Meine erste Liebe – eine Erinnerung zum „Tag der Buchliebhaber“

Tag der Buchliebhaber – so wird der 9. August alljährlich in aller Welt genannt und gefeiert, indem man sich einfach mal wieder Zeit und Muße für ein besonderes Buch gönnt. Ganz im Sinne von Hermann Hesse, der treffend beschrieb: „Es ist mit dem Lesen wie mit jedem anderen Genusse: Er wird stets desto tiefer und nachhaltiger sein, je inniger und liebevoller wir uns ihm hingeben.“

Ich mache aus diesem Anlass heute etwas früher Feierabend. Das mag seltsam anmuten, da ich doch im Lektorat jeden Tag von Büchern umgeben bin. Aber das hat leider nicht immer was mit Liebhaberei zu tun – eher mit Bewerten und Einordnen, mit Kalkulation und Abnahmestatistik. Letztere hat den Charme eines Liebestöters.

Am „Tag der Buchliebhaber“ geht es um etwas anderes. Ich muss es bei mir zu Hause suchen, in jenem Regal mit den „alten Schätzen“. Es geht um die „erste Liebe“, die wie jede erste Liebe etwas Irrationales, nicht Erklärbares in sich trägt. Die erste Liebe in meinem Bücherschrank heißt „Großvater Rotbart“ und wurde von Eva Scherbarth auf die Welt gebracht – ihr Erstgeborenes, wie ich später recherchieren konnte. Geburtsjahr 1968.

Ich vermute, dass unser Kennen- und Liebenlernen genau in diesem Jahr stattgefunden hat. Denn das Buch war durch einen Nachbarn zu uns ins Haus gekommen, der in einer Buchdruckerei arbeitete und manchmal druckfrische Exemplare dabei hatte, mit denen er die Nachbarskinder im besten Bilderbuchalter beglückte. Meine Erinnerungen zu diesem Buch reichen jedenfalls in die Vorschulzeit zurück, als ich gerade dabei war, herauszufinden, dass man einen oft vorgelesenen Text nach einer Weile auswendig sprechen konnte und beim geschickten Umblättern an der richtigen Stelle mit dem warmen Gefühl erfüllt wurde, schon „richtig lesen“ zu können.

Genau das übte ich mit diesem Buch. Und dafür liebte ich es so sehr: Nicht nur die darin erzählte Familiengeschichte empfand ich damals als ausgesprochen heimelig in großer Übereinstimmung mit der Gemütlichkeit der häuslichen Vorlesestunden – mir gefiel auch der unaufgeregte Lauf der Dinge, der sich durch die zarten Bilder wie von selbst erschloss, wenn man nur oft genug das Buch durchblätterte und schaute und schaute und schaute…

Viele Jahre hat das Buch dann bei meinen Eltern auf dem Dachboden gelegen. Als ich dort irgendwann meine letzten Kindheitsreste auszuräumen hatte, fiel es mir wieder in die Hände. Ich ahne, dass ich dieses Gefühl mit vielen Menschen teile: Man schlägt nach 30 oder 40 Jahren die erste Seite wieder auf – und ist sofort mittendrin in der vertrauten Welt zwischen den Buchdeckeln, kennt jeden Strich im Bild, riecht noch etwas vom alten Geruch und prüft die früh abgestoßene Ecke am Buchrücken. Ja, das alles ist noch da!

Die Erinnerung an Dinge, die man in frühen Jahren mit Genuss und Neugier, mit Muße und mit der Lust am Wiederholen unzählige Male in den eigenen Händen bewegt und mit intensiven Gefühlen verbunden hat, ist ein großes aufregendes Geheimnis. Eine erste Liebe eben.

Mein Vorschlag zum heutigen Tag: Statt Leseförderkampagnen à la „Total digital!“ (gut gemeint, lieber Bibliotheksverband, aber sowas von leidenschaftslos!) – erzählt euch heute einfach mal wieder Liebesgeschichten. Und dann lasst euch überraschen…

Susanne Brandt