Sonntagsmomente: Die drei Prinzen von Serendip oder Vom Glück der unerwarteten Augenblicke

Immer wieder passiert es mir, dass ich eine Geschichte eher zufällig finde – zu einer Zeit, da ich gar nicht gezielt danach gesucht habe. So lassen sich auch Geschichten von den glücklichen Fügungen des Zufalls durch glückliche Fügungen zufällig entdecken: z.B. das Märchen von den drei Prinzen von Serendip.

…manchmal fliegen einem die Gedanken und Geschichten unverhofft zu… / Foto: Susanne Brandt

Wer sich schon mal mit dem Begriff Serendipity oder Serendipity-Prinzip beschäftigt hat, weiß vielleicht, wie dieses Wort mit dem Titel des Märchens zusammenhängt. Hier wird erzählt, wie Dinge und Beobachtungen unerwartet zu Erkenntnissen und zufällig wirkenden Verbindungen führen können, die sich am Ende als außerordentlich bedeutsam erweisen. Vermutlich hat das jede und jeder selbst schon mal in irgendeiner Form erlebt – diese zunächst beiläufig anmutende Wahrnehmung oder Begegnung, die sich mit einem guten Maß an Offenheit, Achtsamkeit und Geistesgegenwart ganz unverhofft als etwas Besonderes, Beglückendes, vielleicht sogar als eine wichtige Wendung herausstellt.

Gesucht habe ich das Prinzen-Märchen schon vor längerer Zeit – damals ohne Erfolg bzw. ohne Ausdauer – für meine Sammlung an persischen Märchen, die ich gern als gemeinsame Lektüre mit Menschen aus dem persischen Sprachraum nutze. Überraschend gefunden habe ich die Spur zum Märchen jetzt bei einer Recherche zu „Narrativen der Nachhaltigkeit“ – als Beispiel für eine Geschichte über den Wert einer genauen Wahrnehmung als Basis für nachhaltiges Denken und Handeln. Und so kann ich das Märchen nun auf diesem Wege in einer nacherzählten Kurzfassung weitergeben:

Die drei Prinzen von Serendip

Einst lebte in Serendip ein mächtiger König mit seinen drei Söhnen. Der König hatte die drei sehr lieb. Tag für Tag und Jahr für Jahr war er darauf bedacht, sie mit den kostbarsten Dingen auszustatten, die ihnen in ihrem Leben helfen sollten. Nicht mit Macht und nicht mit Reichtum wollte er sie reich beschenken, nein – die Eigenschaften, die er in ihnen weckte und wachsen ließ, waren von ganz anderer Art: Die drei Söhne konnten gut beobachten und hatten ein feines Gehör. Sie konnten Dinge noch aus dem Augenwinkel erkennen, den Weg mit ihren Fußsohlen abtasten und mit der Nase Geschichten riechen, die ihnen all die fremden und vertrauten Düfte erzählten.

Begabt mit diesen besonderen Fähigkeiten zogen die drei Prinzen schließlich in die Welt. Eines Tages, als sie auf einer langen Straße unterwegs waren, trafen sie einen Kameltreiber. Der jammerte und klagte: „Ach, ein Kamel ist mir verloren gegangen. Habt ihr es vielleicht gesehen?“  Die Prinzen schüttelten den Kopf. Nein, an einem Kamel waren sie nicht vorbei gekommen. Dann aber überlegten sie und erinnerten sich, was sie unterwegs alles gesehen hatten. „Guter Mann“, sagte der eine Prinz zum Kameltreiber. „Kann es sein, dass deinem Kamel ein Zahn fehlt?“ Der Kameltreiber nickte überrascht. „Und ein lahmes Bein, hinten links, hat das Tier auch, nicht wahr?“, ergänzte der zweite Prinz. Wieder nickte der Kameltreiber. „Und blind auf dem rechten Auge ist es auch“, war sich der dritte Prinz sicher. Da mischte sich der erste Prinz wieder ins Gespräch ein: „Rechts trägt er Honig und links Butter“, behauptete er. Das Gesicht des Kameltreibers verfinsterte sich. Jetzt staunte er nicht mehr über das Wissen der drei Prinzen. Jetzt wurde er richtig böse: „Diebe!“, brüllte er. „Wer so viel über mein Kamel weiß, muss zu der Räuberbande gehören, die mein Kamel gestohlen hat.“  Schon wollte er die drei Prinzen verhaften lassen.

Aber dazu kam es nicht. Denn schneller als gedacht erreichte ihn die Nachricht, dass sein Kamel sich wohl verirrt haben muss. Wanderer hatten es vor Stunden schon in einer einsamen Gegend gesehen. Und bald war klar, dass die drei Prinzen nichts mit seinem Verschwinden zu tun haben konnten. Dafür konnten sie etwas ganz anderes: Sie konnten wichtige Hinweise darauf geben, wo das Kamel in der letzten Stunde langgelaufen sein musste. Ihr genaues Wissen über das Kamel hatten sie nämlich von den verschiedensten Beobachtungen abgeleitet, die sie unterwegs zufällig gemacht hatten:

An einer Stelle war das Gras nur an einem Wegesrand abgefressen, obwohl das Gras auf der anderen Seite viel saftiger war. Daraus hatten die Prinzen  geschlossen, dass das Kamel auf der einen Seite blind war. Auch der fehlend Zahn war an den angekauten Grasbüscheln zu erkennen, die das Kamel hier und dort verloren hatte. Und die Fußspuren entlang des Weges zeigten die Abdrücke von drei Hufen und einer  Schleifspur, was auf ein lahmendes Tier hindeutete. Für die Ladung des Kamels hatten sie ebenfalls Hinweise beobachtet: Anhand der Ameisen, die auf der einen Straßenseite von geschmolzener Butter angezogen worden waren und an den honigliebenden Fliegen auf der anderen Straßenseite ließ sich das leicht ergründen. Und so war die Wegstrecke des Kamels bald eingekreist und das Tier nach kurzer Zeit gefunden.

Das war eine Freude! Der Kameltreiber war den drei Prinzen nun sehr dankbar. Denn mit allem, was sie eher zufällig und nebenbei am Wegrand wahrgenommen hatten, waren sie ihm so sehr zur Hilfe gekommen. Und sie erkannten: Manche Dinge finden eher zufällig und ohne Plan die Aufmerksamkeit der Betrachtenden. Was sich daraus an Wissen und Hilfe ergeben kann, ist nie vorhersehbar – aber im Rückblick oft von ungeahnter Bedeutung.

Frei nach einem persischen Märchen neu nacherzählt von Susanne Brandt

Mehr zum Serendipity-Prinzip: http://www.ceryx.de/extra/serendipitaet.htm