„Ich werde schauen und ich werde erzählen“. Geschichten mit Kamishibai vermitteln – und von Janusz Korczak lernen, Teil 1

„Klopf, klopf –
die Tür, sie öffnet sich.
Ganz langsam kann das gehen.
Ist jemand da?
Wo führt sie hin?
Was gibt es dort zu sehen?“

Mit jeder Geschichte öffnet sich eine Tür. Das wird beim Erzählen von Kamishibai-Geschichten besonders deutlich und konkret erfahrbar. „Klopf, klopf“ – mit diesem Signal können viele Geschichten ihren Anfang nehmen, vielleicht ganz neu vor den Augen der Betrachtenden entstehen. Denn was es hinter den Flügeltüren (oder auch zwischen Buchdeckeln) tatsächlich zu entdecken gibt  – das ist das Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, der bereits vorher stattgefunden hat und sich nun in Bildern und Sprache ausdrückt, nach Vergewisserung sucht, nach den Farben einer menschlichen Stimme und nach der Freiheit der menschlichen Vorstellungskraft.

Praxis-Material zum Download: Weitere Ideen für kleine Verse und Lieder:

Kurz-Handout zur Kopie

Besonderer Einstieg zur Einstimmung in biblische Geschichten

Die Tür öffnet sich….für „Josef und seine Brüder“, c Susanne Brandt

Was dabei geschieht, ist immer ein Wechselspiel, ein Dialog zwischen verschiedenen Gedanken und Assoziationen, Vorstellungen und Interpretationen. Ich spreche ungern im Singular von DER Vorstellung im Sinne einer Theateraufführung, weil dabei – zumindest vom Wort her – die Vorstellung der Betrachtenden nicht mit einbezogen scheint. Aber die ist ebenso mit im Spiel, wenn dialogisch erzählt wird.  Oder wenn mit einer Offenheit erzählt wird, die dem Gegenüber auch in der Stille des Zuhörens Zeit und Raum lässt, in Gedanken eine eigene Vorstellung zur Geschichte zu entwickeln – und das vielleicht andersartige Erzählen des anderen gleichzeitig zu respektieren.

Ein „Lehrmeister“ für ein solches Verständnis des Erzählens ist für mich mal wieder der Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak – mit Impulsen wie die folgenden, die in einer Erzählsituation für beide Seiten gelten:

„Sei nicht böse, wenn ich anders erzähle, als du es möchtest.
Sei nicht böse, wenn ich es anders sage, als du es weißt.
Sei nicht böse, wenn ich sage: Ich weiß nicht.
Sei nicht böse, wenn ich frage: War es wirklich so?“

oder auch:

„Ich werde schauen, und ich werde erzählen. Und du, suche du auch, suche selbst.“

Praxis-Material zum Download: Anregungen zum Entwickeln von eigenen Geschichten:

Einfache Modelle für eigene Geschichten mit Kamishibai

Wenn ich die kommenden Tage an verschiedenen Orten nach und nach rund 200 Menschen begegnen werde, wird es genau um diese Frage gehen: Wie können wir über Geschichten und Bilder mit Kindern so in einen Austausch von Gedanken kommen, dass ein solches „selbst suchen“ nie aufhört? Dass wir unser eigenes Erzählen immer wieder hinterfragen und gleichzeitig – oder gerade deshalb – den Mut gewinnen, es wieder und wieder zu probieren?

Das ist nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln, sondern hat mehr mit Liebe, Freiheit und Verbundenheit zu tun: mit Liebe zu dem, was ich tue, mit Freiheit als Flügel der Kreativität und mit einer Verbundenheit, die über sich selbst hinausschauen lässt, um sich anderen offen zuzuwenden.

Janusz Korczak schilderte dazu seine persönlichen Erfahrungen beim Erzählen von vertrauten Märchen mit Kindern so: „…Ich vertraue auf den Organismus des lebendigen Kindes…Das Märchen vom Gestiefelten Kater habe ich im Laufe von dreißig Jahren Hunderte von Malen erzählt, und erst in diesem Jahr habe ich eine wichtige Änderung an seinem Ende vorgenommen.“

Ich persönlich erlebe manchmal etwas davon, wenn ich mich an alte Erzählstoffe heranwage – wie z.B. die Geschichte von „Josef und seinen Brüdern“, die in verschiedenen Kulturkreisen und Religionen so oder ähnlich erzählt wird. Man kann sich vorstellen, warum: Die Geschichte ist so reich an menschlichen Grunderfahrungen wie Einsamkeit und Zugehörigkeit, Schuld und Vergebung, Freude und Trauer, Gemeinschaft, Familie und Ausgrenzung, dass sie in der Vorstellung nahezu aller Menschen weltweit Bilder entstehen lässt, die sich mit persönlichen Erlebnissen und Sehnsüchten verbinden.

Alte Geschichten wie diese kann man nie „immer gleich“ erzählen. Man kann sie nie „immer gleich“ hören und verstehen. Deshalb ist es so gut, dass man beim Erzählen zu Kamishibai-Bildern die Freiheit hat, immer wieder neue Zugänge zur Handlung zu finden  – und zugleich verbunden bleibt mit den Bildern wie mit den Menschen, die einem beim Erzählen in dieser Form nahe sind.

Freiheit und Verbundenheit – das ist das, was ich von Janusz Korczaks narrativer Pädagogik für das Erzählen mit Kamishibai gelernt habe und mit anderen teilen möchte, auch wenn in seinen Schriften speziell von dieser Form des bildgestützten Erzählens nicht direkt die Rede ist.

Susanne Brandt

Zum Weiterlesen

Interview zum Thema „Leseförderung und Kamishibai“: https://kinderbibliothek.blogspot.de/2017/02/leseforderung-ist-eine.html

Sehr informative Hausarbeit zur Praxis des Kamishibai im interkulturellen Kontext: http://www.projektarbeiten.bvoe.at/FeistenauerKarin.pdf