Sonnengesang am Wattenmeer

© Martin Stock / LKN-SH

Auch “Watt(w)orte” haben hier auf “Wald(w)orte” ihren Platz – geht es auf dieser Seite doch nicht allein um den Wald im engen Sinne, sondern vielmehr um die Wahrnehmung der Umwelt  in einem größeren Lebenszusammenhang. Und eben diesen Lebenszusammenhang gilt es mit dem Wattenmeer zu schützen – und zu bestaunen:

„Das Wattenmeer ist ein Ort unfassbarer Schönheit, magisch, wild und üppig. Ein Ort erhabener Stille und donnernden Brausens, eine ästhetische Wüste und ein ökologischer Dschungel”, beschreibt Umweltminister Robert Habeck den größten Naturschatz des Landes zum 5. Jahrestag des Weltnaturerbes Wattenmeer. Staunen und eine poetische Kraft sprechen aus diesen und vielen anderen Worten, wenn Menschen vom Wattenmeer erzählen. Und wenn man selbst die Tages- und Jahreszeiten draußen am Wattenmeer erlebt oder die Fotokunst von Martin Stock (www.wattenmeerbilder.de) betrachtet, die noch bis Ende September in der Ausstellung “Weltnaturerbe Wattenmeer – Spiegel des Himmels” (http://www.christianjensenkolleg.de/events/ausstellung-weltnaturerbe-wattenmeer-spiegel-des-himmels/) zu sehen ist, ahnt man warum: Dieses 11.500 Quadratkilometer große Gebiet von unermesslich scheinender Weite ist nicht nur ökologisch mit seinen rund 10.000 Arten als Lebens- und Nahrungsraum von außergewöhnlicher Bedeutung, es ist auch eine Landschaft, die die Menschen wie kaum eine andere  fasziniert.

© Martin Stock / LKN-SH

Das immer wieder wechselnde Spiel des Lichtes, das Gefühl von Grenzenlosigkeit und Freiheit und die Berührung von Himmel und Erde, wie sie den Betrachtenden am Horizont vor Augen steht – in all diesen Phänomenen wohnt eine Symbolkraft, die Menschen auch für eine spirituelle Dimension dieser einzigartigen Naturerfahrung sensibilisieren kann. Oder wie es Ministerin Anke Spoorendonk bei den Jubiläumsfeierlichkeiten in Breklum ausdrückte: Natur und Kultur gehören untrennbar zusammen, wenn Menschen das Wattenmeer erleben.

© Martin Stock / LKN-SH

So lässt sich das, was das Wattenmeer neben seinem biologischen Wert  für die Menschen bedeutet, kaum nüchtern beschreiben, wohl aber in poetische Bilder kleiden, die Menschen zu verschiedenen Zeiten aus dem Erleben der Natur heraus beschrieben haben: Der Biologe und Naturfotograf Martin Stock besann sich in seiner Einführung zum WeltNaturErbe-Fest und zur Fotoausstellung auf den Sonnengesang des Franz von Assisi, um anklingen zu lassen, wie das Wattenmeer den Menschen an seine Geschöpflichkeit und an seine Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung erinnert. Auch wenn Franz von Assisi das Wattenmeer vermutlich nie gesehen und bei seinem Sonnengesang eher die Weite der italienischen Bergwelt im Sinn hatte: Wind, Wasser und Luft, Sonne, Mond und Sterne wie “Geschwister” zu lieben und durch sie die Beziehung zur Schöpfung wahrzunehmen, ist nicht an eine bestimmte Landschaft gebunden, wohl aber an eine achtsame und einfühlsame Beziehung zur lebendigen Umwelt.

So ist auch meine persönliche Rückbesinnung auf 5 Jahre WeltNaturErbe und fast 30 Jahre Nationalpark Wattenmeer (seit 1985/1986: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/sh) an diesem Tag zugleich eine Rückbesinnung auf fast 30 Jahre Leben, Lesen und Schreiben in Küstennähe: in Cuxhaven, in Ostfriesland und jetzt im Norden von Schleswig-Holstein, wo der Weg zwischen Nord- und Ostsee so kurz ist wie wohl nirgendwo sonst auf der Welt.

Und immer verbinden sich mit den Erinnerungen an Wattwanderungen und Deichspaziergänge, Wind und Weite zu allen Tages- und Jahreszeiten auch Erinnerungen an Texte und Lieder, die davon erzählen: wie das Lied von der Möwe des Cuxhavener Dichters Arno Pötzsch oder all jene Gedichte, die sich später zu einem Möwenbuch zusammengefügt haben. Oder jener hier in Schleswig-Holstein entstandene Text “Nordseehimmel”, der jetzt in der Breklumer Ausstellung einen Platz gefunden hat:

 

c Martin Stock / LKN-SH

Hier spielt nicht das große Theater.
Es reicht für ein Tänzchen
der Schatten und Farben
schon wenig Licht,
das mutig und glühend
durch winterlich träge Wolken bricht
 
für einen Moment.
 
Was bleibt, ist ein Funke
vom himmlischen Feuer,
der brennt.
 
 
 

“Ein Ort, wo sich Himmel und Erde eine Bühne teilen” – so umschreibt es die UNESCO auf ihrer Wattenmeer-Seite (http://www.waddensea-worldheritage.org/de).

Nein,  nicht das große Theater – wohl aber ein stilles, immer wieder faszinierendes Naturschauspiel aus kleinsten Lebensspuren und unermesslicher Weite.

Susanne Brandt

Buch-Tipp:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Hintergrundinfo:
Vor 5 Jahren war das Wattenmeer der Niederlande, Niedersachsens und Schleswig-Holsteins von der UNESCO als Welterbe der Menschheit ausgezeichnet worden. Hamburgs Wattenmeeranteil kam zwei Jahre später hinzu. Mit der Anerkennung des dänischen und einer seeseitigen Erweiterung des niedersächsischen Teils vor wenigen Tagen in Doha / Katar erstreckt sich das Wattenmeer-Weltnaturerbe nun über 500 Kilometer, von Esbjerg in Dänemark bis nach Den Helder in den Niederlanden, und ist 11.500 Quadratkilometer groß. Für geologische und ökologische Prozesse sowie für den Erhalt der biologischen Vielfalt hat das Wattenmeer weltweit herausragende Bedeutung. Rund 10.000 Arten leben hier, von einzelligen Organismen bis zu höheren Pflanzen und Tieren. Am spektakulärsten ist der Vogelzug im Frühjahr und Herbst, wenn bis zu zwölf Millionen Vögel im Wattenmeer Nahrung suchen.Das gesamte Wattenmeer – das es so in keiner anderen Region der Welt gibt – ist nun vollständig durch Nationalparks oder vergleichbare Schutzgebiete geschützt und von der Weltgemeinschaft als bedeutsames Erbe der Menschheit anerkannt.