„Verfeinere unsere Seelen, damit das Auge unterscheiden kann“ – Impressionen und Gedanken zu den Geflüchteten und Helfenden in Flensburg, Teil 2

Wahrnehmen und in Worte fassen / Foto: Lothar Veit

Wahrnehmen und in Worte fassen / Foto: Lothar Veit

Vor zwei Wochen haben ich hier im Blog zum ersten Mal über meine Eindrücke und Erfahrungen in der Begegnung mit Geflüchteten und Helfenden in Flensburg wie unterwegs auf Reisen geschrieben. Damals war nicht absehbar, wie sich das dauerhafte Engagement der freiwillig Engagierten am Bahnhof wie an verschiedenen Orten der Stadt weiter entwickeln würde.

BFF_1508_HeaderOrange2-300x111-300x111Inzwischen habe ich viele Stunden in der Kleiderkammer aushelfen können und dabei auch heute wieder gemerkt, wie hier in der Stadt die Hilfe von ganz unterschiedlichen Menschen für ganz unterschiedliche Menschen Tag um Tag erstaunlich effektiv ineinandergreift: So ergab sich z.B. heute auf dem Weg zum Bahnhof, als ich noch ein paar Fladenbrote für die Essensausgabe besorgen wollte, ein interessantes Gespräch am Bäckertresen, das mir einen kleinen Einblick in die Hilfsdienste der Moscheegemeinde vermittelte. Und später dann vor Ort wurde mir abermals bewusst, wie international die Schar der Helfenden mit Dänen, Deutschen und Dolmetschern aus allen Teilen der Welt zusammengesetzt ist – verbunden durch ein gemeinsames humanitäres Anliegen.

Trubelig geht es zu am Bahnhof. Gerade heute waren die Züge wieder voll. Hunderte von Geflüchteten sind gekommen, kurz oder länger geblieben, wollten weiterreisen Richtung Norden, erhielten dank der immer noch reichlich eintreffenden Spenden, vor allem aber dank der freundlichen Zuwendung der vielen Helfenden je nach Bedarf Essen, Trinken, warme Kleidung und Hygieneartikel – nicht selten auf der Basis einer Zeichensprache mit Händen, Mimik, Gestik.

Sich in der Kleiderkammer ohne gemeinsame Sprache immer wieder darüber zu verständigen, was in welcher Größe mit welchen Vorlieben gesucht – und dann gemeinsam oft auch gefunden – wird, ist meistens noch mit einer schönen Beigabe verbunden: dem gemeinsamen Lachen über kleine Missverständnisse und überraschende Entdeckungen in den gut sortierten Bergen von Jacken, T-Shirts, Schuhen…

Und wie vor zwei Wochen habe ich auch heute nach all den Begegnungen und Eindrücken im Bahnhofstrubel etwas Ruhe und Entspannung beim Lesen gesucht – und dafür diesmal die Gedichte des kurdischen Dichters Nazif Telek hervorgeholt: https://de.wikipedia.org/wiki/Nazif_Telek
Persönlich kennenlernen durfte ich ihn Mitte der 1990er Jahre durch eine Lesung, die ich vor dem Hintergrund der damaligen Erfahrungen mit Asylrecht und Geflohenen aus dem Kosovo und anderen Teilen der Welt mit ihm veranstaltet hatte. Danach waren wir noch bis in die Nacht miteinander ins Gespräch gekommen über Flucht und Fluchtgründe, Fremdsein und Gastfreundschaft  – auch über die Kraft der Poesie und der Gedichte, von denen er mir einige als Geschenk hinterließ.

Nazif Telek lebt nicht mehr. Er starb 2007 in Folge einer Krebserkrankung. Seine Gedichte aber lassen sich nachlesen – erschienen im Zambon-Verlag. Was mich beim Lesen immer wieder berührt, ist die feine Zärtlichkeit und Wärme, die er in seine Zeilen gelegt hat – auch und gerade unter dem Eindruck der erlittenen Verfolgung in seiner Heimat wie der mitunter erfahrenen Kälte und Ablehnung in Deutschland. Der Stift zum Schreiben und die Gedichte, die dabei entstanden, erwiesen sich für ihn als elementare Kraftquellen für Fantasie und Sehnsucht, Freiheit und Zuversicht.

So beginnt sein Gedicht „Mein Stift“:

Sei fantasievoll
folge den Gedanken
in alle Himmelsrichtungen,
begib dich auf die
verschiedensten Pfade […]

Und von dem fertigen Gedicht erhofft er sich:
[…]
verfeinere unsere Seelen,
damit das Auge unterscheiden kann
und weinen lernt,

gib uns Zuversicht in Kriegstagen
für den Frieden,

errege
unsere Fantasie,
damit sich uns Türen
für die Zukunft öffnen,

bringe uns
den Schwestern und
Brüdern nahe,
die sich nach Freiheit
sehnen,

versetze uns
in Heiterkeit,
auf daß unser Lachen
weithin gehört wird,

belebe unser Denken
immer wieder neu,
damit wir Wege
aus der Knechtschaft
finden.

So sei ein Gedicht!
(1993)

Beide Texte aus: Nazif Telek: Sehnsucht nach Freiheit, Frankfurt 1996

Gewiss hat nicht jeder Mensch eine „poetische Ader“ und traut einem Gedicht so viel Wirksamkeit zu. Aber das, was Nazif Telek als Sehnsucht in seinen Worten zum Ausdruck bringt – die Augen mit der Gabe der Unterscheidung und die Fantasie für eine friedliche Zukunft, die Geschwisterlichkeit und das Lachen, lebendiges Denken und Befreiung – alles das tragen viele der Geflüchteten unserer Tage (so vermute ich) ebenso als tiefe Sehnsucht mit sich herum, auch wenn sie das vielleicht nicht so in Worte fassen können oder möchten.
Beides gehört für mich zusammen: die persönliche Begegnung und konkrete Hilfe im geschäftigen Bahnhofstreiben heute und morgen wie die Empfänglichkeit für die stillen Stimmen jener Gedichte, die das Erlebte in aller Ruhe nachklingen lassen und weitersagen – in vielen Sprachen und Ländern, über Tage, Wochen, Jahre hinaus.

Susanne Brandt

#bloggerfuerfluechtlinge