Sonntagsmomente: Bäume, Stille, Herbstgeruch. Spaziergänge in der märkischen Landschaft

Auf einer von Wald umgebenen Wiese des Dorfes Netzeband bei Neuruppin sind schmale Spiegel wie Stelen im Freien aufgestellt. Sie gehören vermutlich zu dem eben hier beendeten Freilicht-Thetater-Sommer. Wer dort für einen Moment verweilt und hinein schaut, nimmt rechts und links vom Spiegel noch etwas von der Landschaft wahr, die vor einem liegt. Zugleich wird aber beim Blick in den Spiegel sichtbar, was hinter einem liegt. Beim Wandern über die Wiese tritt einem an diesen Spiegelpunkten also immer wieder das eigene Eingebundensein  konzentriert vor Augen, das in der jeweiligen Umgebung sonst nur als ein Hinten und Vorne nacheinander betrachtet werden kann.

Denkt man zugleich an die Lebenslandschaften mit allem, was vergangen, gegenwärtig und zukünftig  ist, so geschieht an den Spiegelpunkten im Freien das, was unsere tägliche Erfahrungswelt oft unbewusst prägt: Bei allem, was uns im Augenblick widerfährt und umgibt, lässt sich das, was vorher war wie auch das, was als das Kommende schon zu erahnen ist, nicht oder nur schwer ausblenden. Von dieser Berührung und Durchdringung verschiedener Ebenen in der Wahrnehmung erzählen mir die Spiegel in dieser poetisch inspirierenden märkischen Landschaft.

Eine, die in genau dieser Landschaft gelebt, sich umgeschaut und geschrieben hat, ist die Dichterin Eva Strittmatter. Und es ist mir kaum möglich, im September hier am Feldrand entlang zu wandern, ohne ihr Gedicht “Vor einem Winter” leise mitzusprechen:

Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
Geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was immer es auch sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
In einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

Quelle und Rechte: Eva Strittmatter: Hundert Gedichte. Aufbau-Verlag, 2001

Auch sie saugt mit ihren Worten noch etwas vom eben vergangenen Sommer auf, nimmt das Herbstliche dieser Tage wahr und geht zugleich auf den Winter zu. Sie erzählt von der Verbundenheit der Jahreszeiten und sieht sich selbst darin spazieren gehen – staunend und lauschend mit allen Sinnen.

So sind viele ihrer Gedichte entstanden – im Rhythmus ihrer Schritte beim Wandern in dieser Landschaft, oft lautlos formulierend und memorierend, bis die Melodie der Sprache in Einklang kommt mit der Melodie ihrer Schritte auf den sandigen Feldwegen.
Sie selbst sagte zu der so entstandenen, für manche (zu) volkstümlich anmutenden poetischen Form in Reimen:

„Die Suggestivität eines Gedichtes, durch die es unverlierbar wird, hängt wesentlich vom Reim ab. Man prägt sich Gedichte musikalisch ein. Mich fasziniert die Musikalität der poetischen Sprache, auch deshalb bin ich beim Reimen geblieben, und ich sehe bis heute nicht, dass ich mich von ihm lossagen werde.“

Dabei schöpft sie ihr sprachliches Material aus dem Alltäglichen und formt es so, dass es ohne Floskeln und Phrasen, ohne Klischees und Schwärmereien über das Alltägliche hinaus klingt. Sie beschreibt die Dinge achtsam und staunend, wie sie ihr vor Augen stehen und was dabei zur Metapher wird, entfaltet seine Botschaft leise. Niemals drängt sie sich dem Lesenden mit einer platten Lehre oder Moral auf. Die möge jeder selbst hinter den Dingen ahnen.

Die Lebendigkeit, die Eva Strittmatter in und hinter den Dingen und Zeichen dieser Landschaft entdeckt, scheint immer wieder auch ein Spiegel ihrer eigenen biografischen Farben und Wellenbewegungen zu sein: nie ungebrochen, nie von strahlender Schönheit oder heroischer Stärke. Im Schönen wohnt bei ihr auch das Verletzliche, das Brüchige, und wenn sie dennoch ermutigt nach vorn schaut, dann nicht als Siegerin, sondern als eine, die es gelernt hat, mit immer wieder neuen Gefährdungen und Dunkelheiten das Leben zu lieben.

Zum Weiterlesen:
http://www.kulturstiftung.de/scherben-im-bachsand/