„Wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen“ oder: Freiheit in der Verbundenheit als Chance

Fäden im Netz der Beziehungen / Foto: Susanne Brandt
Fäden im Netz der Beziehungen / Foto: Susanne Brandt

Mehr als einmal habe ich mich diese Tage über die aktuellen Berichterstattungen und Kommentierungen der Medien geärgert, wenn es um die Frage ging, wie das Zusammenleben mit Geflohenen bei uns im Land weiter zu gestalten sei. Beliebt ist z.B., bei nötigen Entscheidungen und Weichenstellungen in der sogenannten „Flüchtlingsfrage“ von Herz und Verstand zu schreiben, und zwar so, als ginge es hier um alternative berechenbare „Werte“, bei denen ein Mehr des einen ein Weniger des anderen bewirken könne – als wäre „mehr Herz“ ein Indiz  für „weniger Verstand“ und folglich ließe sich mit „weniger Herz“ der Verstand vermehren!?

In eine ähnliche Richtung zielt das zweite beliebte Bild in der gegenwärtigen Presselandschaft: Da wird gern davon gesprochen, dass die „Willkommens-Party“ nun vorbei ginge und der ungemütliche Herbst im gemeinsamen Alltag Einzug hielte. Auch hier sind es vor allem die vermeintlichen Emotionen, die einer „vernünftigen“ Flüchtlingspolitik offenbar den Blick verstellt haben – so zumindest der Unterton vieler Berichte und Kommentare.

“Kultur der Menschenrechte”

Dass sich dieses seltsame Gegeneinander von Verstand und Gefühl in die Sprache und Bilder der Medien eingeschlichen hat, hat vermutlich auch mit den Medien selbst zu tun. Tatsächlich wurde vor allem in Sozialen Netzen  die vielzitierte „Willkommens-Kultur“ wie ein wunderbares „Sommermärchen“ gefeiert, das wenig mit der Realität zu tun hat, die sich erleben lässt, wenn man wirklich mal selbst mithilft und wahrnimmt, was an stiller und unspektakulärer Unterstützung Tag für Tag von Unzähligen geleistet wird.

Diese Unterstützung in ihren vielfältigen Formen trägt dazu bei, dass Geflohene sich hier unter menschenwürdigen Bedingungen neu orientieren können, Schutz und Wärme an Leib und Seele und menschliche Freundlichkeit erfahren. Da geht es schlicht und praktisch um eine „Kultur der Menschenrechte“ – nur taugt das in dieser nüchternen Sprache nicht so sehr als bunte „Event-Überschrift“ und eben auch nicht für die Frage nach „Herz oder Verstand“. Denn in dem Wort Menschenrecht steckt beides: Menschlichkeit und Gerechtigkeit – und damit ist gesagt, dass „Herz“ und „Verstand“ nicht gegeneinander auszuspielen sind, sondern untrennbar miteinander verbunden bleiben.

Der dritte Begriff, der diese Tage öfter in den Medien bemüht wird, ist der Begriff „Wahrheit“ – und zwar am liebsten unerschütterlich als Besitz und Machtanspruch all jener, die meinen, dass gerade das Falsche entschieden und getan wird im Umgang mit Geflohenen. Demgegenüber glauben einige, „die Wahrheit“ zu kennen hinter allem, was aktuell in der Welt passiert, und diese mit wenigen Sätzen erklären zu können. Was für eine vermessene Behauptung!

“Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen”

In dieser derzeit so komplexen und unübersichtlichen Situation, die durch die Fülle an Meinungen und Meldungen auf allen Kanälen nicht übersichtlicher wird, kann es sich als erstaunliche und bemerkenswerte Entdeckung erweisen, mal wieder bei den Philosophinnen und Philosophen nachzulesen – und in Ruhe darüber nachzudenken. Das braucht Zeit und Muße, passt in keine Kurzmeldung – aber es hilft vielleicht, das Empfinden und Verstehen dieser Tage nicht immer gleich so schnell und so weit aufzublasen, bis es platzt und alles in leeren Worthülsen durcheinanderwirbelt.

indexEin Lese-Tipp unter vielen Möglichkeiten wäre: „Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt“ von Alois Prinz. Weil darin einmal mehr zum Ausdruck kommt, wie das Nachdenken in und über das Politische keine Frage von „Herz oder Verstand“ ist, sondern eine Auseinandersetzung mit der Spannung von Urteilsvermögen und „Nicht-Wissen“ im achtsamen Dialog, im gegenseitigen Zuhören, im Erkennen und Anerkennen von Verschiedenheit und Pluralität und im respektvollen Streiten um Freiheit und Menschlichkeit.

Um nur aus einem Satz von Hannah Arendt zu zitieren, der den Abschluss eines Interviews mit Günter Gaus im Oktober 1964 bildet:
„Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie […] Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. In einem – schwer ganz zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man das nicht.“

Ein solches Wagnis wird heute – mehr als 50 Jahre später – nicht weniger zur Herausforderung, wenn wir uns auf Beziehungen zu anderen Menschen und auf unsere Mitverantwortung in der Welt besinnen: An vielen Orten hat im Zusammenleben mit Geflohenen etwas angefangen, haben Menschen damit begonnen, an einem bis dahin unbekannten “Netz der Beziehungen” zu knüpfen, von dem niemand weiß, was daraus wird. Ohne Vertrauen zueinander – so mein Eindruck – wäre das alles nicht möglich gewesen. Und ohne “Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen” ist eine gute Weiterentwicklung für mich nicht vorstellbar.

Susanne Brandt