Lernkultur statt Leitkultur: Eine kleine Weinberg-Gedankenwanderung

Blick vom Weinberg auf Würzburg / Foto: S. Brandt

Ich bin gern und oft auf Reisen – meistens mit der Bahn und vor Ort am liebsten zu Fuß. Das schenkt Zeit zum Nachdenken und öffnet die Sinne für Bemerkenswertes, das in der unvertrauten Umgebung mitunter intensiver wahrgenommen wird als im Alltag zu Hause.

Heute nun bei einer Zäsur zwischen mehreren Seminartagen im Süden des Landes und  fernab von der vertrauten Küste: eine Wanderung in den fränkischen Weinbergen…

Entscheidend dabei ist nicht, ob man persönlich gern Wein trinkt oder nicht. Wichtig ist für mich vielmehr das Nachdenken über einen Kulturbegriff, der sich mit dem Wein verbindet, der gern als Teil der Kultur dieser Region beschrieben wird, aber beim genaueren Hinsehen einen Schatz an kulturellen Erfahrungen aus vielen Teilen der Welt in sich trägt und ohne diese auf vielen Wegen “eingewanderten” kulturellen Einflüsse nicht das wäre, was heute die fränkische Weinkultur zu prägen scheint.

Dabei ist die “Weinberggeschichte” nur als eines von vielen kleinen Beispielen anzusehen, an denen deutlich wird: Wir leben seit Jahrtausenden in einer Lernkultur und wir werden auch weiterhin viel dringender eine Lernkultur als eine Leitkultur brauchen. Weiterentwicklung geschieht durch das Austauschen und Teilen von Wissen und Erfahrungen über Grenzen hinweg. Das ist keine einfache Übernahme. Das will gut bedacht und miteinander besprochen sein. Das gelingt nicht immer schnell und planmäßig. Das geht manchmal mit Enttäuschungen, Missverständnissen und Konflikten einher. Das geht nicht mit Überheblichkeit und das braucht auch Demut und einen ehrlichen Blick für eigene Schwächen und Fehler. Gerade deshalb dürfen wir nicht müde werden, diese Kunst zu üben und uns immer wieder an die Bedeutung  einer wechselseitigen Lernkultur erinnern zu lassen…wie heute beim Wandern durch die Weinberge:

Weinberg mit Pfirsichbaum, Foto: S. Brandt

Bemerkenswert ist zum Beispiel die Wanderlust der Sprache. Denn ein in so vielen Sprachen der Welt ähnlich geformtes Wort wie “Wein” setzt uns auf die Spur einer grenzenlos spannenden Austauschbewegung zwischen Menschen, Sprachen und Kulturen.

Bemerkenswert sind Philosophie und Lebensfreude vieler Kulturen seit der Antike, die mit Wein in Verbindung stehen. Von ihnen wissen wir, was es heißt, das Leben zu feiern, Weisheit und Heilkraft zum Wohle der Menschen wieder und wieder zu verfeinern.

Deshalb: Danken können wir allen nah und fern, die mit Gütern und Gaben des Lebens besonnen, solidarisch und menschenfreundlich umzugehen wissen. Ihre Erfahrungen verdienen Achtung und Respekt.

Bemerkenswert ist das Talent und die Geduld der Brüder und Schwestern in Vorderasien, die bereits im 6. Jahrtausend v. Chr. mit Wein- und Obstbau im Einklang mit der Natur begonnen haben. Weinstöcke, Pfirsichbäume und vieles mehr erzählen uns bis heute davon.

Bemerkenswert sind die weitreichenden Verbindungen der reisenden Zisterzienser. Sie haben – um ein Beispiel zu nennen – im 17. Jahrhundert die Rebsorte Silvaner aus Südosteuropa mitgebracht, die heute in Franken und anderswo von so großer Bedeutung ist.

Deshalb: Danken können wir allen, die immer wieder neu danach fragen, wie wir durch ein friedliches und respektvolles Geben und Nehmen, durch Erneuerung und Lebendigkeit im wechselseitigen Austausch Bewährtes und Überraschendes miteinander teilen und weiterentwickeln können.

Danken können wir so vielen, die mit dazu beigetragen haben, dass wir heute viele gute Dinge zu “unserer Kultur” zählen. Denn die besten Dinge sind Geschenke und Gaben, die sich durch Begegnung verbreiten und formen, solange wir offen dafür bleiben, voneinander zu lernen.

Susanne Brandt, am 1. Mai 2017