Sonntagsmomente: “Alles beginnt mit der Sehnsucht”

Gemeinsam Feiern und Dankbarkeit empfinden – geht das in einem Jahr wie diesem überhaupt, in dem so viele Pläne zerplatzt sind, so manche Aufgaben und Gewohnheiten, die bislang das persönliche Leben existenziell geprägt haben, derzeit nur auf Schmalspur oder gar nicht ausgeübt werden können und neue Herausforderungen noch nicht die Gewissheit geben, dass am Ende eine gute „Ernte“ zu erwarten ist?

„Erntedank“ – das hat über Jahrzehnte für viele mit einer gewissen Routine stattgefunden. Keineswegs nur im Kontext und Bewusstsein des landwirtschaftlichen Kreislaufes vom Wachsen und Ernten. Erntedank als Traditionsfest findet ebenso im Kulturraum der Städte statt und war bislang für viele wohl nur selten mit der Sehnsucht verbunden, es möge doch wieder etwas zurückkommen von dem, was wir seit Monaten schmerzlich entbehren: wie jetzt z.B. die spontane und unbekümmerte Nähe zu anderen Menschen, Feste in Fülle, eine entspannte Leichtigkeit und Sorglosigkeit im Alltag, für manche auch eine Berufsausübung in der bislang gewohnten Form.

Vielleicht aber ist sie in diesem Jahr nun für manche spürbar, diese Sehnsucht – wenn auch von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich.

„Alles beginnt mit der Sehnsucht / immer ist im Herzen Raum für mehr“  – an dieser Gedichtzeile von Nelly Sachs bin ich heute im Erntedank-Gottesdienst gedanklich hängengeblieben.

Eine solche Sehnsucht meint weder Gier noch Maßlosigkeit, verengt sich nicht zu eigennützigen Forderungen, zu Misstrauen oder Frustration, wenn das Erhoffte lange auf sich warten lässt.

Offenheit für die Möglichkeiten des Lebens

Für mich kommt Sehnsucht nicht ohne Vertrauen aus: Man muss sie riskieren, weil sie unvorhersehbar bleibt, weder Erfolg noch Sicherheit verspricht.

Sehnsucht ist eher eine Haltung, eine Offenheit für die Möglichkeiten des Lebens und nicht der kurze Sprung zur Wunscherfüllung. Ob und wie sie sich am Ende tatsächlich erfüllt – das bleibt unverfügbar und überraschend zugleich. Auch dafür findet Nelly Sachs in ihrem Gedicht Worte. Mir gefällt das Bild vom Herzen, das noch Raum lässt für mehr, vielleicht eine Hoffnung weckt für das, was dieses Mehr ist oder werden kann.

Mir fallen dazu durchaus konkrete Begegnungen, Geschichten und Situationen ein. Ganz verschiedene. Denn ich habe in den vergangenen Monaten viele Menschen kennengelernt, die mich ahnen lassen, was es heißt, mit „Raum für mehr im Herzen“ zu leben:

Der Kreativität etwas zutrauen

Menschen, die mit Sehnsucht nach Veränderung in schwieriger Zeit ihrer Kreativität etwas zutrauen und vielleicht ganz neue Talente und Möglichkeiten für sich entdecken und ausprobieren.

Menschen, die mit dem Herzen auch das Denken weiten und sich nicht allein an Daten und kurzsichtigen Schlussfolgerungen festbeißen, nicht nur auf die Situation im eigenen Land starren, sondern der Komplexität von Krisen- und Lebenssituationen weltweit viel Raum und Zeit zugestehen beim gemeinsamen Forschen, Entdecken und Lernen.

Dankbarkeit 2020 – das ist für mich mit der Chance und Perspektive verbunden, sich als Weltgemeinschaft lernend weiterzuentwickeln. Das hat für mich mit der Erfahrung zu tun, wie erstaunlich eine Sehnsucht „mit Raum für mehr im Herzen“ auf neue Weise Kreativität und Mut freisetzen kann. Und vor allem: Das erinnert mich daran, wie unverfügbar alles Kostbare ist – mitunter überraschend präsent, aber nie sicher vorherzubestimmen und nicht immer fassbar.

Am Ende haben wir gemeinsam gesungen – draußen, im Freien:

Manchmal, da ist es ein einziger Ton. Unverhofft kommst du, dann gehst du davon, ich glaub, manchmal, da ist es ein einziger Ton.“

 

Susanne Brandt (Gedanken zu Corona im Oktober)