„Wir hatten Sternenaugen“. Poetische Erinnerungen an magische Momente

Cover Verlag Hanser

„Weißt du noch?“ von Zoran Drvenkar und Jutta Bauer – das ist so ein Buch, das man an seinem Schreibtisch im Büro aufschlägt und nach den ersten gelesenen Zeilen merkt: Das muss ich mir heute für den Feierabend mit nach Hause nehmen. Hier reicht es nicht, einen professionellen Lektorinnenblick ins Buch zu werfen, um es dann zügig nach den Regeln der bibliothekarischen Kunst zu bearbeiten. Dieses Buch will von der ersten bis zur letzten Zeile mit Muße gelesen werden. Und die Geschichten, die es dabei zu entdecken gibt, erzählen nicht nur von magischen Momenten – sie strahlen eine Magie aus, der man sich kaum entziehen kann.

„Weißt du noch…“ – so leiten die ersten Worte auf jeder Seite einen Blick zurück ein, zurück bis hin zu jenen Tagen, als ein Junge und ein Mädchen vor keinem Abenteuer zurückschreckten und mutig (und vor allem gemeinsam) so manche überraschende Begegnung mit Ziegen und Zwergen, Hunden und Kühen zu meistern wussten.

Jutta Bauer aus: Weißt du noch?

Gemeinsam erlebten sie Regen und Sommerduft, Dunkelheit und Kälte, Lebendigkeit und Bedrohung. Das Wunderbare:  Drvenkar erzählt davon mit einem ganz feinen Empfinden für kindliche Fantasie und Sinnlichkeit ohne jemals ins Süßliche abzugleiten. Sein Ton ist nicht sentimental und gerade deshalb so tief anrührend. Mit großer Intensität meint man beim Lesen den Regen auf der Haut zu spüren oder diesen unverwechselbaren Duft in der Nase zu haben. Alles wirkt so einmalig, eigenwillig und mitunter skurril und gleichzeitig so vertraut, als hätte man etwas Ähnliches selbst irgendwann erlebt. Weil offenbar die Sinne für die unverlierbaren Momente im eigenen Leben plötzlich wieder geweckt sind. Und dann ist da noch diese kleine Randgeschichte: Neben den großen Farbbildern aus der Welt der Kinder lässt Jutta Bauer auf den Textseiten jeweils klein gezeichnet ein älteres Paar „mitlaufen“. Man ahnt, dass sie es sind, die sich da an ihre Kindheit zurück erinnern. Und man erkennt an den mit feinen Strichen angedeuteten Gesten und Situationen, dass die gemeinsamen Kindheitserinnerungen nicht ohne Bedeutung für ihr späteres Leben geblieben sind.

Ist das nun ein Buch für Kinder oder für Erwachsene? Ich denke, für beide – auch wenn es in unterschiedlichen Lebensphasen vermutlich ganz unterschiedlich gelesen wird. Für mich ist es ein Buch zum Verlieben und Verschenken an die Lieben, die Freundinnen und Freunde aus naher und ferner Zeit – mit einer ganz gegenwartsbezogenen Botschaft: Gib den magischen Momenten im Leben auch weiterhin eine Chance. Lass dich unverhofft überraschen. Trau der Zeit, dem Leben und den Menschen, die dir begegnen mehr zu, als das, was sich planen und rational erfassen lässt. Biete der Fantasie weiterhin einen Platz zwischen dir und einem anderen Menschen an. Und wage was: „Denn wer Angst hat vor Abenteuern, der kann gleich zu Hause bleiben.“

Susanne Brandt