„Anderen helfen, dass sie ihren Weg gehen können“ – Impressionen und Gedanken zu den Geflüchteten und Helfenden in Flensburg

Wege finden / Foto: Susanne Brandt

Wege finden / Foto: Susanne Brandt

Am Flensburger Bahnhof ist seit einigen Tagen vieles anders als sonst. Menschen, die auf der Flucht sind – Tausende, die auf die Weiterreise nach Skandinavien warten – machen in Flensburg Station, bleiben für Stunden, Tage, Nächte, vielleicht auch für länger, für immer. Wir wissen es nicht. Wir erleben nur, dass sie erschöpft sind, dass sie Grundbedürfnisse haben: Wasser und Nahrung, wärmere Kleidung für den kühlen nordeuropäischen Herbst, ein Mindestmaß an Hygiene und die Sehnsucht nach Kontakt und Orientierung – per Handy wie in der persönlichen Begegnung mit Menschen, die ihnen freundlich begegnen.

Ein beeindruckendes Netzwerk an ehrenamtlicher Hilfe hat sich hier in kürzester Zeit entwickelt: Menschen verschiedener Generationen und Nationen packen gemeinsam an, um das bereitzustellen, was jetzt wirklich gebraucht wird – mit praktischer Hilfe vor Ort wie mit allem, was unzählige Helfende von zu Hause herbei schaffen. Dank Facebook klappt die Kommunikation vom Bahnhof in die Stadt. Hilferufe werden sofort von vielen gelesen und in kurzer Zeit erfüllt – ein Hand-in-Hand, wie ich es so noch nie erlebt habe.


BFF_1508_HeaderOrange2-300x111-300x111Ich selbst bin diese Tage viel unterwegs, begegne Geflüchteten auch im Zug, sitze Menschen gegenüber, die müde, manchmal auch ängstlich wirken, suche freundlich Blickkontakt, erlebe einen Dialog des Lächelns. Mehrmals erfahre ich zwischendurch etwas über die Situation am Bahnhof in Flensburg, gehöre zu den vielen, die dieses oder  jenes  besorgen, was akut gebraucht wird, nehme dabei aber auch Atmosphäre wahr, führe oder höre  Gespräche, sehe Erstaunliches und Berührendes, vor allem dies: Trotz der enormen Anforderungen, Einsatzzeiten und schwierigen Rahmenbedingungen, die die ehrenamtlich Helfenden hier rund um die Uhr meistern, ist die Stimmung überwiegend entspannt. In der Kleiderkammer spielen Kinder. Einer der Helfer hat seine Gitarre rausgeholt und singt. Vor der Tür sind Jugendliche am Kicken.

Als ich am nächsten Tag wieder im Zug Richtung Süden sitze, gehören die „Mitternächtlichen Meditationen“ und andere Texte des brasilianischen Befreiungstheologen Dom Hélder Câmara (1909-1999) zu meiner Reiselektüre. Die Bilder der Geflüchteten am Bahnhof von Flensburg gehen mir nicht aus dem Kopf, während ich bei Dom Hélder Câmara sinngemäß lese:
„Es kommt darauf an, anderen zu helfen, dass sie ihren Weg gehen können“.

Mir stehen die Geflüchteten vor Augen, die ihre ungewissen Wege in Flensburg unterbrechen, bleiben, weiterreisen, nicht mehr und nicht weniger von uns bekommen können als eben das, was sie brauchen, damit sie ihre Wege gehen können: Essen und Trinken, Kleidung, Kontakt und Herzlichkeit  – Stärkung und Ermutigung für eine Reise, bei der schon so viel Schweres im Gepäck dabei und noch so viel Fremdes zu erwarten ist.

Ich lese weiter bei Dom Hélder Câmara:

„Viel wichtiger, als Worte anzuhören, ist es, die Ängste zu erraten, das Geheimnis zu ergründen, dem Schweigen zu lauschen.“
Mir kommen dabei die Menschen in den Sinn, die mir diese Tage in den überfüllten Zügen begegnen. Oft haben wir keine gemeinsame Sprache, schauen uns an, wissen wenig, ahnen viel, nehmen vielleicht mehr voneinander wahr, als Worte sage könnten.
Manchmal sind auch Kinder dabei.

Dom Hélder Câmara  schreibt:

Wenn ich könnte,
gäbe ich jedem Kind
eine Weltkarte…
Und wenn möglich,
einen Leuchtglobus,
in der Hoffnung,
den Blick des Kindes
aufs Äußerste zu weiten
und in ihm
Interesse und Zuneigung zu wecken
für alle Völker,
alle Rassen,
alle Sprachen,
alle Religionen!

Ich frage mich, was den geflüchteten Menschen in den Ohren klingt, wenn sie bei uns in Flensburg ankommen. Wie sehr vermissen  sie den Klang der vertrauten Sprache, die Geräusche ihrer Heimatstadt, den Rhythmus ihres einst geschützten und geliebten Lebens? Und auch ich erlebe Veränderungen, staune über Melodien in fremden Sprachen, die kommen und gehen, wünsche den Geflüchteten wie allen Helfenden, irgendwann wieder einen ruhigeren Rhythmus für ihr Leben zu finden.

Bei Dom Hélder Câmara lese ich:

Beweine nicht
die Rhythmen,
die – scheinbar – verloren gehen:
Rhythmen der Winde,
der Gewässer,
des Rauschens der Bäume,
des Gesangs der Vögel,
der Bewegung der Sterne,
der Schritte der Menschen…
Es gibt immer einen Musikanten
oder einen Dichter
oder einen Heiligen
oder einen Narren,
der von Gott den Auftrag hat,
die flüchtigen Rhythmen,
die verloren gehen könnten,
einzufangen.

Und während ich merke, wie all die Fragen und Gedanken in mir kreisen und mich bis in die Nacht verfolgen werden, finde ich bei Dom Hélder Câmara auch das:

Lass deine Sorgen an der Schwelle des
Schlafes zurück,
Alle Bitterkeit,
Allen Kummer,
damit du dich beim Aufwachen nicht so
müde wiederfindest,
als hättest du in den Kleidern geschlafen,
die Schuhe an den Füßen, den Hut auf
dem Kopf.

Möge ein solcher Schlaf irgendwann auch all den Geflüchteten wie den rund um die Uhr Helfenden jene Ruhe und Erholung schenken, die sie brauchen, um ihre Wege zu finden und zu bewältigen.

Quelle der Zitate von Dom Hélder Câmara: Mitternächtliche Meditationen
(niedergeschrieben während der Nachtwachen, erstmals erschienen 1980 bei Editions du Seuil, Paris, aus dem Französischen von Alfred Kuoni)

Zur Person:
Dom Hélder Câmara (1909 – 1999) war ein brasilianischer Erzbischof und Wegbereiter der Befreiungstheologie, setzte sich dafür ein, annehmbare Wohnbedingungen in den Elendsvierteln von Rio zu schaffen und trat ein Leben lang für Frieden und Gerechtigkeit ein, z.B. durch ein Selbsthilfeprogramm für Bauern.

Susanne Brandt

#bloggerfuerfluechtlinge