Wir sind von Klang umgeben. Gedanken zu Ernesto Cardenal

Wir sind von Klang umgeben.

Alles, was ist, durch seinen Rhythmus vereint.

Kosmischer Jazz, nicht chaotisch und nicht kakophonisch.

Harmonisch.

Alles singt.

Die Dinge, nicht aus Berechnung erschaffen,

sondern aus Poesie.

Vom Poeten („Schöpfer“ = Poietes),

Schöpfer der Poiema.

Mit endlichen Worten unendlicher Sinn.

 

Aus: Ernesto Cardenal: Gesänge des Universums, Wuppertal 1995, S. 27

 

Worte beschreiben Welt: in der Literatur, in der Mystik und Mythologie, in der Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft. Schöpferisch. Unerschöpflich.

Unerschöpflich scheint der Reichtum an Bildern und Beziehungen, die für Ernesto Cardenal das Wesen der Welt ausmachen. Spiritualität und Wissenschaft – nicht zu trennen. Poesie und Schöpfungsgeschehen – ein Zusammenspiel wie Musik. Die klingt weiter über seinen Tod hinaus.

Ich erinnere mich: Vor einigen Jahren habe ich Ernesto Cardenal bei einer Musiklesung in Lingen erleben können. Damals schon ein alter Mann. Aber erfüllt von einem Staunen und einer großen Freude am Rhythmus in der Musik, in der Sprache, in den Menschen, die sich davon inspirieren lassen. In allem. Durch die Verbundenheit mit Pan y Arte weiß ich um sein jahrzehntelanges Engagement für Kultur, für Musik und Poesie in Nicaragua. Auch das wird inzwischen von vielen Händen mitgetragen. Weiterbewegt.

https://panyarte.de/spenden/

Wie viele Menschen hat er damit zur Poesie, zum Denken, zum Dichten und Komponieren angeregt? Wie viele Inspirationen sind auf unzähligen Wegen durch seine Gedanken und Gedichte weitergegeben worden? Über andere Menschen zu anderen Menschen, von einem Land in ein anderes Land, von einer Sprache in eine andere Sprache?

Auch in diesem Lied klingt davon etwas an: In allem ein Rhythmus

Und Helmut Koch weiß seine Schöpfungspoesie so zu beschreiben:

„[Cardenals] Epos umfasst die Darstellung der Gesetzmäßigkeiten, deren Erklärung und die Präsentation des Universums in seiner Vielfalt und bildet eine Synthese aus Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie und Poesie. Viel näher als älteren und neuen materialistischen Ansätzen steht er im übrigen Naturdeutungen des Frühgriechentums, die das Element des Fließens und des inneren Rhythmus des Universums betonen […]

Ausgangspunkt der Erfahrung der Alleinheit des Universums und des Gesetzes der Liebe als der gestaltenden und erhaltenden Kraft war die mystische Erfahrung von Natur und Gott […] Sinn findet Cardenal nicht nur im Kosmos und der Menschheitsgeschichte im ganzen. Wenn der Einzelne für ein sozial besseres Leben kämpft, tut er das nicht gegen die Kontingenz der Geschichte, sondern in deren gesetzmäßiger Entwicklung zu universeller Harmonie. Wenn er stirbt, geht sein Leben weiter. Cardenal stellt sich dies sehr konkret vor: Einerseits zerfällt der Mensch in Materie, die sich zu neuem Leben verbindet.  Andererseits bleibt in dieser Materie gewissermaßen die „Seele“ erhalten, so dass eine Fortsetzung des Lebens – biologisch und spirituell – in neuer Gestalt unter Erhalt der bisherigen Entwicklung zu erwarten ist. Sterben bedeutet so neues Leben. Die Auferstehung,  von Jesus im Christentum symbolisiert, geschieht universell. Christus hob diese Tatsache auf seine Weise ins Bewusstsein. Auch die Mythen, die Cardenal zuhauf anführt, sprechen allesamt von einer Zukunft nach dem Tod.“

(Aus: Helmut Koch: Ernesto Cardenal. Edition Text & Kritik, 1992)