Kinderrechte hier und heute: Sinkendes Wohlbefinden trotz wachsender Bildungschancen!?

Kinder brauchen Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten

Die die jüngste (2013) internationale UNICEF-Vergleichsstudie zur Lage der Kinder in Industrieländern zeigt für Deutschland deutliche Verbesserungen in wichtigen Bereichen auf. Insgesamt liegt Deutschland auf Platz sechs der Industrienationen, wenn es darum geht, eine gute Lebensumwelt für die junge Generation zu schaffen. Im Kontrast zu positiven Entwicklungen auf Feldern wie Bildung und Risikoverhalten steht allerdings die subjektive Sicht der Jugendlichen in Deutschland auf ihre Lebenssituation. Bei der Selbsteinschätzung der Lebenszufriedenheit von Mädchen und Jungen fällt Deutschland auf Platz 22 von insgesamt 29 untersuchten Ländern. Diese Kluft hat sich in den vergangenen Jahren verbreitert und ist jetzt größer als in jedem anderen Industrieland.

Weiter Informationen:  http://www.unicef.de/blob/18782/7417138f1edd5058dce29dde29d01c8b/unicef-bericht-2013-zusammenfassung-data.pdf

Die UNICEF-Studie mit möglichen Hintergründen und Rückschlüssen

Welches Bild haben Kinder selbst von ihrem Leben?

Politik, Medien und Forschung dürfen Kinder nicht ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen. Diese Forderung hatte UNICEF bereits nach den früheren Studien zum kindlichen Wohlbefinden erhoben. In der jetzt vorgelegten Studie stürzt Deutschland auf Platz 22 von 29 Ländern ab, wenn Jugendliche ihre Lebenszufriedenheit bewerten. Einfache Erklärungen oder Lösungsansätze hierfür zu liefern, wäre angesichts der vielen verschiedenen Einflussfaktoren unangemessen und bedarf einer genauen differenzierenden Betrachtung für verschiedene Regionen in Deutschland. Die Daten geben jedoch einen Hinweis darauf, dass viele Mädchen und Jungen hierzulande sich nicht wertgeschätzt und akzeptiert fühlen. Offenbar fehlt es vielen Kindern in Deutschland an einem positiven Selbstwertgefühl. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, Kindern die Möglichkeit zu eröffnen, den Glauben an sich selbst zu entfalten. Kinder brauchen zuerst und vor allem Liebe und Zuneigung, feste Bindungen, Aufmerksamkeit und Zeit. Zu hoher Leistungsdruck kann eine Ursache sein, wenn Kinder mit sich und ihrem Leben unzufrieden sind. Mädchen und Jungen brauchen Freiräume, um sich im Spiel mit anderen Kindern eigenständig zu entwickeln. Dazu sollten wir ihnen in und außerhalb der Schule genügend Platz lassen. Dies sollte künftig bei allen politischen Anstrengungen für Kinder bedacht werden. Das Wohlbefinden von Kindern und ihre Rechte müssen zur Richtschnur der Politik von Bund, Ländern und Gemeinden werden. Dabei darf nicht allein die (zukünftige) Leistungsfähigkeit von Kindern im Fokus stehen.

Interkulturell Spielen & Lernen / c XENIA Wiesbaden

Viele Kinderrechtsorganisationen, darunter auch  terre des hommes, machen bereits seit einigen Jahren darauf aufmerksam, dass zu den zentralen Voraussetzungen für eine gute Entwicklung wie Bildung, Ernährung und Gesundheit auch Faktoren wie Spiel, Freiräume in der Mitgestaltung des Lebensumfeldes und ein gutes soziales Miteinander durch gemeinsame kulturelle Erlebnisse gehören. Nachfolgend einige Beispiele für Projekte, die sich hierfür weltweit wie auch hierzulande einsetzen:

Recht auf Spiel: http://www.tdh.de/was-wir-tun/arbeitsfelder/recht-auf-spiel.html

Interkulturelles Spielen und Lernen: http://www.tdh.de/was-wir-tun/projekte/deutschland/interkulturelles-lernen-und-spielen.html

Geschützte Räume für traumatisierte Flüchtlingskinder: http://www.tdh.de/was-wir-tun/projekte/deutschland/kunsttherapie-fuer-fluechtlingskinder.html

Kinderrechte als Thema für Kinder – kreativ mit Kamishibai: http://frankfurt-mein-zuhause.kinderbuero-ffm.de/images/pdf/Internet_Doku-2017_Stadt-der-Kinder-in-der-Stadtbcherei.pdf

Acht Leitgedanken für Kinder- und Jugendbibliotheken weltweit

Mit Freiräumen leben: Frieda tanzt…

Abzuleiten sind von solchen Studien in Abstimmung mit der Kinderrechtskonvention auch Leitgedanken für Kinder- und Jugendbibliotheken, die nicht allein auf eine Steigerung von Leistungsfähigkeit zielen, sondern das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in all ihren Facetten im Blick haben. Vor allem die folgenden 8 Punkte können hierfür als Orientierungsrahmen dienen:

 

1.    Kein Kind darf wegen seiner Hautfarbe oder Sprache, Religion oder Meinung, Geschlecht oder Herkunft, Behinderung oder auf Grund von anderen persönlichen Eigenschaften schlechter behandelt werden als andere. (vgl. Artikel 2)

2.    Bei Entscheidungen ist vorrangig das Wohl der Kinder mit zu berücksichtigen. Kinder sollen sich willkommen fühlen und Schutz vor Missbrauch und Gewalt erfahren. Sie brauchen eine Umgebung zum Leben und Lernen, in der sie sich so weit wie möglich frei entwickeln können (vgl. Artikel 3 und 6).

3.    Was Kinder sagen, wird gehört, respektiert und ernst genommen. Zu Fragen, von denen sie betroffen sind, können sie ihre Wünsche oder Sorgen äußern. Sie dürfen ihre Meinung erzählen, aufschreiben, malen, singen, tanzen oder wie auch immer zeigen und verbreiten, wenn dabei keinem anderen geschadet wird. Gleichzeitig darf niemand unerlaubt über Dinge, Gedanken und Geheimnisse verfügen, die allein für das Kind wichtig und kostbar sind. Jedes Kind hat eine Würde, die nicht verletzt werden darf. (vgl. Artikel 12 und 16)

4.    Kinder sollen auf verständliche Weise erfahren, was in der Welt passiert, wie Menschen zusammen leben und warum immer wieder Dinge verändert oder entschieden werden müssen. Der freie Zugang zu Informationen und Medien in allen Formen und in verschiedenen Sprachen soll für alle Kinder möglich sein. Es ist daher besonders wichtig, dass Kinderbücher hergestellt und verbreitet werden. Gleichzeitig ist Sorge dafür zu tragen, dass von frei verfügbaren Medien keine Verletzungen und Gefahren für Kinder und andere ausgehen (vgl. Artikel 17)

5.    Gemeinschaft und Freunde sind wichtig. Jedes Kind darf sich mit anderen zu einer Gruppe zusammenschließen.  Dafür brauchen Kinder Orte, an denen sie sich ungehindert treffen und Zeit miteinander verbringen können. Das Recht anderer Menschen darf durch solche Versammlungen nicht eingeschränkt werden (vgl. Artikel 15).

6.    Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Der Besuch der Grundschule soll verpflichtend sein und jedem Kind kostenlos die Möglichkeit eröffnen, sich persönlich und später auch beruflich zu entwickeln. Dabei ist es besonders wichtig, dass Menschen überall auf der Welt lesen und schreiben lernen. Diese große Aufgabe kann nur gelingen, wenn viele dabei mithelfen (vgl. Artikel 28)

7.    Lernen ist nicht allein für den späteren Beruf und persönlichen Vorteil von Bedeutung.  Es ist die Chance des heutigen Tages, dass Kinder Erfahrungen sammeln und Begabungen entfalten. Sie spüren, was ihnen gut tut und wie sie daran mitwirken können, dass es auch anderen gut geht: Frieden und Gerechtigkeit, Verständnis im Umgang miteinander und Achtung vor der Natur kann man jeden Tag lernen und weitergeben. Nicht nur die Schule – auch viele andere müssen dazu beitragen, dieses Wissen über ein gutes Leben zu teilen und zu verbreiten (vgl. Artikel 29)

8.    Jedes Kind hat ein Recht auf Spiel und Entspannung. Es muss Zeiten geben, in denen Kinder einfach Ruhe für sich finden und Dinge tun können, die ihnen Freude machen. Kinderbücher, Filme und Spielmaterialien helfen dabei, solche Zeiten zu genießen. Auch Orte, an denen sie Musik und Theater, Kunst und Bewegung erleben, sind wichtig dafür (vgl. Artikel 31).

In Anlehnung an ausgewählte Rechte der UN-Kinderrechtskonvention formuliert von Susanne Brandt