Zum Tag der Menschenrechte: Das alte Lied von der mutigen Freude

Magnificat / S. Brandt

Der Tag der Menschenrechte fällt in die Adventszeit. In diesem Jahr mit dem 10. Dezember direkt auf den 2. Advent. Gestern habe ich mir deshalb gemeinsam mit einem Mann aus Afghanistan die Menschenrechte angeschaut, zumindest ein Teil davon, in einer vereinfachten Sprachfassung. Wir haben uns durch den sperrigen Text gearbeitet, die großen Worte im Wörterbuch nachgeschlagen, sind hängen geblieben an den vielen Fragen, die sich dabei ergeben, wieder und wieder – ein gutes Gespräch…

„…Liebeslied vom Leben“

Irgendwann haben wir uns von den großen Worten gelöst. Es spricht sich leichter mit Tätigkeitswörtern, mit dem gemeinsamen Vorrat gebräuchlicher Vokabeln, die vom Leben erzählen. Ganz konkret.

Später habe ich noch etwas andres entdeckt – mit den Verben im Sinn: vertrauen, nachdenken, aufbrechen, träumen…mittendrin eine überraschende Assoziation zu adventlichen Bildern, zu alten Texten, zum Magnificat, zu einer Freude, die es sich nicht leicht macht in dieser Zeit: Da war sie plötzlich. Und ich glaube, ich kann ihr einiges zutrauen.

Das alte Lied von der mutigen Freude
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„Suche nach dem Lebendigen“ – die Anthologie „Von Fluchten und Wiederfluchten“

Manche Bücher sind wie Bibliotheken: Da fängt man nicht am Anfang des „Regals“ an zu lesen und arbeitet sich Titel für Titel weiter vor. Nein, meistens lässt man sich neugierig machen von einzelnen Geschichten, zieht hier eine heraus, liest dort die erste Seite an, liest sich fest, wandert weiter…So auch in der Anthologie „Von Fluchten und Wiederfluchten“, herausgegeben von Artur Nickel und kürzlich erschienen im Geest-Verlag:  Mehr als 500 Seiten fasst diese „kleine Bibliothek“, die dabei noch recht bequem ins Handgepäck passt.  Viele verschiedene Menschen und Initiativen haben daran mitgewirkt: Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern und Generationen, Grafiker, Unterstützer.

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Melodien ohne Worte – Musik aus dem Liederbuch הבה נשירה (Hawa naschira) / Teil 3

Wie jedes Jahr im November trafen sich gestern in Flensburg wieder Juden, Christen und Muslime zum Friedensfühler, einer gemeinsamen Besinnung auf die friedliche Nachbarschaft der Religionen in der Stadt. Dabei besuchten wir einander, luden dazu ein, das Singen und Beten der verschiedenen Religionen kennen zu lernen und im Fremden vielleicht die gemeinsame Friedenssehnsucht zu entdecken.

Foto: Inke Raabe

Zu meinen Aufgaben gehörte es in diesem Jahr, nach den gesprochenen Worten in der Petri-Kirche Musik mit der Flöte erklingen zu lassen – und ich habe lange darüber nachgedacht, was in diesem Rahmen wohl passen könnte. Gefunden habe ich bei meinen Recherchen schließlich die „Melodien ohne Worte“ aus dem jüdischen Liederbuch  „Auf! Lasst uns singen“ הבה נשירה (Hawa naschira). Genau genommen handelt es sich bei den Melodien um Niggunim, die eigentlich auf Silbe mit der Stimme gesungen werden. In ihnen wohnt, so die Erläuterung zu dieser Musik, „das Erhabene dicht neben dem Banalen“. Die einfachen Melodien finden also nur dann ihren eigentlichen Klang, wenn die in ihnen angelegte Spannung entfaltet und gehalten wird. In der ursprünglichen Praxis gehört das Tanzen dazu und in der innigen und tief empfundenen Verbindung von Stimme und Körper wird zugleich die Nähe zu Gott umso intensiver spürbar. Weiterlesen

Sonntagsmomente: Vom Leuchten der Geschichten in dunkler Zeit

Vor einiger Zeit habe ich mich für eine größere Fachveröffentlichung mit dem Buch „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ von Adam Jaromir und Gabriela Cichowska (Gimpel Verlag, Hannover 2013) befasst. Bemerkenswert finde ich hierbei vor allem die mehrschichtige Anlage: Korczaks Tagebuchzitate, Notizen und die Geschichte von Amal , einem Bühnenstück von R. Tagore ( „Das Postamt“), sind in die Handlung eingebettet und verbinden sich mit den Erfahrungen der Kinder im Warschauer Waisenhaus 1942. Ein November-Thema – denn erzählt wird mit diesem Buch vom Leuchten der Geschichten in dunkler Zeit.

Trailer zum Buch

Cover c Gimpel Verlag

Warschauer Ghetto, im Mai 1942: Die Lebensbedingungen im Waisenhaus von Janusz Korczak werden immer schwieriger. „Viele sind jetzt krank. Husten, Fieber…Es geht reihum. Erst Chana, dann Tola, dann Felunia…Felunia liegt jetzt im Isolationszimmer. Der Herr Doktor schien ganz besorgt, als er sie heute früh abhorchte. Er will schauen, ob er auf dem Markt Zwiebeln und etwas Zucker bekommt, für den Hustensirup.“[1]

Mitten im täglichen Kampf mit Hunger und Krankheit, im Schwanken zwischen Angst und Hoffnung kommt Korczak im Traum der Gedanke, die Kinder ein Theaterstück des indischen Dichters Rabindranath Tagore aufführen zu lassen. Unter Anleitung von Fräulein Esther soll das geschehen. Und die Kinder, viele von ihnen schon gezeichnet von Hunger und Schwäche, tauchen ein in die Geschichte eines kranken Jungen, der am Ende sterben wird.

Cover c Edition Anker

In einer Mischung aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen erzählen Adam Jaromir und Gabriela Cichowska in Text und Bild nicht allein von den letzten Monaten im Leben des Pädagogen, Kinderbuchautors und Arztes Janusz Korczak. Sie erzählen ebenso von seiner willensstarken Mitarbeiterin Fräulein Esther und den vielen Alltagsritualen, die in einer von Hunger, Krankheit und Tod geprägten Umgebung immer wieder an das Lebendige erinnern: die Blumen, der Hebräisch-Unterricht, das Gebet, das Tagebuchschreiben, die Freude an Bildern und Musik – und am Theater.  Dabei fällt die Wahl nicht auf ein lustiges Stück, das den Kindern Ablenkung und Zerstreuung verspricht. „Das Postamt“ erzählt die Geschichte von dem kranken Junge Amal – und von seiner Hoffnung. [Anmerkung: s. dazu auch Bilderbuchausgabe nach dem Bühnenwerk: „Amal und der Brief des Königs“, Edition Anker] Weiterlesen

Bilder im Kopf und Melodien in den Füßen – von Menschen, Orten und Visionen

Die letzten zehn Tage war ich viel auf Reisen. Menschen aus verschiedenen Ländern sind mir begegnet: aus Indien und aus Lateinamerika, aus Italien, Österreich und der Schweiz. Die Anlässe unserer Treffen und Gespräche an verschiedenen Orten waren ganz unterschiedlich – und doch: Im Rückblick auf die ereignisreiche Zeit, die hinter mir liegt, nehme ich auch Verbindendes wahr. Es ging bei all diesen Begegnungen um die Beziehung zwischen Kultur und Umwelt, um Sprache als Verbindung zwischen innen und außen,  um Brücken zwischen Kunst und Natur, um das Schöpferische, das in jeden Menschen hineingelegt ist und zur Entfaltung gebracht werden kann.

„…und warte auf einen Lichtfang“ – Poesie als Ausblick ins Freie

Gedichte erzählen davon – mit den Worten von Annakutty Valiamangalam, die ich bei der Preisverleihung zum Hildesheimer Literatur-Wettbewerb kennen lernen durfte, klingt das so: Weiterlesen