Zum „Erzähl-ein-Märchen-Tag“: Wie man sich mit dem Erzählen retten kann

Der Kleine Kalender verrät, dass am heutigen 26. Februar weltweit der „Erzähl-ein-Märchen-Tag“ begangen wird. Und da ich diesen Regentag gerade nutze, um ein paar Erzähl-Seminare für die nächsten Monate vorzubereiten, greife ich in die dafür frisch erstellte Materialsammlung und fische einen passenden Text für diesen Tag heraus – ein Märchen zum Erzählen vom Erzählen…

Wie man sich mit dem Erzählen retten kann

Schon die Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern wussten: Wenn Menschen allein oder mit anderen auf dem Feld oder im Wald übernachten, dann sollen sie einander Geschichten erzählen.

Foto: Susanne Brandt
Foto: Susanne Brandt

Ja, es ist sogar möglich, sich selbst eine Geschichte zu erzählen. Denn nur so kann man sicher sein, nicht für immer in die Fänge der Waldfrauen zu geraten. Es geht die Sage um, dass solche Waldfrauen die Menschen nachts auf falsche Wege locken. Und haben sie es geschafft, einen Menschen in ihre Hütte zu sperren, lassen sie ihn nie wieder laufen – es sei denn…

So ist es einst einem Mann ergangen: Er war im Wald unterwegs, als die Dunkelheit schneller kam als gedacht. Da entdeckte er in der Ferne ein Licht und suchte sich einen Weg durchs Dickicht, um dorthin zu gelangen. Bald stand er vor einer kleinen Hütte und darin wohnten zwei Waldfrauen. Der Mann dacht an nichts Böses und bat darum, für die Nacht dort schlafen zu dürfen. „Gern nehmen wir dich in unserer Hütte auf“, antwortete die ältere der beiden Frauen. „Doch musst du uns versprechen, niemals eine Geschichte zu erzählen. Es ist dir nur erlaubt, Antwort zu geben, wenn wir dich etwas fragen.“

Der Mann nickte: „Versprochen“, sagte er, „wo sollte ich eine Geschichte auch hernehmen? Schaut, ich habe ja nur diesen Beutel mit etwas Brot dabei.“ Und während die eine Frau schon damit beschäftigt war, die Tür mit drei eisernen Riegeln fest zu verschließen, betrachtete die andere Frau neugierig den Beutel, den er bei sich trug. „Lass uns gemeinsam zu Abend essen“, schlug sie vor. „Wie viel hast du denn mitgebracht?“

„Oh, das sollst du genau erfahren“, sagte der Mann. Denn es war ihm ja erlaubt, auf Fragen eine Antwort zu geben: „Packe ich das Brot gleich auf den Tisch hier, so scheint es gar nicht viel zu sein. Bedenke aber, was alles drin steckt in dem Brot! Da war einst das große Feld, auf dem der Bauer die Saat ausgesät hat. Unermesslich viel Regen, Sonnenlicht und Zeit zum Reifen und Wachsen stecken drin in jedem Halm, der auf dem Feld gewachsen ist. Und so ein Halm trägt viele Körner. Doch damit nicht genug! Wäre der Müller nicht gewesen, so hätten wir jetzt überhaupt kein Brot! Ausgerechnet dem Müller aber passierte an jenem Tag, als er die Körner vom Feld mahlen wollte, etwas seltsames….“

So erzählte der Mann und erzählte und erzählte, um die Frage der Waldfrau wirklich gründlich zu beantworten. Und nachdem er die Geschichte von dem Müller erzählt hatte, erzählte er noch die Geschichte von dem Kutscher, der die Mehlsäcke unterwegs verloren hatte. Und ganz am Ende erfuhr die Waldfrau: Das Mehl, das schließlich beim Bäcker ankam, hatte genau für zwölf kleine Brote gereicht. Und ein Brot davon trug der Mann in seinem Beutel.

Das aber teilte er jetzt nicht mit den beiden Waldfrauen. Denn durch das Erzählen war der böse Bann gebrochen. Die Frauen hatten nun keine Macht mehr über ihn. Noch während er sprach, war die dreifach verriegelte Tür aufgesprungen, ohne dass die Frauen etwas dagegen tun konnten. So spazierte der Mann nun wieder aus der Tür ins Freie hinaus, fand schnell den richtigen Weg und schlief in einem nahe gelegenen Gasthaus bis zum nächsten Morgen.

Nach einem ukrainischen Märchen frei nacherzählt von Susanne Brandt