“Eigentlich müsste jede Bibliothek einen Garten haben…” – Kinder als Geschichtenerfinder

Vorlesestunde in der Bibliothek – draußen ist schönstes Sommerwetter, drinnen gähnende Leere. Aber ein paar Kinder kommen doch: andere als sonst, vier etwa 11 oder 12jährige Mädchen,  dazu ein etwa achtjähriger Junge. Eingeladen zum Vorlesen sind Kinder ab fünf Jahre. “Schön wäre es, wenn die Bibliothek jetzt einen Garten hätte, einen Baum oder eine große Wiese vorm Haus”, sind wir uns einig. An anderen Orten habe ich das so schon erlebt und habe das Vorlesen an solchen Tagen oft spontan nach draußen verlegt. Hier geht das leider nicht.

Von der Kraft der Fantasie

Aber Spontanität ist heute trotzdem gefragt. Die für Fünfjährige vorbereiteten Vorlesegeschichten passen nicht. Zum Glück habe ich noch ein anderes Buch dabei, mein Lieblings-Vorlesebuch, das Geschichten für alle Fälle enthält: “Folge deinem Traum. Geschichten, Bilder, Gedichte für wache Kinder jeden Alters”. Zwei Geschichten daraus lese ich vor: “Ein Traum von einer Klassenreise” von Timo Parvela für die Älteren, und “Was kleine Elefanten träumen” für den Jüngeren.  Geschichten von der Kraft der Fantasie – und die fängt nun an, sich auch in den Kindern zu entfalten.

Kinder werden Geschichtenerfinder

Mehr vorlesen muss ich an diesem Nachmittag nicht mehr, denn jetzt fangen die Kinder selbst an zu erzählen: Der Junge, ein feinsinniges und nachdenkliches Kind, hat sichtlich Freude an der Elefantengeschichte und überlegte sich als Fortsetzung die Episode von einem zarten Elefanten, der – weil er so klein und leicht ist – fliegen kann, seinen Rüssel als Propeller nutzte und sich so über all die Großen und Starken erhebt.

Ein Mädchen, das als Hobby Judo nennt, beginnt mit einer ganz neuen Geschichte und erfindet ein Abenteuer, bei dem das Mädchen den Bösewicht mit Judogriffen besiegt. Für ein anderes Mädchen in der Runde wird ihr Hobby, das Tanzen,  in der Geschichte zunächst zum Verhängnis:  Ihre Protagonistin bricht sich in der Fantasie ein Bein und wird hilflos von einem Riesen in eine Höhle verschleppt. Der aber scheitert schließlich an seiner eigenen Größe, stößt sich den Kopf an der Höhlendecke, wird ohnmächtig und die Gefangene kann mit dem Handy Hilfe holen…

“Denkt euch doch einfach selbst was aus…”

45 Minuten sind im Nu verflogen.  Nicht zum ersten Mal erlebe ich diese Begeisterung, mit der Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren sich spontan darauf einlassen, eigene Geschichten zu erfinden. Wenn meine mitgebrachten Geschichten nicht alle passen, weil ich mit einer anderen Altersgruppe gerechnet hatte, sage ich einfach: “Denkt euch doch einfach selbst was aus. Ich weiß, dass ihr das könnt!” – und schon geht es los!

Ist zu Beginn keine Vorlesegeschichte parat, die zum Weitererzählen anregt – wie hier die Geschichte vom träumenden Elefanten – dann sind es einfache Impulse: Was ist euer Hobby? Womit kennt ihr euch gut aus? Das macht den Einstieg leicht. Viele Kinder haben offenbar tradierte Märchenmotive und Heldenreisen als Muster im Kopf und verstehen es, diese geschickt mit eigenen Alltagserlebnissen und Themen zu verknüpfen. Wo der Erzählfluss stockt, kann durch gezielte Fragen oder Impulse der begonnene Faden aufgenommen und weitergesponnen werden, bis die Kinder eine Stelle finden, um mit eigenen Ideen wieder einzusteigen. Dialogisches Erzählen ist eine wunderbare Möglichkeit, Kommunikation und Narration miteinander zu verbinden.

Ein “Hosentaschenbuch” als Erzählhilfe

Manchmal hilft auch ein bisschen Handwerkszeug, um die „Bauarbeit“ an einer Geschichte zu erleichtern. Als Orientierungshilfe können folgende sechs Fragen dienen, falls Kinder Mühe haben, ihre Einfälle in eine schlüssige Reihenfolge zu bringen:

1. Wie stelle ich mir die Hauptperson vor?

2. Wo spielt die Geschichte?

3. Welches Problem/ welche Aufgabe entsteht und muss bewältigt werden?

4. Wer oder was kommt dabei zur Hilfe?

5. Welche  Lösung des Problems / der Aufgabe ist möglich?

6. Wie endet die Geschichte?

Wenn die Geschichte am Ende sogar zu Papier gebracht werden soll (das muss nicht sein, ist für manche Kinder aber ein Anreiz) kann es hilfreich sein, das leere Blatt in kleinere Einheiten zu untergliedern, zumal es beim Geschichtenerfinden nicht unbedingt darauf ankommt, einen kompletten Text auszuformulieren. Auch mit Bildern und Skizzen lässt sich eine Handlung beschreiben!

Gut einsetzbar ist hierfür – wie auch für viele andere Leseförderaktionen – ein ganz einfach aus einem Blatt DIN A 4 Papier zu faltendes „Hosentaschenbuch“, in dem sich innen  sechs Seiten und außen zwei Umschlagseiten mit einer selbst erfundenen Geschichte so gestalten lassen, dass jedes Kind am Ende sein erstes eignes Buch in den Händen hält. Die sechs Seiten erlauben es, pro Seite genau eine der oben genannten Leitfragen zu bearbeiten, d.h. mit Wörtern oder Bildzeichen kurz zu skizzieren. Blättern die Kinder ihr Buch schließlich von vorn bis hinten durch, „lesen“ sie dabei den Verlauf der erfundenen Geschichte in einer schlüssigen Reihenfolge und können ihr Werk am Ende noch mit einer passenden Umschlag- und Titelgestaltung vervollständigen.

Eine genaue Faltanleitung mit Tipps rund um den Einsatz dieser unkomplizierten  Minibücher ist hier zu finden: http://www.minibooks.ch/

Übrigens: Kinder, die jüngeren Kindern gern etwas vorlesen möchten, das aber noch nicht flüssig hinbekommen, sind im freien Erzählen manchmal viel sicherer und lebendiger. Bevor sie also die Sicherheit des lauten Vorlesens gewonnen haben, können sie mit dem freien Erzählen ihrer Freude, sich anderen mitzuteilen, Ausdruck geben und dabei zugleich mehr Übung im freien und flüssigen Sprechen – auch für das spätere Selbstlesen – gewinnen.

Das alles hätten wir auch unter einem Baum im Garten machen können. Denn für das Erzählen braucht man nichts, was nicht auch draußen dabei wäre: Interesse füreinander, offene Ohren, Fabulierlust, Spaß am Fantasieren, Inspiration aus dem eigenen Leben und durch alles, was ringsherum geschieht…

Ein Garten vor der Bibliothek – ja, auch das ist Leseförderung!

Susanne Brandt