Sonntagsmomente: Lesen heißt die Angst verwandeln

Selten ist mir so deutlich wie bei der medialen Berichterstattung der letzten Tage zum Coronoavirus aufgefallen, wie sehr es bei vielen Magazin- und Talkshow-Formaten darum geht, die Emotionen hochzupeitschen. Dabei ließe sich das, was wir zu diesem Thema wirklich wissen müssen, auch nüchterner und übersichtlicher zusammenfassen mit allem, was zu Hygiene, Prognosen,  Vorsichtsmaßnahmen und Risiken bereits bekannt ist.

Aber viele Medien belassen es nicht bei diesen Informationen. Sie brauchen mehr Stoff um Erregungen zu erzeugen und Menschen geradezu gierig zu machen nach immer neuen Schreckensszenarien (von der wachsenden Zahl der Heilungen wird kaum berichtet). Und wo auch mit reißerischen Fragen an Experten kein neuer emotionaler Zündstoff mehr zu holen ist, bleibt noch der Versuch, die Erregung künstlich mit Reporterwissen in die Länge zu ziehen, das niemand braucht: Denn wem helfen ausführliche Einblicke in die Stimmungslage von Bewohnern eines Ortes, in dem sich ein infizierter Arzt mit geringen Symptomen in häuslicher Isolation befindet?

Was dieser auf die Spitze getriebene Erregungsjournalismus bewirkt:

  • viele überflüssige, emotional aufgeladene Informationen, die die wirklich wichtigen Hinweise eher verstellen als verdeutlichen.
  • geschürte Ängste und Panik-Reaktionen, die die Notrufe, Praxen und Krankenhäuser massiv mit Bagatellfällen überlasten und damit Kraft und Ressourcen von den wirklich wichtigen Aufgaben abziehen
  • ein Klima der Verunsicherung (u.a. weil mit den hektisch erfragten Prognosen auch viele Widersprüchlichkeiten in Umlauf kommen), was Menschen zu irrationalem Verhalten wie etwa Hamsterkäufen verleitet, die die Versorgungslage im Notfall insgesamt eher verschlimmern als verbessern.

Was soll das?

Warum fehlt es vielen Medienhäusern offenbar an dem nötigen Verantwortungsbewusstsein, um eben solche beträchtlichen Verschärfungen zu unterlassen und sich auf die wichtigen, regelmäßig aktualisierten Sachfragen und Recherchen zu konzentrieren, auch wenn diese vielleicht gar nicht so spektakulär sind, wie es für hohe Quoten und Klicks nötig wäre?

Ich weiß nicht, ob sich an diesem Journalismus bald etwas ändert. Aber immerhin können wir etwas ändern: nämlich abschalten und uns aus anderen seriösen Quellen die wesentlichen Informationen holen.
Und ebenso wichtig: sich Zeit lassen, um in Ruhe zu einer persönlichen Haltung und passenden Handlungsweise zu finden – unbeeinflusst vom Erregungswettstreit auf diversen (auch öffentlich-rechtlichen) Kanälen.

“Unverfügbarkeit” in einer durchgeplanten Welt

Bücher helfen dabei: Hartmut Rosas Essay über die Unverfügbarkeit passt zum Beispiel zu der Frage, wie wir mit dem umgehen, was wir nicht restlos steuern und vorhersehen können – denn diese Anteile des nicht Planbaren gehören bei aller Vorsicht und Forschung zu jedem Krankheitsgeschehen dazu. Nach meinem Eindruck ist die Konfrontation mit dem nicht ganz Absehbaren in einer sonst so durchgeplanten Welt eine der größten Angstmacherinnen – und genau da wirken die Medien nun vielfach als Verstärker.

Mit anderen Autoren lässt sich vielleicht nachdenken über persönliche Sinn- und Daseinsfragen, die tiefer reichen und stärker sind als die mediale Verführung, das ganze Denken und Handeln in Krisenzeiten allein an diffusen Ängsten und möglichen Gefährdungen des Lebens auszurichten.

Manchmal helfen auch Musik oder Kunst, ein Gedicht oder ein Spaziergang am Meer – alles Erfahrungen, die uns die Möglichkeit geben, über die vordergründige Erregung hinaus die Welt zu entdecken. Im Kleinen wie im Großen.
Das ist kein Wegschauen in der Konfrontation mit Gefahren und Notlagen, die immer auch mutiges und besonnenes Handeln fordern. Vielmehr geht es darum, den Sorgen und Ängsten zwischen Quellen der Hoffnung und Keimlingen des Mutes einen Platz zu geben, an dem sie nicht das gesamte Denken, Fühlen und Handeln blockieren, sondern als Teil unserer Lebendigkeit integriert und verwandelt werden können – in Empathie und Zivilcourage zum Beispiel.

Spurensuche wird zur Quellensuche

An diesem Wochenende beim Workshop “Hier sind wir. Weltwahrnehmung zwischen Sorge und Hoffnung und die Chance von Bilderbüchern und Geschichten” im Rahmen der “32. Spurensuche für Kinder- und Jugendliteratur” in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg (Mülheim/Ruhr) unter dem diesjährigen Motto “Dicke Luft” haben wir mit engagierten Teilnehmenden zwischen 20 und 70 nach genau solchen Quellen gesucht:
Mut und Vertrauen, Liebe, Geborgenheit und Begegnungen sind – so die Erfahrung von vielen Teilnehmenden – die elementaren Grundlagen für ein gemeinsames Leben in Gegenwart und Zukunft. Sie taugen dazu, auch über den heutigen Tag hinaus zu tragen – in all ihren individuellen Ausprägungen und bei ganz verschiedenen, immer wieder anders spürbaren Gefährdungen und Fragen an das Leben.

Denn sicher inmitten der aktuellen Verunsicherung bleibt: Nach oder neben Corona werden bald andere Themen die medial aufgeheizten Debatten bestimmen: Klimawandel oder Fluchtbewegungen, Kriegsschauplätze oder Naturkatastrophen…

Bildung für nachhaltige Entwicklung als Inspiration und Orientierungshilfe

Wo also behalten Mut und Vertrauen, Liebe, Geborgenheit und Begegnungen genügend Raum und Veränderungsenergie in unruhigen Zeiten wie diesen? Was können sie zur Stabilisierung angesichts von Bedrohungen und Verunsicherungen beitragen – persönlich wie gesellschaftlich? Wie können wir sie stärken und wie stärken sie uns darin, Wissen und Informationen richtig einzuordnen, gute Entscheidungen zu treffen, Orientierung zu finden und Solidarität zu üben?

Und was uns bei solchen Tagungen und Workshops besonders beschäftigt: Wie können wir bereits jüngeren Kindern so davon erzählen, dass sie daraus Ermutigung und eigene Ideen für Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem Leben schöpfen – heute und morgen?

Bildung für nachhaltige Entwicklung – so der pädagogische Unterbau bei diesem Workshop – ist immer auch eine Einladung zum Hinterfragen und Querdenken, eine Inspiration zur Sinnfindung und eine ethische Ausrichtung in der Beziehung zu anderen Menschen wie zur Umwelt.

Mit dem Bilderbuch “Hier sind wir” zum Beispiel wird ein solcher Weg durchs Leben mit all seinen Schönheiten und Unverfügbarkeiten einfühlsam, liebevoll und mit einem guten Maß an Offenheit für das noch Kommende beschrieben und illustriert.

Ja, hier sind wir –  gemeinsam mit vielen anderen auf dieser Erde. Und für das, was wir miteinander erleben, bewegen, manchmal auch durchstehen können, brauchen wir keine Erregungswellen, sondern Vertrauen zueinander, Solidarität und Mut.

Bilderbücher und Geschichten erzählen davon – zum Weiterdenken…

 

Susanne Brandt

 

Zum Weiterlesen:

http://waldworte.eu/2019/05/01/duerfen-menschen-gegen-menschen-sein-kinder-entdecken-demokratie-und-zukunftsfragen-durch-geschichten/

Workshop-Material zum Projekt „Das weiße Blatt“