Von Naturbüchern, VR-Brillen und blühenden Gärten. Internationale Studien zu Chancen und Grenzen in der Medien- und Naturbildung mit Kindern

Ergänzen sich die verschiedenen Wege der Weltentdeckung auf positive Weise  –  oder behindern sie einander eher? Welche Kriterien könnte bei einer sinnvollen Medienauswahl in diesem Bereich eine Rolle spielen? Und was gilt es bei der Gestaltung der Lern- und Lebensumgebung, bis hin zur Architektur, zu beachten?

Das internationale Netzwerk „children & nature“ hat aktuell zu solchen Fragen eine Übersicht zu  interessanten Forschungsprojekten und Studien der letzten Jahre aus verschiedenen Ländern veröffentlicht und die wichtigsten Ergebnisse daraus zusammengefasst.

Der komplette Beitrag in englischer Sprache mit Links zu allen zitierten Studien und Forschungsberichten ist hier zu finden:

https://mailchi.mp/0f435961988b/children-nature-network-research-digest-june-2020

Im Blick auf das Interesse von Öffentlichen Bibliotheken werden nachfolgend wiederum die Ergebnisse einiger der dort vorgestellten Studien kurz (in Deutsch) skizziert, und zwar unter drei ausgewählten Fragestellungen, die vor allem die Bedeutung und Wirkung von Kinderliteratur und anderen Medien auf das Erleben und Verstehen von Natur und Umwelt betreffen.

Frage 1:

Kann Kinderliteratur bei jüngeren Kindern einen wesentlichen Beitrag zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung leisten?

Studie: Yash BhagwanjiPatty Born: Use of Children’s Literature to Support an Emerging Curriculum Model of Education for Sustainable Development for Young Learners. First Published October 17, 2018

Link zur Studie: http://dx.doi.org/10.1177/0973408218785320

Untersucht wurde hier, ob folgende Aspekte durch Kinderliteratur unterstützt werden können:

  1. Wertschätzung für die Natur: Entwicklung von Bewusstsein, Freude und Staunen sowie Dankbarkeit für die natürliche Welt
  2. Sorge um die Natur: nötiger Respekt und rücksichtsvolles Verhalten, um gesunde Ökosysteme zum gegenseitigen Nutzen aller zu erhalten.
  3. Gesunder Lebensstil: Entwicklung gesunder Essgewohnheiten und körperlicher Aktivitäten, um Gesundheitsrisiken durch Fehlernährung und Bewegungsmangel entgegen zu wirken.
  4. Vertraut werden mit einem nachhaltigen Lebensstil: Kenntnisse und Fähigkeiten von nachhaltiger Lebensgestaltung und Selbstwirksamkeit, z.B. im Zusammenhang mit Gartenarbeit.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es bei der Buchauswahl darauf ankommt, durch Geschichten und Sachthemen die Beziehung der Kinder zur Natur positiv zu bestätigen. Für weniger hilfreich halten die Autoren solche Bücher, die Angst und Verzweiflung hervorrufen können. Sie kommen zu dem Schluss: Sorgfältig ausgewählte Bilderbücher, die sich auf die Schönheit und das Wunder der Natur konzentrieren, können kleinen Kindern helfen, ein Verständnis und eine Wertschätzung für die natürliche Welt zu entwickeln, was wiederum eine solide Grundlage für die Entwicklung umweltbewusster Menschen und die Schaffung einer nachhaltigeren Gesellschaft bildet .

Frage 2:

Beeinträchtigen anthropomorphe Darstellungen von Tieren in Kinderbüchern das Lernen über Tiere?

Studie: Megan S. GeerdtsGretchen A. Van de WalleVanessa LoBue: Learning About Real Animals From Anthropomorphic Media. First Published December 14, 2015

Link zur Studie: https://doi.org/10.1177/0276236615611798

Nachdem frühere Untersuchungen darauf hindeuteten, dass Anthropomorphismus – also die Übertragung menschlicher Merkmale auf nichtmenschliche Wesen – die Entwicklung von Sachwissen bei Kindern zu echten Tieren negativ beeinflussen könnte,  sollte mit diesem Forschungsprojekt nun in Erfahrung gebracht werden, ob anthropomorphe Bilderbücher die Aufmerksamkeit und das Lernen von Kindern möglicherweise doch fördern könnten, ohne das Sachwissen durch anthropomorphes Denken zu verfälschen.

Basis der Untersuchung sind hier 48 Vorschulkinder (3-5 Jahre), die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Die Versuchsbedingungen umfassten das Lesen von Kinderbüchern zum Thema Tarnung als Schutzfaktor für Tiere. Weitere zwölf Kinder wurden zufällig einer Kontrollgruppe zugeordnet.

Die vier Versuchsbedingungen umfassten das Lesen von Bilderbüchern mit unterschiedlichen Tierdarstellungen:

  • realistische Bilder mit Sachsprache
  • realistische Bilder mit anthropomorpher Sprache
  • anthropomorphe Bilder mit Sachsprache
  • anthropomorphe Bilder mit anthropomorpher Sprache

Sowohl das anthropomorphe als auch das realistische Buch enthielten dieselbe sachliche Information über die Tarnung und konzentrierten sich auf dieselben drei Tiere (Frosch, Schmetterling und Vogel).

Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen zeigten die Ergebnisse dieser Studie, dass anthropomorphe Sprache und Illustrationen in Bilderbüchern das sachliche Lernen über echte Tiere nicht beeinträchtigten und Kinder nicht dazu veranlassten, unrealistische Vorstellungen zu Verhalten und Eigenschaften realer Tiere zu entwickeln. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass die für diese Studie verwendeten anthropomorphen Bilderbücher – insbesondere solche mit anthropomorphen Bildern – das Lernen der Kinder von sachlichen, biologische Informationen über die Tiere sogar verbessern.

Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass Anthropomorphismus das Lernen von Kindern über Tiere eher unterstützen statt behindern könnte.

Frage 3:

Welche Erkenntnisse und Forschungsergebnisse liegen sonst noch zur Wirkung von Naturerfahrungen und virtuellen Naturbildern auf Kinder und Erwachsene vor?

Einige weitere in der Zusammenschau von „children & nature“ vorgestellten Studien befassen sich u.a. mit der Bedeutung von Naturerfahrungen und Naturbildern im Bereich der medizinischen Prävention und bei Heilungsprozessen.

Dabei wird deutlich, dass Naturbilder und -erfahrungen – real wie z.B. auch durch eine VR-Brille bei Patient*innen in besonderen Krankheits- und Heilungsphasen – positiv auf das körperliche und psychische Wohlbefinden Einfluss nehmen.

Das heißt: Durch den gezielten Einsatz von Medien wie auch durch Architektur  – hier etwa durch eine stärkere Einbeziehung von Tageslicht, durch Bäume und Gärten als zugängliche und sichtbare Außenbereiche – ließen sich viele positive Wirkungen erzielen.

Weitere Studien bestätigen die Hinweise darauf, dass durch medial vermittelte Natur (durch Filme, Bücher, Kunst, VR-Brille etc.) ein großer Teil der offenbar positiven Natureinflüsse auf Körper und Seele ebenfalls zu erreichen sind. Gleichzeitig weisen Forscherinnen und Forscher aber auch darauf hin, dass eine wachsende Dominanz an Naturerfahrungen „aus zweiter Hand“ die unmittelbare Beziehung zur realen Natur als Grundlage verschieben und nachhaltig verändern könnte. Weitere Studien müssten folgen, um die damit verbundenen Auswirkungen auch längerfristig und differenzierter kennen zu lernen.

Zusammenfassungen in Deutsch: Susanne Brandt