Literarisch unterwegs: Wien – Bratislava – Limburg – Eisenach

Wien – Bratislava – Limburg – Eisenach…Was lässt uns hin und wieder aufbrechen, das Weite suchen,  auf verschlungenen Wegen reisen? Eine kurze Antwort könnte lauten: Menschen und Landschaften, Gedichte und Geschichten. Etwas mehr davon erzählen Reiseimpressionen, die in Wien ihren Anfang nehmen und am Ende in Eisenach mit der Heimfahrt nach Flensburg ausklingen.

1. Station: Wien

Um es gleich vorweg zu nehmen: Als Stadt strahlt das heutige Wien für mich nicht das aus, was ich im Vergleich dazu in Prag oder Krakau entdeckt habe – auch wenn mir die drei Tage hier viele interessante Eindrücke geschenkt haben.

Der erste Tag – zugleich mein erster Besuch überhaupt in Wien! – ist einer ersten Stadterkundung gewidmet. Bald wird mir klar: zu viel Schnörkel, Prunk und Fassadenglanz, zu wenig Licht, das von innen heraus strahlt, das eine verborgene Seele hat. Insgesamt haftet dieser Stadt nach meinem Eindruck etwas Behäbiges und Erstarrtes an. Mir fehlt die Leichtigkeit, das Unvollkommene, das eine Stadt lebendig und in Bewegung hält. Oder bin ich es, die zu sehr von außen schaut?  In dieser kurzen Zeit das Schlupfloch hinter die glanzvollen Fassaden nicht finde?

Fotoausstellung Yvonne Oswald / Jüdisches Museum Wien

Begibt man sich auf Spurensuche nach dem, was hier einst auf andere Weise lebendig gewesen sein könnte – ganz besonders in der Kultur- und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die stark von jüdischen Persönlichkeiten geprägt war – wandelt sich das Bild.  Faszinierende Facetten kommen zum Vorschein…Zur Fotoausstellung über das „Südbahnhotel“: http://www.jmw.at/de/exhibitions/das-suedbahnhotel-am-zauberberg-der-abwesenheit-fotografien-von-yvonne-oswald

Und auch Facetten aus dem lebendigen literarischen Leben heute lassen das kulturelle Gesicht von Stadt und Region anders leuchten. Aber dazu später.

Was diese Stadt aus ihrer Geschichte zu erzählen hat, wird für mich vor allem in zwei Museen sichtbar: dem Wien Museum mit seinem Überblick zur Stadtgeschichte (und aktuell mit der sehenswerten Ausstellung zu Mira Lobe) und dem Jüdischen Museum. So

Mira Lobe Ausstellung Wien Museum

fängt die literarische Reise für mich mit einem kritischen Erinnern an Mira Lobe an, deren  kinderliterarisches Schaffen der 1970er Jahre (z.B. Das kleine Ich bin ich) mit Wien verbunden ist, vor allem aber auch mit einem Lebensweg, der sie erst nach dem Krieg in diese Stadt geführt hat: www.miralobe.at

Jüdisches Wien in Vergangenheit und Gegenwart

Jüdisches Museum Wien / Foto vom Foto von Maya Zack: Susanne Brandt

Am zweiten Wien-Tag (also genau am 9. November!) steht zunächst die jüdische Geschichte dieser Stadt im Mittelpunkt, wie sie im Museum und auf dem Judenplatz eindrucksvoll und gegenwartsbezogen dokumentiert ist.

Zum Bild: Die Fotokunst von Maya Zack reflektiert hier mit dem vom Schabbat-Tisch ausgehenden Licht die kabbalistische Vorstellung vom göttlichen Licht am 7. Tag.

Ich mache mich vertraut mit dem Leben der Juden hier in Vergangenheit und Gegenwart, lasse mich an Namen und Ereignisse erinnern (wie z.B. an Viktor E. Frankl und sein Gespräch mit Pinkas Lapide in dieser Stadt vor genau 30 Jahren), schmökere in Torbergs „Tante Jolesch“ als anekdotische Erinnerung an das vergangene Wien: http://www.oesterreich-am-wort.at/treffer/atom/0178286B-31E-00472-00000BEC-01772EE2/,

„Da ist noch Land“ –  literarische Begegnung ganz gegenwärtig

„Da ist noch Land“ – 3. Preis im Lyrikbewerb

Vor den Toren Wiens – im Kurort Baden an der niederösterreichischen Weinstraße – geht es dann am Abend beim Kulturfestival Art.experience im Finale des International ausgeschriebenen  Literaturwettbewerbs um einen winzigen Ausschnitt vom literarischen Leben (nicht nur!) in Wien und umzu  heute. Eindrucksvolle Beiträge vor allem von den jugendlichen Teilnehmerinnen überraschen und machen mich hellhörig für ihre sprachliche wie inhaltliche Tiefe, das darin ausgedrückte Einfühlungsvermögen und die Gabe der 15-18jährigen, so feinsinnig und virtuos zu erzählen.

Dass später dann in der Sparte Lyrik mein Gedicht „Da ist noch Land“ an diesem Abend mit  dem 3. Preis ausgezeichnet wird, freut mich besonders deshalb, weil mir daran gelegen war und ist, diesen Text ins Jahr 2014 hinein sprechen zu lassen und gleichzeitig über Grenzen hinweg weiterzutragen. Entstanden ist der Text im

Preisverleihung mit Gabriele Ecker,  Literaturförderung NÖ  Foto: art.experience

Sommer – ausgelöst von Ratlosigkeit, Zorn und Visionen im Blick auf die aktuellen Kriegs- und Krisenregionen in Israel, Syrien, Irak – und gerade am 9. November grenzüberschreitend als Friedenssehnsucht zu lesen…

Nach zwei Tagen Wien lockt der Blick und Schritt über eine bis dahin unbereiste Grenze: Ein Tagesausflug nach Bratislava/Slowakei – malerisch am Fuße der Karpaten an der Donau gelegen –  ist dank einer schnellen Verbindung von/nach Wien mit dem modernen Shuttle-Express hin und zurück inkl. Nahverkehr  für 15,00 Euro ein erschwingliches und unbedingt lohnendes Erlebnis!

2. Station: Bratislava

Straßencafes in Bratislava / Foto: Susanne Brandt

Verglichen mit dem ständigen Gedränge in Wien wirkt die „kleine östliche Nachbarin“  entspannt und entspannend mit ihrer um diese Zeit touristisch kaum bevölkerten Altstadt, den wunderschönen Gassen, Höfen, Straßencafes und Winkeln, die zum modernen Neustadt-Ring aus Glaspalästen diverser Konzerne einen bizarren, trotzig anmutenden Kontrast bilden.

Und von der erhöht liegenden Burg aus wandert der Blick über die Donau: Manche Geschichten fangen an Flüssen an

Während die Stadt in mancher Hinsicht um Balance zwischen Historie und Tradition, Entwicklung und Aufbruch ringt, scheint die Städtische Bibliothek es hier schwer zu haben, in Bewegung zu kommen. Freundliche Menschen führen mich hier durch Räumlichkeiten, die von Größe und Ausstattung her eher an eine Kleinstadtbücherei der 1970er Jahre denn an eine Hauptstadtbücherei des 21. Jahrhunderts denken lassen – auch wenn dir Mitarbeitenden vielleicht längst andere Zukunftsvisionen im Kopf haben…

Volkskunst in Bratislava

Das literarische Schaffen in slowakischer Sprache mag auf dem Buchmarkt überschaubar sein – Musik, Erzählkultur, Theater, Malerei und was sonst noch der Volkskunst zuzurechnen ist, wirkt hier in vielerlei Form lebendig und scheint weit mehr zu sein als touristische Dekoration. Als Beispiel dafür nehme ich mir eine „kunterbunte Kalinka“, wie ich sie getauft habe, als Erzählfigur für Geschichten mit – ein originelles und handgemachtes Unikat, das in vielerlei Weise mit den Kindern agieren, singen, tanzen kann. Ich werde erleben, was sie vor hat…und schon beim Weiterreisen entstehen die ersten Ideen.

Die Figur wie auch die Malereien auf dem Bild oben stammen – wie ich nachträglich mit

Figuren von Sona Mrazova

dem google-Übersetzer aus dem Slowakischen herauslesen konnte – von der Designerin Sona Mrazova (http://www.sonamrazova.szm.com/), die vom Puppenspiel herkommt (was ich der Figur an der Nasenspitze angesehen habe).

Zu ihrer Biografie: 1968 in Nitra geboren, studierte an der Kunstgewerbeschule in Kremnica Industriedesign. Nach dem Studium arbeitete sie am Puppentheater in Nitra, seit 1999 konzentriert sie sich jedoch auf ihre eigenen Puppen, Spielsachen und Malereien auf Holz zur Innenraumgestaltung.

3. Station: Limburg

Weiterreise Richtung Frankfurt: In und um Limburg geht es an zwei Fortbildungstagen um das Erzählen mit Kamishibai in der Grundschule. Die Gespräche mit den Teilnehmenden sind dabei immer auch Autoren-Werkstattgespräche: Wie wird aus gelebtem Leben erzähltes Leben? Wie lassen sich Biografien für jüngere Kinder erzählen – nachvollziehbar und angemessen vereinfacht? Das diskutieren wir u.a. am Beispiel der Luther-Geschichte. Ambivalentes und Brüchiges soll mit und für Kinder nicht glattgestrichen werden, kann jedoch als Frage oder Zweifel das Fragliche andeuten. Anstöße, die mich im Nachdenken über geplante Buchprojekte  beim Weiterreisen beschäftigen werden…

(Lebens-)Geschichten erzählen mit Kamishibai – Beispiele und Erfahrungsaustausch 

Thema war auch die praktische Handhabung des Erzähltheaters im Sinne eines Handwerkszeugs, das in ein vielfältiges Wechselspiel mit den eigenen wie mit den kindlichen Erzählvarianten treten kann. Hier geht es weniger um ein allgemeingültiges Richtig oder Falsch, sondern wiederum um Fragen: Wie kann ich eine für mich stimmige Art des Erzählens entdecken, durch die sich Bilder, Sprache und Inhalt so vermitteln lassen, dass die Kinder sich wirklich ernst genommen und angesprochen fühlen? Wo bleibe ich nah am Text, wo setze ich eigene Akzente? Wie gestalte ich den Dialog mit den Kindern? Das Erzähltheater erweist sich dabei als Unterstützung in genau diesem Sinne: es stützt und hebt den Wert und die Aufmerksamkeit für die jeweils in den Fokus gestellte Szene, was besonders den von Kindern gemachten Bildern einen besonderen Wert verleiht.

Limburger Dom / Foto: Susanne Brandt

Zwischen den Seminaren bleibt Zeit, sich die mittelalterlichen Gassen von Limburg anzuschauen und den Limburger Dom hoch am Uferhang zur Lahn: viel Himmelslicht und -weite erzählen unter 7 Türmchen vom himmlischen Jerusalem. Besonders berührend für mich eher im Verborgenen: der schlichte Altar in der Sakramentekapelle, einem stillem Andachtsraum an der Nordseite mit zeichenhaften Darstellungen für Licht und Leben, dazu die Wanderstäbe der 12 Apostel, aus denen grüne Blätter wachsen.

Hätte ich gastronomische Sternchen in Limburg zu vergeben, würde gewiss „Bella citta vecchia“ als behagliches und ruhiges Italienisches Lokal in der Altstadt für die wirklich knackfrischen Salatzutaten und die entspannte Atmosphäre einen abbekommen sowie Tafelspitz für die gute Bäckerbrot- und -brötchenqualität beim Frühstück. A propos Bäcker: Wer das altehrwürdige Bäckereihandwerk zu schätzen weiß, kommt in Limburg an www.baeckerei-hensler.de nicht vorbei, wo handfestes Backen mit der Kunst der Traditionsmotive und -formen verbunden wird (gerade noch mitbekommen: die Martinsbrezel).

4. Station: Eisenach

Wartburg / Foto: Susanne Brandt

Auf zum nächsten schönen Ort: Auf halbem Weg am Hang zur Wartburg eröffnet das Haus Hainstein in Eisenach weite Blicke über die bergige Landschaft. Eine Wanderung durch den goldenen Herbstwald zur Burg wird hier zu einem besonderen Kultur-und Naturerlebnis, vor allem aber zu einer wohltuenden und wichtigen Zäsur im dicht gefüllten Vortragsprogramm. Hier also begegnet mir Luther als literarisches Thema erneut auf dieser Reise –  und der Gedanke, ob und wie man Kindern über Elisabeth von Thüringen erzählen könnte, auch…

Die interdisziplinäre AKJ-Tagung mit Menschen aus Verlagen, Journalismus, Rundfunk, Hochschulen, Bibliotheken und Schulen, die sich hier treffen, um 3 Tage lang über Literaturkritik zu diskutieren, ist anregend und macht in entspannter Atmosphäre gute Begegnungen mit wichtigen „Randgesprächen“ möglich. Nachdem es auf dem Podium und in den ersten Vorträgen u.a. um die Frage geht, ob und wie die Kritik zur Kinder- und Jugendliteratur als Kunst (nicht zu relativieren durch die Frage der Vermittelbarkeit und Adressateneinschätzung) mehr öffentliche Beachtung und Anerkennung bekommen kann, bringt der Journalist Thomas Linden die besonderen Wahrnehmungsqualitäten des Buches für die kindliche Entwicklung in die Diskussion ein. Die wichtigsten Thesen als Extrakt aus seinem Vortrag:

  • Die Suche nach Handlung und Sinn im Bilderbuch ist die Initialzündung für den Zugang zu Geschichten.
  • Im stummen Selbstgespräch mit dem Buch verarbeitet ein Kind Emotionen.
  • Das bewegte Bild ist auf Wechsel ausgerichtet, das stehende Bild auf das Betrachten, Nachdenken, Interpretieren.
  • Das Leben ist ein Lesen von Beziehungen und Empfindungen mit seinen Zwischentönen, was großräumiges Denken möglich macht und den verinnerlichten Text des Lebens erschließt.

Die lebendige Wechselbeziehungen zwischen Lesen/Bildbetrachtung und kindlicher Entwicklung/Lebenskompetenz erweist sich so gesehen als ein elementarer Hintergrund, der bei der Literaturkritik mitgedacht werden kann, ohne dadurch die Kinder selbst zu Experten und ihre subjektiven Vorlieben in unangemessener Weise zum Maßstab zu erklären

Das kindliche Erleben im Umgang mit Büchern immer wieder interessiert und offen wahrzunehmen und sich davon im eigenen Weiterdenken, im Einschätzen und Auswählen inspirieren zu lassen – vielleicht wäre das eine Form, um sich der gegebenen Distanz zwischen Literaturkritik und Kindermeinung konstruktiv zu stellen.

Um Wahrnehmung geht es auch bei der Betrachtung und Bewertung von Bildern, was in einem weiteres Schwerpunkt des Programms in den Fokus gerückt wird.

Und mit einigen Aspekten knüpft die von mir dann am Abschlusstag mit einem Referat angestoßene Diskussion zur Entwicklung und möglichen Bewertung von Kindersachliteratur an diese Thesen an: Es gilt, die besonderen narrativen und gestalterischen Möglichkeiten des Sachbuches zu nutzen und zu kommunizieren, die ein weiteres und vertiefendes Denken und Erschließen von Wissen möglich machen als die schnellen Infos aus dem Netz. Beides wird vermehrt nebeneinander zu nutzen sein – im genauen Bewusstsein für die spezifischen Grenzen und Chancen der verschiedenen Vermittlungswege. Auch hierzu kann eine Literaturkritik, die diese Perlen zu würdigen weiß, einen wichtigen Beitrag leisten.

Wunderbare Autorenbegegnungen

Als besondere Höhepunkte des Programms erweisen sich schließlich die Werkstattgespräche zu Bild und Text: Einblicke in die künstlerische Arbeitsweise des Peter Schössow am Beispiel des „Armen Peter“ vertiefen das Verständnis für die Bedeutung und Erzählkraft diverser Details, die neben den Worten als kleine Nebengeschichten zu lesen sind und als solche weit über die Funktion der bloßen Textillustration hinausweisen, den Text aber zugleich kongenial als Bühnentragödie erschließen.

 

Und die Lesung mit Andreas Steinhöfel wärmt wirklich die Herzen! Mit seinen Geschichten (und auch mit seiner Art, diese vor Publikum zu lesen) schlägt er einen warmherzigen und ehrlichen Ton an, der lange nachklingt. Ohne falsche Sentimentalität, mit einem feinen Humor, der nie aufgesetzt und platt wirkt, weiß er atmosphärisch dichte Geschichten zu erzählen und Persönlichkeiten von Kindern und Jugendlichen zu charakterisieren, die ihm diese wirklich abnehmen. Sehr berührend!

Zum Abschluss dieser Reise nun noch einmal gefragt: Warum brechen wir hin und wieder auf und suchen das Weite? Vielleicht weil es gut tut, sich immer mal wieder anders ansprechen zu lassen, im Wechselspiel aus Abstand und Nähe andere Menschen (und sich selbst) neu und überraschend wahrzunehmen,  Zäsuren zu setzen in der Alltagsroutine und möglicherweise ein bisschen anders heimzukehren als man aufgebrochen ist.

Susanne Brandt, im November 2014