Aus der Musik- und Wortwerkstatt: Dada, Sprachspiel, Kinderkultur? Ein 100 Jahre altes Lied neu belebt

In Liedern leben Geschichten – und Geschichte! Ihnen nachzuspüren, bleibt Annäherung, vielleicht Mutmaßung, kann sich als spannend und überraschend erweisen. Denn Volkslieder, die in Häusern und auf Straßen von Menschen für Menschen entstanden sind und den Weg in die Welt gefunden haben, führen mitunter ein freies und wildes Leben und lassen sich gar nicht so leicht einfangen, be- und festschreiben.

So auch beim Lied von den „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, das als musikalisches Sprachspiel seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Umlauf ist und unterwegs Übertragungen in skandinavische Sprachen, in Türkisch und Hebräisch erlebt hat. Mögliche Vorläufer und Ähnlichkeiten zu Sing- und Spielformen, die aus Estland wie aus Italien und Spanien bekannt sind, runden das vielfältige Bild der Verbreitungs- und Entwicklungsgeschichte ab. Auch lassen sich zahlreiche Variationen zur Zahl und Herkunft der Musikanten nachweisen. Nicht immer besteht die muntere Gruppe aus drei Musikanten und nicht überall kommen sie aus China…

Verschiedene Deutungen und Lesarten des Liedes

Wie und warum das Lied entstanden ist – dazu gibt es im deutschen Sprachraum mehrere Theorien: Die einen wittern hinter dem Lied eine kolonialistische Haltung und sehen in dem Spaß mit den „drei Chinesen“ eine rassistische Tendenz durch das Lächerlich machen von Menschen aus anderen Ländern. Die anderen ziehen eine Verbindung zum sprachspielerischen Humor der Dada-Kunst im frühen 20. Jahrhundert. Und wieder andere erkennen in dem Lied einfach die kindliche, geradezu universell in vielen Ländern und Sprachen der Welt lebendige Lust an Unsinn-Versen und Vokalklängen, die hier mit den „drei Chinesen“ jene eingängige Form, Klangkunst und Bildhaftigkeit gefunden hat, die es braucht, um mündlich eine weite Verbreitung und Variantenbildung zu finden.

Da die sprachspielerische Komponente des Vokaltausches in besonderer Weise zur internationalen Popularität und Variantenbildung beigetragen hat, erscheint es mir plausibel, dass es bei dem Lied vor allem um die spielerische und klangliche Bedeutung von Begriffen wie „Chinesen“ und „Kontrabass“ geht und nicht um eine wertende Aussage und Charakterisierung von Menschen einer bestimmten Nationalität, zumal das Bild von den drei Straßenmusikanten dafür keine eindeutigen Anhaltspunkte liefert, sondern offen bleibt für verschiedene Varianten und Interpretationen.

Ein altes Lied neu eingekleidet durch Geschichten für Kamishibai

Diese und andere Überlegungen und Entdeckungen sind mir durch den Kopf gegangen bei dem Versuch, das alte Lied mit einer neuen Bildergeschichte für Kamishibai zu verbinden und zu vermitteln.  Entwickelt hat sich auf diese Weise ein Konzept für eine Bildergeschichte, das dem Charakter des Liedes gerecht werden möchte, indem…

…das Motiv des Vokaltausches als sprachspielerisches Element in den neu dazu erzählten Szenen aufgegriffen, vorbereitet und narrativ entfaltet wird.

…der Ursprung des Liedes in der Alltagskultur von Kindern durch Alltagsszenen mit Kindern vermittelt wird.

…die „drei Chinesen“ für Spontanität und Freude am gemeinsamen Musizieren, für überraschende Momente im Alltag stehen und nicht für eine bestimmte Nationalität.

…das Miteinander aller Protagonisten von Vielfalt, Lebenslust, Toleranz und Respekt geprägt ist, bei dem nicht über andere, sondern miteinander gelacht wird.

…die „drei Chinesen“ nicht als exotische Sonderlinge ausgegrenzt oder ins Lächerliche gezogen, sondern als zwei Männer und eine Frau selbstbewusst und mutig in ihrem Auftreten dargestellt werden, die aus eigener Initiative andere Menschen zum Staunen bringen – und zum Mitmachen!

Sprachspiel und Alltagskultur vor 100 Jahren – und heute…

Denn der Ton macht die Musik und die Färbung prägt das Bild, das dabei in den Köpfen entsteht: Begibt man sich auf die Spur alter Lieder, wird deutlich, wie schillernd sie ihre Bedeutung wechseln können – je nachdem, in welchen Kontext sie gestellt und mit welchen Lesarten und Intentionen sie in Verbindung gebracht werden.

Die Rahmengeschichte, die das Lied von den „drei Chinesen“ nun mit einer bunten Szenen- und Bilderfolge für Kamishibai wiederum in einem solchen Kontext neu verortet, sucht die Anknüpfung an das Sprachspielerische und Alltägliche im Leben von ganz verschiedenen Menschen einer Stadt und erschließt so Motive, die bei seiner Entstehung vor rund 100 Jahren vielleicht eine Rolle gespielt haben mögen, neu für die gegenwärtige Singpraxis in Kindergarten, Familie und Schule.  Es bleibt dabei: In Liedern leben Geschichten – bis heute…

Brandt, Susanne / Russer, Margret: Drei Chinesen mit dem Kontrabass. Ein Spiellied. Musikalisches Erzähltheater DIN A3, 12 Bildkarten, einseitig bedruckt, auf festem 300g-Karton, farbig illustriert, inkl. Textvorlage und Notensatz, EAN: 42601795 1 255 1     

auch als Mini-Bilderbuch erschienen!