Das große Tischtuch. Eine persische Weisheitsgeschichte

fladenbrotWeit draußen in der Steppe gibt es ein Dorf, da kommen die Menschen gut miteinander aus. Sie arbeiten zusammen. Und sie sitzen auch in der Pause beieinander und stärken sich. Jeder Arbeiter hat dafür ein kleines Tuch dabei. Brot und Käse für eine Tag sind in das Tuch gewickelt. In der Pause breitet jeder vor sich sein Tuch aus und isst von seinem Brot und seinem Käse.

Eines Tages kommt ein Krieger vorbei. Er sieht die Arbeiter dort sitzen und essen, wie sie es gewohnt sind. Dem Krieger aber gefällt das nicht.  Er schimpft: „Was sitzt ihr da und esst wie die Katzen, jeder für sich? Ich will euch sagen, wie Menschen essen müssen: Sie sitzen alle zusammen und essen als Gemeinschaft um ein großes Tuch herum.“ Einer der Arbeiter antwortet: „Wir haben unsere Gründe für diese Sitte. Und wir wollen auch weiterhin so miteinander essen. Darum bitte ich  dich: Lass uns in Frieden so weiter essen und dränge uns nicht, es anders zu tun.“

Da droht der Krieger mit einem Stock: „Soll ich euch mit Gewalt beibringen, wie Menschen essen? Der Arbeiter antwortet: „Freundschaft und Einsicht werden möglich durch Gespräche und nicht durch Stock und Drohungen.“ Der Krieger aber will davon nichts hören. Er hat die Macht, Befehle zu geben. Deshalb kann er die Arbeiter zwingen, vor seinen Augen genau so zu essen, wie er es sich vorstellt. Zufrieden über seinen Sieg zieht er endlich weiter.

Kaum ist der Krieger verschwunden, legen die Menschen ihre Tücher wieder auseinander und essen jeder für sich – so, wie sie es gewohnt sind.

Am nächsten Tag kommt ein weiser Mann mit einem müden Esel vorbei. Wieder haben sich die Arbeiter gerade hingesetzt, um ihre Brote zu essen. Der weise Mann grüßt freundlich und fragt, ob er sich für eine Weile dazu setzen darf. Er holt ebenfalls sein Brot und ein Tuch heraus und dann fängt er an zu erzählen: „Ich komme aus einem Dorf, da hat man lange Zeit genau so gegessen wie ihr. Es gab viele gute Gründe dafür: Die einen mögen dies und die anderen das, die einen haben Zähne und die anderen nicht, die einen essen schnell und die anderen langsam.“ Die Arbeiter nicken. Genau so kennen sie es.

Tischlied

Der Weise erzählte weiter: „Eines Tages auf einer Reise aber haben wir es mal mit einem großen gemeinsamen Tuch versucht. Wir blieben alle auch weiterhin verschieden. Aber wenn jemand vorbei kam, sah er gleich, wie stark unsere Gemeinschaft war. So konnte uns niemand mehr so leicht etwas Böses tun. Wir nahmen Rücksicht aufeinander und jeder achtete den anderen. Und kam ein Gast vorbei, dann teilten wir die zusammengelegten Dinge mit ihm und alle wurden satt. Jetzt machen wir es immer so. Und wir spüren dabei, wie viel Segen und Barmherzigkeit in einem zusammengelegten Tischtuch liegt.

Die Arbeiter haben dem weisen Mann gern zugehört. Sie schweigen und denken nach. Schließlich schlägt einer vor: „Kommt, so können wir es doch auch mal probieren. Lasst uns die Tücher einfach zusammenlegen und unsere Vorräte teilen.“ Ein zweiter wundert sich: „Aber genau so hat der Krieger es uns doch auch befohlen!“

Da lächelt der erste und nickt: „Ja, er hat es uns so befohlen, aber er hat nicht mit uns gefühlt. Segen und Barmherzigkeit kommen nicht mit Gewalt. Wer wirklich spürt, dass sich etwas verändern kann, der erzählt davon mit Güte und Freundschaft.“

Nacherzählt von Susanne Brandt

 

(Quelle: Aus den Abhandlungen des Schams Tabrizi, persischer Derwisch und Freund des Mystikers Rumi, der im 12. und 13. Jahrhundert n. Chr. lebte, überliefert sind Niederschriften nach Lehrgesprächen zu ethischen Fragen)

Tischlied zum gemeinsamen Singen:

Wir teilen Zeit

Zum Weiterlesen: http://waldworte.eu/2016/08/26/sommerlich-und-interkulturell-dialog-in-deutsch/