„Schwebende Zukunft“ – eine Ringelnatz-Wanderung an der Küste von Cuxhaven

Hus Kiek in de See

Hus Kiek in de See

Im „Hus Kiek in de See“ (http://www.hus-kiek-in-de-see.de/) kann man es sich gut gehen lassen – wie einst Joachim Ringelnatz: mit Blick auf See und Schiffe. So jedenfalls hat er es in seinen Erinnerungen „Als Mariner im Krieg“ (1928) beschrieben. Als kleines familiäres Hotel ist das Haus heute nicht nur jener Ort, an dem man von einigen Zimmern aus eben diesen Blick noch heute genießen kann – unmittelbar hinterm Deich und damit direkt an einem attraktiven Küstenweg gelegen, ist das Haus ein idealer Ausgangspunkt für eine ausgedehnte Wander- oder Fahrradtour, die durch wechselnde Naturräume immer am Meer entlang führt.

Und wer den literarischen „Geist“ des Hauses dabei nicht hinter den Mauern lassen möchte, kann sich von Ringelnatz-Gedichten durch diese Natur begleiten lassen.

Das Schwere lernen: narrenglücklich leben

Bei aller „Vergnüglichkeit“, die aus vielen seiner Texte spricht: Ringelnatz Leben war vor allem nach 1933 auch von bitterer Not begleitet. Als seine Bücher und Auftritte 1933 verboten wurden, verarmte er rasch, erkrankte an Tuberkolose, konnte sich aber eine ärztliche Behandlung nicht leisten.  Mit seinen  frechen Versen und anarchischen Kinderbüchern hatte er sich viele Feinde in deutsch-nationalen und völkischen Kreisen gemacht. Seit den frühen 1920er Jahren gehörte er zu den bekanntesten Bühnenkünstlern seiner Zeit und machte auch als Maler Karriere. Aber 1937 wurden seine Werke als „entartete Kunst“ aus den Museen entfernt. Den Hass der Nazis hatte er sich besonders mit der Autobiographie Als Mariner im Krieg aus dem Jahre 1928 zugezogen, die – wie Remarques Im Westen nichts Neues – als „literarischer Verrat am Soldaten des Weltkrieges“ galt.

„Flöge doch unser aller Zukunftsdenken / so frei aus und so zart“, seufzte er am Ende eines Gedichtes über das freie Schweben der Pusteblumen-Samen. Das Schwere zu lernen, „narrenglücklich zu leben“, wie er es in dem Text am Schluss dieses literarischen Spazierganges beschreibt – vielleicht hat ihn diese Hoffnung auch in den schweren letzten Jahren seines Lebensabends nie ganz verlassen…

Der Morgen beginnt fröhlich:

Morgenwonne

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Morgenstimmung an der Alten Liebe / Foto: Susanne Brandt

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich ”Euer Gnaden.“

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

Der Rad- und Wanderweg von der Alten Liebe bis Arensch ist rund 15 km lang und lässt sich somit auch hin und zurück gut in einer Tages- bzw. Halbtagestour (zu Fuß oder per Rad) bewältigen – oder besser gesagt: genießen! Vor allem zwischen den eher touristisch geprägten Ortsteilen entlang der Küste öffnet sich dabei immer wieder der unverstellte Horizont mit seinen wechselnden Wolkenbildern:

Sommerfrische

Himmel über dem Strand / Foto: Susanne Brandt

Himmel über dem Strand / Foto: Susanne Brandt

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz

 

In der Duhner Heide und am Rande des Wernerwaldes bei Sahlenburg lohnt es sich, am Wald- und Wiesenrand genauer hinzuschauen, um die artenreiche Vegetation zu entdecken.

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Brombeeren beim Wernerwald, Foto: Susanne Brandt

Herbstliche Wege

Des Sommers weiße Wolkengrüße
zieh’n stumm den Vogelschwärmen nach,
die letzte Beere gärt voll Süße,
zärtliches Wort liegt wieder brach.

Und Schatten folgt den langen Wegen
aus Bäumen, die das Licht verfärbt,
der Himmel wächst, in Wind und Regen
stirbt Laub, verdorrt und braun gegerbt.

Der Duft der Blume ist vergessen,
Frucht birgt und Sonne nun der Wein
und du trägst, was dir zugemessen,
geklärt in deinen Herbst hinein.

Joachim Ringelnatz

 

Wer den Weg zu Fuß zurücklegt, sollte im Strandbereich seine Schuhe ausziehen und ein paar Kilometer barfuß an der Wasserkante und durchs Watt laufen. Das kühle Wasser auf der Haut und das sanfte Prickeln der Muscheln und Steine unter den Fußsohlen beleben und erfrischen die Sinne auf unvergleichliche Weise!

Steine am Meeresstrand

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An der Wasserkante / Foto: Susanne Brandt

Steine schaumumtollt,
zornig ausgerollt
über Steine. –
Freiheit, die ich meine,
gibt es keine.

Stille nun. Entbrandet
ruht ihr, feucht umsandet,
unzählbar gesellt,
von der Zeit geschliffen
oder kampfentstellt. –
Alle von der Welt
lange rauh begriffen,
schweigt ihr. – Ihr begreift die Welt.

Wie ich euch sortiere,
spielerisch verführt:
Früchte, Götzen, Tiere,
wie es Phantasie so legt,
habt ihr in mir aufgerührt,
was seit Kindheit mich bewegt.

Spitze, trübe, glatte, reine,
platte, freche, winzig kleine,
ausgehöhlte, fette Steine,
plumpe, schiefe, trotzig große –

Ja ihr predigt ernst wie froh,
meistens simpel, oft apart,
weit umgrenzte, willenlose
Freiheit. – Predigt ebenso
Fromm wie hart.

Joachim Ringelnatz

 

Der Blick über die Salzwiesen zwischen Sahlenburg und Arensch schenkt Einblicke in den Nationalpark Wattenmeer als eine nahezu unberührt wirkende Küstenlandschaft mit malerischen Himmel-Wasser-Land-Farben.

Meerblick

Meer bei Arensch / Foto: Susanne Brandt

Seepferdchen

Als ich noch ein Seepferdchen war,
im vorigen Leben,
wie war das wonnig, wunderbar
unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
wogte, wie Güte, das Haar
der zierlichsten aller Seestuten,
die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
auf daß ich ihr folge, sie hasche,
und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellte sich froh,
schnappte nach einem Wasserfloh,
und ringelte sich
an einem Stengelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
du trägst ein farbloses Panzerkleid
und hast ein bekümmertes altes Gesicht,
als wüßtest du um kommendes Leid.
Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!
Wann war wohl das?

Joachim Ringelnatz

 

Im September blühen am Wiesenrand noch die Reste eines satten Sommers. Wer nach 15 km von der Alten Liebe in Arensch angekommen ist und hier umkehren möchte, geht nicht einfach nur den gleichen Weg zurück. Aus der anderen Perspektive sehen Himmel, Land und Meer wieder ganz anders aus. Und wer die Natur und Landschaft bewusst wahrnimmt, wird auf dem Rückweg vieles nochmal neu betrachten und den ständigen Wechsel von Formen, Farben und Gezeiten in allem erkennen.

Schwebende Zukunft

Blumen

Wiesenrand bei Sahlenburg / Foto: Susanne Brandt

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August
seht euch einmal bewußt
an, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
und sinnreich rund umgeben
von Faserstrahlen, zart wie Spinnenweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
wirkt das auf ihn wie Krach,
und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.

Zartheit und Freimut lenken
wieder später deren Samen Fahrt.
Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
so frei aus und so zart.

Joachim Ringelnatz

 

Der Tag rundet sich. Abends wie morgens taucht das Licht der tief stehenden Sonne das Meer in einen immer etwas melancholisch anmutenden Glanz.

Sieh, ich war so oft allein

Sonnenaufgang / Foto: Susanne Brandt

Sonnenaufgang / Foto: Susanne Brandt

Sieh, ich war so oft allein,
und ich lernte gleich den Zweigen,
gleich dem Stein,
Träume wachen, Worte schweigen.

Denke, daß ich Dichter bin.
Eure Sonne ist nicht meine.
Nimm als Freund mich hin,
wenn ich dir auch fremd erscheine.

Laß mich lauschen aus der Ferne,
wenn ihr tanzend schwebt,
daß auch ich das Schwere lerne:
wie man narrenglücklich lebt.

Joachim Ringelnatz

(Alle Fotos wurden auf dem Weg zwischen Alte Liebe und Arensch am Meer aufgenommen)