Sonntagsmomente: Wenn Sinne nicht verschlossen sind…

Franziskus TitelDie Legende aus dem Jahr 1223 von der Krippenfeier draußen in der Natur, bei der Franziskus ganz elementar und sinnlich – mit Feuer und Wasser, unter dem freien Himmel und auf der belebten Erde – das Geheimnis einer lebendigen Liebe erfahren konnte, hat ihren ganz eigenen Zauber. Nicht, weil sie den Elementen magische Wirkungen andichtet, sondern weil an ihr die Symbolkraft elementarer Zeichen deutlich wird. Und eben dazu braucht es die sinnliche, unmittelbare Begegnung mit Wärme und Licht, mit Gesang und Gemeinschaft. Es braucht die Offenheit der Sinne, um sich davon anrühren zu lassen, um das „Liebeslied vom Leben“ mit in den Alltag zu nehmen und weiterklingen zu lassen – staunend, was sich dadurch vielleicht verändern kann…

Ich musste in dieser Adventszeit immer mal wieder an diese Geschichte denken, habe sie für eine Bilderbuchfassung neu aufgeschrieben und kann sie jetzt auch mit dem Kamishibai-Erzähltheater neu nacherzählen – morgen zum Beispiel, am 21.12. um 18.00 Uhr beim „Lebendigen Advent“, natürlich draußen bei uns im Garten.

Bei den Illustrationen, die Eva-Maria Maywald und Diana Kohne dazu erschaffen haben, fällt vor allem die Strahlkraft des Feuers auf, das inmitten der erdigen Naturfarben warm und leuchtend die Atmosphäre einiger Bilder in besonderer Weise prägt. Und am Ende tragen die Menschen etwas von diesem Licht mit in ihre Häuser…

Das Friedenslicht weitergeben…

Doch nicht nur dort und damals in Italien: Auch bei uns im Norden und an vielen anderen Orten der Welt konnten Menschen heute ein solches Licht in ihre Häuser tragen. Das „Friedenslicht von Betlehem“, das in den letzten Wochen von Pfadfindern in vielen Ländern verbreitet und an viele Menschen weitergegeben wurde, braucht – wie bei Franziskus – offene Sinne, um als Friedenslicht empfunden und mit einer lebendigen Hoffnung und Liebe verbunden zu werden:

Franziskus Licht

Licht weitergeben (aus: Franziskus und die erste Weihnachtskrippe)

„Mit dem Entzünden und Weitergeben des Friedenslichtes erinnern wir uns an die weihnachtliche Botschaft und an unseren Auftrag, den Frieden unter den Menschen zu verwirklichen (….) Das Friedenslicht ist kein magisches Zeichen, das den Frieden herbeizaubern kann. Es erinnert uns vielmehr an unsere Pflicht, uns für den Frieden einzusetzen. Das Friedenslicht ist ein Zeichen der Hoffnung. Es hat sich in wenigen Jahren von einer kleinen Flamme zu einem Lichtermeer ausgeweitet und leuchtet mit seiner Botschaft Millionen von Menschen. (…) Die Friedenslichtaktion 2015 steht in Deutschland unter dem Motto „Hoffnung schenken – Frieden finden“ und will damit Zeichen für Gastfreundschaft und für Menschen auf der Flucht setzen. Wir möchten ermutigen, Flüchtlinge zum Friedenslicht einzuladen und einzubinden.“ (Mehr Infos: www.friedenslicht.de)

Damit erzählt es etwas vom „Frieden auf Erden“ als Kern und Sehnsucht der christlichen Weihnachtsbotschaft und strahlt zugleich darüber hinaus, lädt auch Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen dazu ein, das Licht zu teilen und vertraut auf seine Symbolkraft, die in vielen Religionen, Ländern und Kulturen der Welt erfahrbar werden kann.

„Friede auf Erden“ als Beginn einer unbegreiflichen Liebe

Für Navid Kermani, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015, wird mit der Botschaft „Friede auf Erden“ die christliche Nächstenliebe begonnen und begründet. Mit Respekt und Achtung erkennt er „eine Liebe, die in der Lage ist, die dogmatischen, aber auch politischen Grenzen zu überwinden, wie es dem bloßen Verstand nicht gelänge: dass man bei allen Differenzen im Gegenüber den Menschen –  ja, den Geliebten sieht (…) Das beginnt schon bei der Botschaft der Engel zu Jesu Geburt: „Friede auf Erden“. (aus einem Interview in der ZS „Publik Forum“, 18.12.2015)

Eben weil dabei mehr im Spiel ist, als nur der „bloße Verstand“, scheint es – so Kermani – bedeutsam, im religiösen Erleben wieder mehr Raum zu lassen für Herzenstätigkeit, für sinnliche Erfahrung, für Kunst, Musik, Poesie – vielleicht auch für die „Sprache“ des Friedenslichtes. Ein solches Schauen und Empfinden gehört auch deshalb so elementar zur Friedensbotschaft, weil es nicht in fundamentalistische Denkmuster passt. Religiöser Fundamentalismus in seiner düsteren Entschlossenheit steht dem Schema einer verhärteten Texttreue, einer  unbarmherzigen Verstandes- und Gesetzesmacht näher als einer einfühlsamen und herzlichen Offenheit.

Wo also Menschen „durchlässig“ bleiben für die sinnlichen Sprache der Religionen mit ihren Friedensbildern, mit ihrer Liebespoesie, mit ihrer Lichtsymbolik wie auch mit ihren sperrigen und dunklen Seiten, die nicht allein mit dem Verstand zu erfassen sind, da ist es gut, wenn etwas davon weitergegeben wird – als Zeichen und Angebot zur Kommunikation auch mit denen, die ein Gespür für Religiöses verloren haben oder für sich ablehnen. Denn manchmal vermögen Licht, Poesie, Musik, faszinierende wie irritierende Bilder überraschender und lebendiger eine neue Verbundenheit, Respekt und Vertrauen untereinander herzustellen, als Argumente und Erklärungsversuche:

Wenn Sinne nicht verschlossen sind,
kann Leben neu entstehen.
Ein Hoffnungswort erfüllt den Raum
und Ohren hören wie im Traum
das Liebeslied vom Leben.

Wenn Freude in Bewegung setzt,
kann Leben neu entstehen.
Ein Gruß, in dem Vertrauen schwingt,
ein Mund, der von Befreiung singt,
ermutigen zum Leben.

Wenn Mut sich nicht vertreiben lässt,
kann Leben neu entstehen.
Die Hoffnung wächst,
die Angst wächst mit,
doch jeder mühevolle Schritt
ist auch ein Schritt zum Leben.

Wenn Gott durch Menschen menschlich wird,
kann Leben neu entstehen.
Ein Gott, der solche Sinne gibt,
dass eine aufbricht,
singt und liebt,
der schenkt durch Liebe Leben.

Susanne Brandt