Meine erste Liebe – eine Erinnerung zum „Tag der Buchliebhaber“

Tag der Buchliebhaber – so wird der 9. August alljährlich in aller Welt genannt und gefeiert, indem man sich einfach mal wieder Zeit und Muße für ein besonderes Buch gönnt. Ganz im Sinne von Hermann Hesse, der treffend beschrieb: „Es ist mit dem Lesen wie mit jedem anderen Genusse: Er wird stets desto tiefer und nachhaltiger sein, je inniger und liebevoller wir uns ihm hingeben.“

Ich mache aus diesem Anlass heute etwas früher Feierabend. Das mag seltsam anmuten, da ich doch im Lektorat jeden Tag von Büchern umgeben bin. Aber das hat leider nicht immer was mit Liebhaberei zu tun – eher mit Bewerten und Einordnen, mit Kalkulation und Abnahmestatistik. Letztere hat den Charme eines Liebestöters.

Am „Tag der Buchliebhaber“ geht es um etwas anderes. Ich muss es bei mir zu Hause suchen, in jenem Regal mit den „alten Schätzen“. Es geht um die „erste Liebe“, die wie jede erste Liebe etwas Irrationales, nicht Erklärbares in sich trägt. Die erste Liebe in meinem Bücherschrank heißt „Großvater Rotbart“ und wurde von Eva Scherbarth auf die Welt gebracht – ihr Erstgeborenes, wie ich später recherchieren konnte. Geburtsjahr 1968. Weiterlesen

„Am Faden eigener Gedanken spinnen“. Geschichten mit Kamishibai erzählen – und von Janusz Korczak lernen, Teil 2

„Immer, wenn du ein Buch aus der Hand legst und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch sein angestrebtes Ziel erreicht.“ (Janusz Korczak)

aus: Lefin / Brandt / Nommensen: Der Sturm auf dem See

Mit Kamishibai auf Reisen gehen – das ist zu allererst ein Lernprozess. Denn aus jeder Begegnung, aus jeder Anregung, die sich durch Workshops immer wieder neu ergibt, stellen sich neue Fragen und Herausforderungen. Die Erwartungen sind verschieden und so müssen immer wieder neue Wege gesucht werden, um bei dem, was sich nicht eindeutig beantworten oder zeigen lässt, weiterzuhelfen und das eigene Ausprobieren anzuregen. Dass man dafür eine Menge bei Janusz Korczak lernen kann, habe ich bereits im vorangegangenen Beitrag zum Thema – am Anfang der Reise – zu beschreiben versucht. Seither wurde weiter an diesem Faden gesponnen. Und jetzt – in der Mitte der Reise – sind weitere Erfahrungen und Ideen hinzu gekommen. Was mir aufgefallen ist – bei mir selbst wie auch bei anderen: Manchmal scheint es schwer, sich wirklich mit einer Geschichte zu verbinden und daraus den Mut und die Fantasie zum lebendigen Erzählen zu entwickeln. Zwar ist es immer möglich, sich am Faden der Geschichte Bild für Bild entlang zu hangeln, aber irgendwie bleibt die Verbundenheit nur äußerlich. Weiterlesen

„Ich werde schauen und ich werde erzählen“. Geschichten mit Kamishibai vermitteln – und von Janusz Korczak lernen, Teil 1

„Klopf, klopf –
die Tür, sie öffnet sich.
Ganz langsam kann das gehen.
Ist jemand da?
Wo führt sie hin?
Was gibt es dort zu sehen?“

Mit jeder Geschichte öffnet sich eine Tür. Das wird beim Erzählen von Kamishibai-Geschichten besonders deutlich und konkret erfahrbar. „Klopf, klopf“ – mit diesem Signal können viele Geschichten ihren Anfang nehmen, vielleicht ganz neu vor den Augen der Betrachtenden entstehen. Denn was es hinter den Flügeltüren (oder auch zwischen Buchdeckeln) tatsächlich zu entdecken gibt  – das ist das Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, der bereits vorher stattgefunden hat und sich nun in Bildern und Sprache ausdrückt, nach Vergewisserung sucht, nach den Farben einer menschlichen Stimme und nach der Freiheit der menschlichen Vorstellungskraft.

Praxis-Material zum Download: Weitere Ideen für kleine Verse und Lieder:

Kurz-Handout zur Kopie

Besonderer Einstieg zur Einstimmung in biblische Geschichten

Die Tür öffnet sich….für „Josef und seine Brüder“, c Susanne Brandt

Was dabei geschieht, ist immer ein Wechselspiel, ein Dialog zwischen verschiedenen Gedanken und Assoziationen, Vorstellungen und Interpretationen. Ich spreche ungern im Singular von DER Vorstellung im Sinne einer Theateraufführung, weil dabei – zumindest vom Wort her – die Vorstellung der Betrachtenden nicht mit einbezogen scheint. Aber die ist ebenso mit im Spiel, wenn dialogisch erzählt wird.  Oder wenn mit einer Offenheit erzählt wird, die dem Gegenüber auch in der Stille des Zuhörens Zeit und Raum lässt, in Gedanken eine eigene Vorstellung zur Geschichte zu entwickeln – und das vielleicht andersartige Erzählen des anderen gleichzeitig zu respektieren.

Ein „Lehrmeister“ für ein solches Verständnis des Erzählens ist für mich mal wieder der Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak – mit Impulsen wie die folgenden, die in einer Erzählsituation für beide Seiten gelten:

„Sei nicht böse, wenn ich anders erzähle, als du es möchtest.
Sei nicht böse, wenn ich es anders sage, als du es weißt.
Sei nicht böse, wenn ich sage: Ich weiß nicht.
Sei nicht böse, wenn ich frage: War es wirklich so?“ Weiterlesen

Buch-Tipp: Wo die Geschichten wohnen

c Mixtvision

c Mixtvision

Zur Einstimmung – ein kleiner Gruß der beiden Autoren:

https://www.youtube.com/watch?v=W37DH1qmIMw

Dieses Buch führt vorbei an kalten Zahlen und trüben Blicken, mitten hinein in das leuchtende Staunen über eine Welt der Zauberwälder, der Wörtermeere und Schätze. Hier kann man verwunschene Schlösser erkunden und in Wolken aus Musik schlafen. Wer sich in dieser Umgebung zuhause fühlt, bekommt den Schlüssel zur Freiheit in die Hand: denn Fantasie ist frei!

Genau mit diesem Satz endet das poetische Bilderbuch für kleine und große Geschichtenliebhaber. Ganz nach der feinen Art des Illustrators O. Jeffers sind die Szenen von der spielerischen Leichtigkeit seiner luftigen Zeichnungen geprägt. Die Hauptfigur: ein mutiges Mädchen, das schnell einen zunächst noch etwas ängstlichen Jungen als Gefährten findet, der sich mit ihr hinein wagt, in das Abenteuer Fantasie – und am Ende mit einem Buch unterm Arm noch was vor hat…

Ein Loblied auf Bücher voller Geschichten – das singt dieses Bilderbuch mit wenig Text und viel Freiraum zum Träumen und Weitererzählen. Wer will da nicht mitsingen?

Susanne Brandt

Bilderbuch-Tipp: Nachtmusik und Sprachklang aus der Insektenwelt

441620Nach dem Bilderbuch „Zuhause“ nimmt C. Ellis das Leben mit seiner Wärme und seinem Wandel erneut in ihren liebevollen Blick: Dabei gibt sie diesmal den Insekten eine Stimme – nicht mit animalischenLauten, sondern mit einer feinen „Tiersprache“, die in Anklängen eine Übersetzung ins Deutsche ahnen lässt und doch für alle Betrachtenden eine geheimnisvolle Fremdsprache bleibt, die den Eigensinn und die Unverfügbarkeit der Tierwelt zum Ausdruck bringt.

In dieser beginnt die Geschichte mit einem großen Staunen: Da wächst etwas aus der Erde heraus, entwickelt sich zur Blume und wird von allerlei Tieren „umgarnt“ – bis im Herbst der Verfall einsetzt und alles in eine Winterstarre fällt. Im Frühling aber…

IMG_1611Neben den fantasievoll ausgeschmückten Ereignissen um die kleine Pflanze zeigen sich auf den Doppelseiten, die mit der knappen wörtlichen (Tier-)Rede nur ganz sparsam betextet sind, allerlei Nebenschauplätze, an denen sich der Jahreslauf der Natur offenbart.

Und ganz besonders schön: die Nachtmusik, die allein durch die Illustration und Stimmung ihren inneren Klang entwickelt und damit die kunstvolle Sprachmusik um eine weitere sinnliche Dimension bereichert. Da möchte man gleich ein Instrument zur Hand nehmen und einfach losspielen. Der Bildaufbau wird zur Partitur…

Kinder (und Erwachsene!) aller Nationen werden an der facettenreichen Erzählweise dieses Buches ihre Freude haben!

Susanne Brandt