Wir wohnen Wort an Wort – Tanz erzählt Geschichten von Nähe und Distanz

Wir wohnen
Wort an Wort

Sag mir
dein liebstes
Freund

meines heißt
DU

Rose Ausländer

Tanz ist eine Sprache, die nicht die Erklärung durch andere Sprachen braucht, um verstanden zu werden. Aber Akzente der gesprochenen Sprache können mit dem Tanz als Sprache in einen Dialog treten. So geschehen bei dem kürzlich in der Flensburger Campelle vorgestellten Stück „Babel“, erarbeitet als interkulturelles Tanzprojekt mit jungen Menschen aus verschiedenen Ländern unter der Leitung der Flensburger Regisseurin und Choreografin Stela Korljan.

Das oben zitierte Gedicht von Rose Ausländer „Wir wohnen Wort an Wort“ gehört dabei zu den unterschiedlichen Kurztexten – einige davon in verschiedenen Sprachen gesprochen – , die in dem Stück von Begegnungen mit sich selbst, von der Frage nach Gott und von der Kommunikation zwischen Menschen erzählen. Solche Texte deuten den Tanz nicht, aber sie deuten hier und da vielleicht etwas an, was tänzerisch aufgenommen und mehrdeutig zur Entfaltung gebracht werden kann.

“Babel”, der hebräische Name für das antike Babylon, steht als kulturhistorisches Symbol für die Herausforderung der Vielsprachlichkeit. Unter dem Titel verbinden sich bei diesem Stück getanzte Geschichten unserer heutigen Zeit: Geschichten von Flucht, Überleben und von Hoffnung. Geschichten verschiedener Kulturen, aber auch Geschichten, die den Umgang mit dem Fremden, dem Anderen thematisieren. Dabei erfahren die Zuschauenden auch, wie wir im Angesicht des Fremden uns selbst genauer erkennen können. Eine Ode an die Vielfalt – so könnte man eine solche Collage aus verschiedenen Szenen verstehen. Besonders intensiv gewinnt diese an Klang und Farbigkeit, wo sich das „Wort an Wort“ – um die Gedichtzeilen nochmal zu zitieren – zu einer innigen „Du“-Begegnung verdichtet. Das fand vor allem bei einigen getanzten Liebesszenen im sensiblen Spiel mit Nähe und Distanz seinen Ausdruck.

Wer das Stück erlebt vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit sprachlicher Vielfalt in der Begegnung mit Menschen aus verschiedenen Ländern, fühlt sich durch den Tanz berührt von der Kraft erlebter Nähe und Verbundenheit, von der Not beim Versuch, sich auszudrücken wie von der Freude, einander ohne Worte verstehen zu können.

„Wir wohnen Wort an Wort“ – aber was wir einander zu sagen haben, nimmt genau dazwischen seinen Anfang, fängt vielleicht an mit einer winzigen Geste und gewinnt seine Energie aus zwei Buchstaben: DU.

Susanne Brandt