Afghanistan verbracht hat, seelische Traumata und das Bemühen um Versöhnung aus eigener Erfahrung kennt und sich vor diesem Hintergrund um ähnliche Fragen Gedanken macht, ist die afghanische Friedensforscherin Heela Nadschibullah (geb. 1977). Seit vielen Jahren lebt sie in Europa, hat  in der Schweiz studiert und arbeitet heute für eine Hilfsorganisation mit Migranten in Ungarn.

Für sie ist das Heilen gesellschaftlicher Traumata ein ganz entscheidender Aspekt der aktiven Friedensarbeit – auch dann, wenn das nicht immer direkt in dem von Krieg und Unruhen erschütterten Land möglich ist. Sie ist davon überzeugt: Nach Zeiten der permanenten Angst, Bedrohung und Verunsicherung geht es zunächst darum, Vertrauen aufzubauen und sich gegenseitig zu verstehen.

Überall dort, wo Menschen sich darin unterstützen, ein Leben in Sicherheit und mit Vertrauen zueinander zu führen und mitzugestalten, können also solche Anfänge für einen möglichen Friedensprozess gelegt werden – auch bei uns, mit mir selbst und mit den Menschen, die davon etwas weitertragen.

Heela Nadschibullah erinnert sich dabei gern an eine alte Weisheitsgeschichte,  die sich in vielen Varianten, in verschiedenen Religionen und Kulturen weltweit verbreitet hat und in der Version eines englischen Geistlichen aus dem Jahr 1100 etwa so überliefert ist:

„Als ich jung war und meine Visionen keine Grenzen kannte, träumte ich davon, die Welt zu verwandeln in eine friedliche Welt. Aber die Welt veränderte sich nicht. Also beschloss ich, wenigstens mein Land zu verändern, damit Frieden endlich möglich werden kann.  Aber auch das erschien mir unveränderbar. Als ich älter wurde, versuchte ich, wenigstens die Menschen zu verändern, die mir am nächsten standen. Aber auch das sollte mir nicht gelingen. Schließlich wurde mir klar: Wenn ich damit anfange, mich selbst zu verändern und Frieden zu finden in mir,  dann kann dieser Frieden auch  auf andere Menschen ausstrahlen. Mit ihnen gemeinsam kann dieser Frieden in einem Land immer weitere Kreise ziehen. Und – wer weiß –  am Ende sogar die Welt verändern.“

Susanne Brandt

zum Weiterlesen:

Heela Najibullah – Social Healing

“zwischen himmel und erde das weite suchen” – Notizblätter einer Reise

Die meisten Reisen haben ein Ziel. Aber das Ankommen an diesem Ziel muss nicht immer der vorrangige Zweck des Weges sein. Manchmal geht es eher um einen Orientierungspunkt im Verlauf einer gerundeten Folge von vielen Stationen.

Foto: Susanne Brandt, Rouen

Nach der Philosophie eines solchen Reisens in vielen kleinen Etappen reihen sich die Tage wie Perlen einer Kette aneinander, wobei jede Perle im Verlauf ihre eigene Form und Farbe offenbart. Und was auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar wird: Durch die Perlen hindurch zieht sich eine Schnur aus mehreren Fasern und Fäden.

Die Stationen dieser Reise von der Ostsee an die Atlantikküste, die eher langsam über mehrere Orte und Landschaften in Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich führte, dann durch die Bretagne und abermals in mehreren Etappen zurück Richtung Norden, lassen sich geografisch benennen:

Foto: Susanne Brandt, Kortrijk

Papenburg (Emsland) – Herzogenbosch und Nationalpark “De Loonse und Drunense Duinen” (Nordbraband) – St. Valery sur Somme (Picardie) – Rouen, Caens, Bayeux, Saint Aubin sur Mer (Normandie) – Lamballe,  Hillion an der Baie de Brieu, Quimper, Carnac, Vitre (Bretagne) – Chartres – Kortrijk (Flandern) – Papenburg (Emsland)

Die Fäden, die sich durch die Perlen und damit durch wechselnde Orte ziehen, tragen ebenfalls Namen. Sie sind von verbindender und vertiefender Bedeutung – skizziert auf diesen “Notizblättern” mit Bildern und Gedichten: Weiterlesen

Buch-Tipp des Tages: Schalom – Salaam. Eine interreligiöse Friedensgeschichte

aus: Jaffa und Fatima, Ariella-Verlag, 2018 / Foto: Susanne Brandt

Es gibt im Miteinander der Menschen und Religionen Dinge, die lassen sich besser erzählen als erklären. Inspiriert von einem Volksmärchen, das sowohl jüdischer als auch arabischer Herkunft ist und im Ursprung eigentlich von zwei Brüdern handelt, wird hier die Geschichte einer friedlichen Begegnung und gegenseitigen Fürsorge mit zwei Freundinnen neu entfaltet: Jaffa und Fatima – die eine Jüdin, die andere Muslima – leben auf benachbarten Dattelfarmen. Als eine Trockenzeit die Ernte beeinträchtigt, machen sich die beiden Frauen nicht nur um ihr eigenes Wohl Gedanken, sondern sorgen auch für das Auskommen der anderen. Weiterlesen

Verbrannte Dichterinnen und Dichter – zum “Tag des Buches” am 10. Mai

Foto: Susanne Brandt

Der  “Tag des Buches” – im Gedenken an die NS-Bücherverbrennung am 10. Mai vor 85 Jahren – scheint ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein neben dem “Welttag des Buches”, der regelmäßig Ende April breit beworben wird. Aber ein Blick in die Bücher der “verbrannten Dichterinnen und Dichter” zeigt die bleibende Bedeutung von Worten und Gedanken, die sich nicht vereinnahmen und hinbiegen lassen, die nicht glatt durchkommen wollen und ihre Sinne nicht verschließen vor dem, was sich verführerisch unter die Menschen mischt. Mit geschärfter Aufmerksamkeit stehen sie mit ihrem Schreiben für Menschenwürde ein und reden das Unrecht nicht schön, sondern entdecken die Schönheit des Lebens dort, wo es sich in Freiheit und Würde entfalten kann. Dafür bleibt der “Tag des Buches” ebenso Ermutigung wie Erinnerung.