Waldworte des Tages: Spätnachmittag – Erinnerung an Selma Meerbaum-Eisinger

Sommerlicher Spätnachmittag / Foto: Susanne Brandt

Neben der hier schon häufig zitierten Etty Hillesum, an deren 100. Geburtstag im Jahre 2014 vielerorts erinnert wird, gibt dieser Sommer Anlass, sich noch auf einen anderen Geburtstag zu besinnen: Zehn Jahre nach Etty Hillesum – im August vor 90 Jahren – wurde Selma Meerbaum-Eisinger  in Czernowitz geboren. Schon sehr früh las sie Gedichte von Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Klabund, Paul Verlaine und Rabindranath Tagore, die das poetische, ungewöhnlich reife Schreiben der damals etwa 16jährigen spürbar prägten.  Nach dem Einmarsch deutscher Truppen im Juli 1941 wurden die Eisingers als jüdische Familie gezwungen, im Ghetto der Stadt Czernowitz zu leben und Monate später von dort in das Arbeitslager Michailowka in Transnistrien (Ukraine) deportiert. Dort starb Selma Meerbaum-Eisinger am 16.12.1942 an Flecktyphus.

Auf erstaunlichen Wegen ist es gelungen, ihre Gedichte zu retten, die bis heute bekannt und im Buchhandel erhältlich sind. Eine feine Wahrnehmung der Klänge und Stimmungen in der Natur stehen im Mittelpunkt vieler ihrer Texte – wie bei folgender Impression der stillen Atmosphäre eines Spätnachmittags in der Natur:

Spätnachmittag

Lange Schatten fallen auf den hellen Weg
und die Sonne schickt noch letzte Abschiedswärme
und das dünne Zwitschern eines Vogels ist, als ob es lärme
und als stehl’ es etwas von der Stille weg.
Menschen auf zehn Schritt Entfernung
sind wie aus ganz andern Welten
und fast möchte man die welken Blätter schelten,
daß sie rascheln und die letzten Sonnenstrahlen stören.
Und man möchte nur die Veilchen wachsen hören.

16.4.1940 (aus S.M.-E.: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund.
Hrsg. von Jürgen Serke, 1984)