Alte Fragen, neue Medien, andere Zugänge: Wie gelingt Motivation und Inspiration?

Impressionen von der Didacta 2015

Theaterwerkstatt Völlen 1Was gibt’s Neues – speziell als Impulse zur Weiterentwicklung von Bibliothekspädagogik und Literacy – und welche Anforderungen ergeben sich daraus für die Berufspraxis? So ungefähr ließe sich das Interesse beschreiben, mit dem ich mich einen Tag lang auf der Didacta in Hannover umgeschaut habe.

Zunächst ein Gesamteindruck für alle, die die jährliche Didacta vielleicht noch nicht kennen: Der Marktcharakter im Ausstellungsbereich dieser Verkaufsmesse bringt es mit sich, dass es vor allem darum geht, neue Produkte oder Dienstleistungen – hier ganz besonders auf dem digitalen Sektor – vorzustellen. Anders als bei der Buchmesse steht nicht an allen Ständen das Fachgespräch im Mittelpunkt, zumal vielen Mitarbeitenden im Verkaufstrubel die Zeit, manchmal auch die Kenntnis dafür fehlt. Und dass man sich auf einer Bildungsmesse befindet, macht sich auch daran bemerkbar, dass man an jeder Ecke dazu ermuntert wird, für Gewinnspiele immer wieder neue Testaufgaben zu lösen oder Quizfragen zu beantworten – das nervt irgendwann.

Was die Didacta als Europas größte Bildungsmesse mit über 100.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich will, zeigt dieser Film: https://www.youtube.com/watch?v=fDUAKE9FGoQ

Aber neben dem bunten Treiben im Marktbereich gibt es ebenso ein prall gefülltes Vortrags- und Seminarangebot. Und da hatte ich mich am Vormittag für einen Vortrag von Philippe Wampfler über die Bedeutung von Social Media beim Lernen (nicht nur) in der Schule entschieden:

Jugendliche machen sich schlau mit Sozialen Medien – und wir können viel von ihnen lernen!

Der Schweizer Philippe Wampfler ( vgl. seinen Blog www.schulesocialmedia.com mit Hinweis auf seine Bücher zum Thema) lud ein zu einer sympathisch differenzierten Auseinandersetzung mit emphatischem Interesse an der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen, bei der die Ambivalenz des Themas deutlich wurde, ohne dafür Schwarz-Weiß-Bilder von „guten“ und „schlechten“ Medien bemühen zu müssen: Denn nicht die Medien selbst sind die eigentliche Herausforderung, sondern vielmehr die Unklarheit über Kompetenzen und Reformen, die für den Umgang damit nötig wären.

Problematisch ist, dass digitale Medien und Social Media Elemente (wie z.B. Wikipedia, Youtube, Communities und Fachforen zu verschiedenen Themen) in der Schule noch überwiegend in Unterrichtsformen ihren Platz finden müssen, die am Analogen orientiert sind (Frontalunterricht und Schulbuchwissen als vorrangige Referenz statt interaktive Lösungswege in Gruppen und vernetzten Projekten mit kritischen Vergleichen verschiedener Informationsquellen) und so keine sinnvolle Verzahnung verschiedener Lernwelten und -wege stattfindet, sondern eher Parallelwelten entstehen.

Andere Fragen brauchen andere Methoden und Medien

Glaubwürdige Hilfe für die immer wieder zu übende Einschätzung “Welche Medien nutze ich wofür mit welchen Vor- und Nachteilen?” wird so bei einem oft nur halbherzigen und methodisch nicht ausreichend durchdachten Unterrichtseinsatz digitaler Medien für die Schüler nur schwer erkennbar.

Und auch das gilt es beim Abwägen von positiven und negativen Effekten im Blick zu behalten: Missbräuchliche Nutzung und Sogwirkungen werden durch Social Media vielleicht in bestimmten Situationen begünstigt, aber nur selten von den Medien selbst verursacht. Die Gründe liegen oft in schon vorher vorhandenen Verunsicherungen bei der Identitätsfindung, Kommunikation und Konfliktbewältigung, was in Verbindung mit einer nicht souverän beherrschten Social Media Nutzung mitunter in einen Teufelskreis führen kann.

Am Anfang muss also immer die Frage nach der Motivation der Kinder und Jugendlichen, nach ihren Sehnsüchten und Schwierigkeiten stehen – und ein ehrliches und vorbehaltloses Interesse an ihren bereits erprobten medialen Strategien, sich die Welt zu erschließen.

Aspekte und Anliegen, die es vor diesem Hintergrund zu bedenken gibt, um zu einer veränderten Haltung beim Lernen und Lehren mit Medien zu kommen, lassen sich (angeregt durch die Denkanstöße von Wampfler) wie folgt zusammenfassen:

 

  • Selbstachtsamkeit fördern in der Wahrnehmung von Maß und Balance bei der Mediennutzung
  • mehr produktive und kreative Medien- und Lernerfahrungen anregen (Bücher gestalten, Wikipediaartikel schreiben, Filme selbst machen etc.)
  • Vertrauen statt Überwachung erleben und vorleben
  • mehr Herausforderungen und Anreize schaffen, die ein vertiefendes und kritisches Erarbeiten von Themenkomplexen fordern (mit Ausdauer, Hinterfragen und Selbstorganisation in verschiedenen realen und virtuellen Erfahrungsbereichen). Diverse Social Media Quellen und andere digitalen Elementen fließen dabei mit ein, werden aber nicht als schnell verfügbares „Häppchenwissen“ reproduziert, sondern als Motivation zum eigenen Weiterdenken, Forschen, Entwickeln genutzt.
  • Gesprächs- und Teamkultur anregen
  • Probleme mit Social Media, wie z. B., Cyber Mobbing, nicht im Netz lösen, sondern in der persönlichen Beratung und Beziehungsarbeit.

Auch Bibliotheken müssen umdenken

Nun befinden sich Bibliotheken mit ihrer Medienvermittlung in einem gewissen Dilemma, weil sie meistens die Interessen und Lehrpläne der Schulen begleiten und relativ wenig Spielraum für eigene medienpädagogische Konzepte haben (oder sich nicht trauen, solche Spielräume zu entwickeln). Dabei wären die oben genannten Punkte recht gute Prüfsteine, um bibliothekspädagogische Angebote neu und anders daran auszurichten. Auch wenn sich der Didacta-Vortrag vorrangig auf die schulische Unterrichtsdidaktik etwa ab Klasse 8 bezog, stecken in den Überlegungen eine Menge Impulse für das Verständnis von Medienvermittlung in Bibliotheken:  Viel anspruchsvoller als die technischen Fragen, wie ich was finde, bediene und was für neue digitale Möglichkeiten der Markt zu bieten hat (hier haben eher die Jugendlichen uns was beizubringen – nicht umgekehrt!), ist die Frage, ob und wie wir es schaffen, eine grundlegend neues Selbstverständnis für die Medienvermittlung zu entwickeln, das den oft hochmotivierten und versierten Umgang von Jugendlichen mit Youtube, wikipedia und diversen Communities als wertvolle Informationsstrategie anerkennt und diese ganz selbstverständlich mit einbezieht.

In Bibliotheken müssten wir uns bei einer Medienvermittlung, die digitale Medien neben anderen Medien und Lernerfahrungen obligatorisch und gleichberechtigt mit einbezieht, also zunächst mal ganz offen selbst fragen:

In welcher Weise tragen unsere Angebote dazu bei…

 

  • Selbstachtsamkeit zu üben
  • produktive und kreative Medienerfahrungen mitzugestalten (eigene Filme, Makerspace etc.)
  • Vertrauen statt Überwachung zu erleben
  • Eigenmotivation bei einem vertiefenden und kritischen Forschen, Fragen und Gestalten auf verschiedenen, auch unkonventionellen Lernwegen wach zu halten
  • Persönliche und wertschätzende Beziehungserfahrungen in realen Gesprächs- und Teamerlebnissen zu ermöglichen

 

Daran gemessen wären manche Angebote im Umgang mit digitalen Medien zumindest fragwürdig im Blick auf Kompetenzen und Motivation, die dabei eine Rolle spielen.

Provokant gefragt:

  • Was haben standardisierte digitale Quiz- und Bewertungsverfahren wie das Antolin-Leseförderprogramm wirklich mit den o.a. Kompetenzen und Erfahrungen zu tun?

oder

  • Was motiviert Schüler dazu, ihr Wissen auf Munzinger online zu gründen, bevor nicht auch viele andere vertraute und naheliegende Lernwege mit wikipedia, youtube, Communities etc. gleichberechtigt ausprobiert und akzeptiert werden?

Wie also könnte das Lernen und Leben für Jugendliche mit ihren eigenen digitalen Kompetenzen und Interessen in einer Bibliothek der Zukunft gemessen an den o.g. Punkten aussehen?

So wie sich in der Schule die Didaktik dafür gründlich ändern müsste, müsste man auch in Bibliotheken die Haltung und Zielsetzung bei der Medienvermittlung grundlegend reformieren, dabei nicht länger von den Medien, sondern von der Motivation und Lebenslage der Kinder- und Jugendlichen her denken und diese zunächst versuchen zu erkennen, zu verstehen und kreativ einzubeziehen. Das aber verlangt in erster Linie von einer ganzen Berufsgruppe ganz neue Kompetenzen!

Soweit – so anregend zum Weiterdenken!

Kreativtheater, Theaterkoffer, Verwandlungsräume – 1000 und 1 Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen

Der zweite Teil des Didacta-Tages war der Frage gewidmet: Was gibt’s zu entdecken für die kreative und spielerische Umsetzung von Geschichten mit Kindergarten-Kindern in Bibliotheken? Antworten dazu wurden zunächst in einem von mir angebotenen Kamishibai-Workshop gesucht, an dem sich viele interessierte Erzieherinnen beteiligten. Danach ging ich bei einem Messerundgang auf Entdeckungsreisen: Aus der Fülle der Angebote folgende Impressionen in aller Kürze mit Links zum Weiterlesen:

Es gibt…

 

 

  • den Theaterkoffer von Dusyma als eine sehr schöne Möglichkeit für „Geschichten zum Anfassen” – in dieser handlichen und gut durchdachten Kofferform (wie auch als Anregung für eine mögliche Übertragung auf das Figurenspiel mit  Kamishibai): https://www.youtube.com/watch?v=PogU3g1lJUc

 

 

 

 

 

 

 Außerschulische Lernorte – leider ohne Büchereien!?

Der letzte Programmpunkt meines Didacta-Tages war dem Bereich „Außerschulische Lernorte“ gewidmet. Dort präsentierte sich u.a. der der Regionalverband Museumspädagogik Nord mit einem Gemeinschaftsstand für 20 Museen und ihre pädagogischen Angebote. Für Bibliotheken wäre dieser Marktbereich auch ein guter Ort, um hier an einem Gemeinschaftsstand die verschiedenen Angebot zur Leseförderung und Medienvermittlung vorzustellen. Leider war der gesamte Bereich Literatur- und Leseförderung, soweit es sich um nonprofit-Dienstleistungen handelte, auf der gesamten Didacta nur vergleichsweise schwach vertreten. Ein Grund dafür sind vermutlich die hohen Standgebühren und die personelle Besetzung für 6 Tage, die für Institutionen, die keine Verkaufseinnahmen bei der Messe erzielen können, allein aus den zumeist geringen PR-Budgets schwer zu bestreiten sind. So musste man die Messe ein bisschen mit dem Gefühl verlassen, dass die außerschulische Leseförderung in dem unüberschaubar großen und bunten Konzert der Bildungsangebote nur eine sehr kleine Rolle spielt.

Neben all diesen gemischten und inspirierenden Eindrücken ist mir ein Satz des irischen Dichters William Butler Yeats besonders in Erinnerung geblieben, der von der Playthings-Community wie ein Programm zitiert wird, aber auch für mich persönlich wie eine große Klammer all die Entdeckungen und Gedanken dieses Tages zusammenfassen könnte: „Bildung besteht nicht daraus, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen” (William Butler Yeats)

Wenn Bibliotheken neugierig, phantasievoll und offen genug bleiben, um einer solchen Inspirationskraft Raum und Impulse zu schenken und sich gleichzeitig immer wieder selbst davon anstecken lassen, ist eine Weiterentwicklung immer möglich – und es bleibt spannend, wohin…

Susanne Brandt