Nachhaltig erzählen: Mit allen Sinnen Sprache erleben

Passt das alles in meinen Rucksack?

So frage ich mich oft, bevor ich zu einem Seminar auf Reisen gehe und den großen Stapel an Büchern und Materialien sehe, der sich dafür über Wochen der Vorbereitung in meinem Zimmer angesammelt hat. Und ja, irgendwie passt es am Ende dann doch. Wer viel per Bahn unterwegs ist, lernt die Besinnung auf das, was als “wesentlich” empfunden wird. Kann das zu wenig sein?

Um eine Besinnung auf wesentliche Aspekte einer inklusiven Sprachförderung mit allen Sinnen  soll es nächste Woche auch bei dem Fachtag Sprache in der Stadtbücherei Hagen gehen: um das, was verschiedene Menschen aus dem Schatz ihrer jeweiligen Praxiserfahrungen auswählen, um es in Workshops anderen weiterzugeben.

Musik gehört dazu. Denn jede Sprache ist wesentlich von Klang und Rhythmisierung geprägt. Bewegung und Spiel dürfen nicht fehlen. Denn jedes Sprechen ist ein durch und durch bewegtes und bewegendes Geschehen, an dem alle Sinne beteiligt sind. Wesentlich ist deshalb auch die Wahrnehmung. Und alles das lässt sich in vielfältiger Weise mit Bilderbüchern und Geschichten verbinden.

Die Ukulele muss im Rucksack also auf jeden Fall Platz finden – als Begleiterin für einfache Lieder zum sofortigen Mitsingen. Dazu adventliche Bilder für das Kamishibai zum gemeinsamen Entdecken (ein Rahmen dafür ist zum Glück schon vor Ort). Und dann noch lauter schöne Dinge: ein Seidentuch, Farben und Formen aus Wollfilz, eine klingende Kugel, Papier und Holzstifte, eine geschnitzte Märchenfigur – und natürlich viele Bilderbücher.

Das meiste davon begleitet mich bereits seit vielen Jahren auf Seminarreisen – einsetzbar für immer wieder andere Ideen und Geschichten. Denn das ist in meinen Augen wesentlich (und nachhaltig!): Das eingesetzte Material ist nicht nur aus langlebigen Naturmaterialien geschaffen, die man unkompliziert drinnen wie draußen einsetzen kann – es ist auch so offen in seiner Bestimmung und Verwendbarkeit, dass es die Fantasie immer wieder neu und anders anregen kann, seine Bedeutung in wechselnden Kontexten findet und auf diese Weise zu ganz verschiedenen Büchern passt.

Wie alles mit allem zusammenhängt

Genau darum geht es beim  “nachhaltig erzählen”: Das Denken und Handeln in Zusammenhängen – eines der zentralen Anliegen von Bildung für nachhaltige Entwicklung – bekommt besonders dann eine Chance, wenn Kinder die Gelegenheit erhalten, solchen  Zusammenhängen mit ihrer eigenen Fantasie und Neugier selbst auf die Spur zu kommen – durch Wahrnehmung und sinnliches Entdecken, durch Experimentieren und Mitgestalten.

In Workshops werden wir davon etwas ausprobieren und im Eröffnungsvortrag werde ich davon erzählen: wie alles mit allem zusammenhängt – das Naturerleben und das bewusst ausgewählte Material  mit den sinnlichen Empfindungen, die Empfindungen mit den Verbindungen untereinander und zur Geschichte, die Geschichte mit Emotionen, die Emotionen mit dem Zugang zu Sprache(n), die sprachliche Vielfalt mit der Chance zur Teilhabe, die Teilhabe mit dem Mut zum Handeln…und das alles nicht nur linear und eingleisig, sondern ebenso wechselseitig und über verschiedene Querverbindungen.

Alles das steckt mit unterschiedlichen Akzenten in Bibliotheks-Projekten zur Sprachförderung wie “Mit Worten wachsen”, “Das weiße Blatt” bzw. als Weiterentwicklung in “Nachhaltig erzählen”. Aber wichtiger noch: Davon kann überall und jederzeit durch Vorlese- und Erzählsituation in Kita, Familie und Bibliothek etwas erfahrbar werden – ganz unabhängig von Projektmitteln und Bundesländern.

Es ist wie beim Rucksack packen: Unverzichtbar bleibt die Besinnung auf das, was als wesentlich empfunden wird. Weil aus dem Wesentlichen heraus so viel Weiterentwicklung möglich ist.

Susanne Brandt